Artikelformat

Weihnachten steht vor der Tür

Hinterlasse eine Antwort

Der Schnee fiel, in kleinen, leichten Flocken, doch er zerschmolz am Boden. Für den Herbst war es zu kalt, und für den Winter zu matschig, aber immerhin Schnee, sagten sich Mort und Sidney. Sie konnten warten. In der Zwischenzeit fingen sie Schneeflocken, und zwar nicht, wie es kleine verweichlichte Kinder tun, mit der Zunge, sondern mit den Augen. Das ist erstens schwieriger und tut zweitens mehr weh.

Die Dekoration kam, die Werbung in Auslagen und im Fernsehen, die Wohltäter, die frühe Nacht, und nacheinander auch die vier Lichtlein am Adventskranz. Weihnachten stand vor der Tür.

Um genau zu sein, standen verschiedene Personen in Kostümen vor der Tür, die Mort überreden wollten, sein Herz für die Bedürftigen zu öffnen. Wobei sie, wie er bald herausfand, eigentlich nicht Herz, sondern Brieftasche meinten. Eine der Personen gab sich tatsächlich als Weihnachten aus; nicht als Weihnachtsmann oder das Christkind, sondern Weihnachten. Mort gab ihm zehn Cent, damit Weihnachten wieder ging.

Das echte Weihnachten war großartig wie immer. Er verbrachte es mit seiner Familie. Wie immer.

„Wer war das, Harold?", wollte seine Mutter wissen, als er von der Haustür in die Küche zurückkam.

Für alle, die sich über die Geschichten, die sie lesen, so viele Gedanken machen, dass sie sich Dinge fragen wie „Wo wohnt diese ‚Mort-Person’ überhaupt?", „Wer sind seine Eltern?", „Wo habe ich gestern aufgehört zu lesen?", oder ähnliches:

Mort wohnte bei seinen Eltern, Kurt und Kate Mortison, und ich habe sie bis jetzt noch nicht erwähnt, weil sie, sogar für die soweit langweiligen Geschehnisse, irrelevant waren. Ich muss zugeben, dass sie auch jetzt nicht von allzu großer Bedeutung sein werden, aber irgendwann muss ich sie ja mal vorstellen, oder?

„Das war Weihnachten, Mama.", sagte Mort. Er war es gewohnt, von seinen Eltern beim Vornamen genannt zu werden, obwohl er den Namen nicht ausstehen konnte.

Seine Mutter lachte.
„Und was wollte Weihnachten?", fragte sie.
„Er meinte, ich müsse mich vor einem großen Unheil in Acht nehmen. Etwas von einer Firma. Und er hat ständig „Inkink" von sich gegeben."

Kate sah ihn immer noch amüsiert an, obwohl die außergewöhnliche Vorstellungskraft ihres Jungen ihr manchmal Sorgen bereitete.

„Und was hast du gesagt?", fragte sie weiter.
„Ich hab gesagt, danke, und auf Wiedersehen."

Er verfiel in ein Schweigen. Seine Mutter wusste, nach so einer Pause konnte man nie wissen, ob er fortfahren würde oder nicht. Er fuhr fort.

„Er wollte nicht gehen, also hab ich ihm zehn Cent gegeben und die Tür zugemacht."
„Guter Junge.", sagte Kate und streute irgend etwas auf die Kekse, das nach Weihnachten roch.
In dem Moment betrat auch Morts Vater, die Küche, mit der Bemerkung, dass es darin nach Weihnachten roch.
„Na, Harold,", bemerkte er weiter, „wieder in Oblomowerei versunken? O tempora, o mores. Nichtsdestoweniger, wie schon Jean Paul bemerkte: Sprachkürze gibt Denkweite."

Kurt Mortison war ein gebildeter Mann und zitierte bei jeder Gelegenheit andere Gebildete Leute. Vielleicht in der Hoffnung, dafür selbst auch einmal zitiert zu werden.

Er war auch ziemlich verwirrt, doch das ist bei großen Geistern normal. Schade war nur, dass gelegentlich seine bildungssprachlichen Ausdrücke und Zitate in keinster Weise zur Situation passten oder mit dem, was er erzählte, in Zusammenhang standen. Da die meisten Menschen, mit denen er zu tun hatte, diese jedoch sowieso selten verstanden, war es auch wieder gleichgültig.

„Was?", fragte Mort. „Wer?", fügte er hinzu.
Sein Vater lachte kurz und laut.
„O sancta simplicitas! Also,", antwortete er unpassend auf die Frage seines Sohnes, und wechselte dann, um die Verwirrung zur Perfektion zu treiben, das Thema, „bist du schon aufgeregt, mein kleiner Melomane?"

Mort sah nicht sehr aufgeregt aus.

„Wegen Weihnachten, meine ich.", erklärte Kurt.
„Oh!", sagte Mort und wurde etwas aufgeregt,"Ja, schon."
„Wie ich sine ira et studio behaupten möchte, ich auch.", tat Kurt seine Behauptung kund.
Nachdem eine Weile lang Schweigen herrschte, sagte er, „Mors certa, hora incerta. Todsicher geht die Uhr falsch, sit venia verbo."
Damit verschwand er ebenso verwirrend, wie er aufgetaucht war, und schrieb ein Buch.

Mit der fortschreitenden Stunde nam auch der weihnachtliche Geruch von Zimt und verbrannten Tannennadeln im Haus zu. Der Weihnachtsbaum stand geschmückt hell leuchtend über den noch hübscheren Geschenken. Zu alldem akustische Untermalung von José Feliziano und Wham.

Die schönste Zeit im Jahr, möchte man sagen.

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.