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Therapie

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Therapie war nicht annähernd so cool wie er es sich vorgestellt hatte. Der Psychiater hielt es für unnotwendig, ihn Tintenflecke analysieren zu lassen, und hypnotisierte ihn nur einmal kurz gegen zwanzig Euro Aufpreis. Die meißte Zeit stellte er jedoch nur langweilige Fragen und zwang Mort dazu, sich einen Garten mit einem bunten Berg vorzustellen. Der Junge konnte keinerlei Sinn darin erkennen.

Dieser Therapeut, der sich Dr. Martinez Bramarbas nannte, war groß und dürr, wie Mort, doch mit weniger Haaren und mehr Brille (eine halbe – das heißt, eine Lesebrille, kein Monokel). Außerdem, fiel Mort auf, schien der Doktor ihn ständig nachzuahmen. Er nahm die gleiche Haltung ein, kratzte sich, wenn Mort sich kratzte, und machte von Zeit zu Zeit von denselben Ausdrücke Gebrauch, die er selbst zuvor verwendet hatte. Dabei stellte er verwirrende Fragen wie „Wo ist dein Platz in der Familie?", „Fühlst du dich verfolgt?" oder „Ich darf doch ‚du’ sagen?", und schrieb dann auf einen Zettel irgendwelche Notizen.
„Hast du viele Freunde?", wollte Dr. Bramarbas wissen.

Mort war nicht der Meinung, dass das den Doktor etwas anging, doch er antwortete trotzdem. „Ja…", sagte er, ließ seinen Mund kurz offen, und fügte hinzu: „… das heißt, nein."
Der Doktor machte eine Notiz.
„Da ist…", begann Mort wieder, doch es fiel ihm niemand ein. Seit es Sidney nicht mehr gab, hatte er mit niemandem mehr zu tun gehabt.

Der Zwerg, der in seinem Daumen wohnte, fiel ihm ein. Er war nicht wirklich sein Freund, und er wusste nicht einmal seinen Namen. Nichtsdestotrotz beschloss er, Dr. Bramarbas von seinem Untermieter zu erzählen.
Kurz glaubte er, einen ungläubigen Blick hinter der Brille zu erkennen, doch der Doktor fuhr unbeirrt fort.

„Ein Mann wohnt in deinem Daumen?"
„Ohne Miete zu bezahlen.", bestätigte Mort.
Der Doktot schrieb.
„Ist er jetzt gerade hier?", fragte er.
„Im Daumen, ja."
„Kannst du ihn sehen?"
„Nein. Er ist in meinem Daumen."
Der Doktor schrieb weiter.
„Kannst du mir beschreiben, wie er aussieht?"
„Ich denke schon."
Mort starrte geradeaus und kratzte sich an der Nase. Der Doktor hörte auf zu schreiben und kratzte sich ebenso.
„Bitte.", sagte er.
„Ach ja.", sagte Mort. „Er ist klein. Keine zwei Zentimeter groß. Blond. Die Augen sind zu klein, um die Farbe zu bestimmen. Normalerweise ist er gepflegt, die Haare gekämmt und Anzug und so."
„Siehst du ihn scharf?", fragte Dr. Bramarbas.
„Wie meinen?"
„Kannst du auf ihn fokusieren?"
„Solange er still steht. Er ist ziemlich klein."
„Ja, das hast du erwähnt. Spricht er mit dir?"
„Gelegentlich. Außer, wenn ich mit ihm über die Miete reden will. Dann ist er oft schwerhörig.", fügte Mort lachend hinzu.
Der Doktor schrieb alles mit.
„Wie klingt das? Hoch? Tief? Melodisch? Monoton?"
Langsam bereute Mort, dass er den Zwergen erwähnt hatte. Ihm wurde langweilig. Mit den Schultern zuckend sagte er: „Ziemlich leise, aber tief. Einmal hat er gesungen."
„Kannst du ihn spüren?", fragte der Therapeut weiter.
„Wenn er gerade in meinem Daumen ist, dann nicht. Das würde ja wehtun, nehm ich an. Aber wenn er rauskommt, kann ich spüren, wo er steht." Es kam ihm doch recht seltsam vor, nun da er darüber sprach.
Der Doktor machte sich noch mehr Notizen. Dann fuhr er fort: „Kannst du ihn riechen?"
„Sie meinen, ob ich ihn leiden kann?"
„Nein. Ich meine, ob er einen Geruch hat."
„Ich sag doch,", sagte Mort, „normalerweise ist er sehr gepflegt. Er duscht sich auch. Fragen sie mich nicht, wo er das Wasser herkriegt." Langsam kam er sich sehr dumm vor.
„Okay. Wie fühlst du dich dabei?"
Mort musste grinsen, denn auf diese Frage hatte er gewartet. Das war es, wie er sich Therapie vorgestellt hatte.
„Ein bisschen sauer, schon.", sagte er.
„Weil er keine Miete bezahlt?", fragte sein Therapeut.
„Genau."
„Danke.", sagte Dr. Bramarbas. Für heute hatte er genug. Er sagte die Siderodromophobie-Gruppenbehandlung am Nachmittag ab und las ein dickes Buch über paranoide Schizophrenie.
Etwas an dem Doktor fand Mort befremdlich. Er wollte zu gerne wissen, was der da ständig über ihn aufschrieb.

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