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Faustisches Streben

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Kurzerhand entschloss Mort sich nach einer Therapiestunde, noch länger zu bleiben. Es interessierte ihn brennend, die Notizen von Doktor Bramarbas zu lesen.

Zuerst verabschiedete er sich von der Sekretärin wie immer, verließ die Ordination, und schlich kurz darauf direkt unter ihrem Empfangstisch auf Knien wieder hinein. Dort blieb er in ihrem toten Winkel sitzen. Doch die Tür zu Dr. Bramarbas’ Büro befand sich direkt gegenüber. Wie sollte er die aufbekommen, ohne von der Sekretärin bemerkt zu werden? Der Doktor selbst therapierte gerade eine Siebzigjährige mit chronischer Onychophagie im Behandlungszimmer, stellte also keine Gefahr dar.

Hier erwies sich Morts außergewöhnliche Phantasie als nützlich: schnell hatte er einige Ideen und Pläne in seinem Kopf entworfen. Er musste die Sekretärin irgendwie ablenken. Ein Telefonanruf? Nein, er konnte ja nicht gleichzeitig mit ihr telefonieren und sich an ihr vorbeischleichen. Ein Feuer? Er mochte verrückt sein, aber kein Brandstifter. Ein lautes Geräusch? Schon eher. Es musste ja nur eine ganz kurze Ablenkung sein; wenn sie für einige Sekunden in eine andere Richtung sehen musste, oder sich bücken… Das war wohl die beste Idee: sie müsste sich bücken, wenn ihr etwas auf den Boden fiele. Doch da tat sich das nächste Problem auf: Wie brachte er eines der Dinge auf ihrem Schreibtisch dazu, freiwillig auf den Boden zu fallen? Mort, der ja direkt vor dem Schreibtisch, außerhalb der Sichtlinie der Dame auf dem Boden hockte, schielte nach der Tischoberfläche und entdeckte einen Becher mit Stiften. Das wäre perfekt; die Sekretärin wäre eine Weile lang damit beschäftigt, die Stifte wieder aufzusammeln. Er spielte mit dem Gedanken, vorsichtig mit der Hand nach oben zu langen und den bunten Becher von der Tischkante zu stoßen, doch dabei hätte sie ihn mit Sicherheit bemerkt.

Also kam ihm die gerissene Idee, zwei seiner Ideen zu verbinden.

Er durchsuchte seine Hosentaschen möglichst geräuschlos nach etwas, das schwer genug war, ein Geräusch zu verursachen, wenn es auf den Boden fiel. Er fand etwas sehr, sehr hartes und stellte, als er es aus der Tasche zog, angewidert fest, dass es ein Glückskeks war. Stimmt, die Sache mit dem seltsamen japanischen Humor. Mort hatte vorgehabt, den Keks später zu essen, doch das war vor drei Monaten gewesen. Wenigstens ist er jetzt für irgendwas gut, dachte Mort und warf die beiden steinharten Kekshälften gegen die Eingangstür der Ordination. Es klopfte zweimal leise, doch gut wahrnehmbar. Mort konnte die Sekretärin hinter dem Schreibtisch ja nicht sehen, doch er nahm an, dass das Geräusch ihre Aufmerksamkeit errungen hatte. Ebenso vorsichtig wie blitzschnell angelte er mit seinem Arm den Stifthalter vom Schreibtisch.

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