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Beunruhigende Fragen

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Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht.

Er hatte Angst.

Neben ihm lag eine Leiche.

Schweißgebadet versuchte er die letzten unglaublichen Momente zu reflektieren, doch es fiel ihm schwer.

Da waren langsame, keuchende Geräusche vor der Zimmertür gewesen. Sie kamen näher. Jemand stand da draußen. Wer war es? Wer kommt um Mitternacht und schlurft?

Er wusste es auch jetzt noch nicht, aber sein Herz pumpte das Blut so schnell durch seinen Kreislauf, dass er umgefallen wäre, hätte er nicht bereits im Bett gelegen.

Er hatte schneller zu atmen begonnen und ihm wurde schlecht. Kam das von der Aufregung allein oder auch von dem modrigen Geruch, der den Raum allmählich gefüllt hatte?

Unter leisen Kratz- und Stöhngeräuschen war die Tür schließlich aufgeschwungen und schemenhaft schob sich ein Arm wie ein pilzbefallener Ast in Morts Blickfeld. Das Röcheln wurde lauter, und Mort hätte eigentlich sehr gerne weggeschaut, am liebsten den Fernseher abgeschaltet, doch das war unmöglich.

Der Zombie starrte ihn an.

Das können Zombies besonders gut, wobei dieser hier insgesamt nur ein halbes Auge besaß.

Die Leiche setzte einen Fuß nach vorne. Als das Ding sein Gewicht verlagerte, fielen kleine faulige Fleischfetzten und verschieden Arten Ekel erregender flügelloser Insekten zu Boden.

Er kam auf Mort zu!

Dieser fand vor Angst kaum die Kraft, zurückzuweichen und sich an die Wand zu pressen.

Er kam noch näher!

Dankbar fühlte Mort, schwitzend und nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, wie sein Bewusstsein langsam von seinen Urinstinkten, die jetzt von ihm Besitz ergriffen, vernebelt wurde.

Flucht oder Kampf.

Flucht war nicht drin, also griff Mort den Zombie an. Das angestaute Adrenalin verwandelte die Angst in Zorn und Kraft, sodass Mort dem Untoten blitzschnell und überraschend entgegensprang, die knochigen Fäuste hoch erhoben.

Doch der Untote war noch viel blitzschneller und überraschender. Er fing seinen Angreifer ohne erkennbare Anstrengung ab (nicht, dass man bei einem Zombie je den Ausdruck von Anstrengung erkennen könnte). Einige weitere Bestandteile seiner Anatomie verabschiedeten sich, doch daran schien er sich auch nicht mehr zu stören. Mit eisernem Griff hielt er Morts Arm fest.

Genau in diesem Moment entschied sich dessen Urinstinkt feige, aber klug, ihn wieder zu verlassen, um es Mort mit wiedererlangter Klarheit mit ansehen zu lassen, wie der Zombie sich beugte und ihm in den Arm biss.

Obschon er wegen des Blutes, das hervorquoll, nicht viel erkennen konnte, spürte er deutlich, wie die porös wirkenden Kiefer mit ungeahnter Kraft die Zähne in sein Fleisch trieben, bis hin zur Elle, welche leise splitterte. Es schmatzte unappetitlich und der Zombie grunzte genüsslich, als er das Maul wieder öffnete, um erneut mit voller Kraft zuzubeißen. Offenbar im Willen, den Arm vollständig abzutrennen.

Gleichzeitig hatte Mort mit seinem freien Arm etwas ertastet. Ein Kabel. Bevor er einen Gedanken, den Zombie damit zu würgen, auch nur einer Überlegung zu würdigen gedenken konnte, schloss sich der tote Mund wieder um sein Handgelenk. Mort riss aus einem Reflex heraus seinen freien Arm hinüber, wo sich gleich wieder die Zahnstummel in sein Fleisch bohren würden.
Diesmal rettete ihn sein Instinkt.

Das Kabel, und zwar das vom Netzstecker zur Steckdose, wie er nun wusste, geriet zufälligerweise zwischen die Zähne des Untoten und den Arm, in den er beißen wollte. Dabei musste der Zombie wohl das Meiste abbekommen haben, denn er wechselte geräuschvoll in den Zustand, der Toten gebührt, nämlich tot.

Jetzt stellten sich für Mort einige beunruhigende Fragen.

Wo war der hergekommen?

Gab es dort noch mehr?

Was würde mit seinem Arm geschehen?

Und was war das eben für ein Geräusch?

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