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Kurz nach Mitternacht

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Sie stehen an der Bushaltestelle. Noch drei Minuten gibt die Anzeige in roten Lettern an.
Immer wieder blickt er vom Boden auf, starrt sie an. Will sie berühren, doch lässt es sein. Soll es das gewesen sein? Er kann die Gedanken nicht mehr aus dem Kopf verdrängen. Sie sind da, quälen ihn. Noch gestern ist sie in seinen Armen gelegen und seine Hände strichen zart über ihren Körper. Jetzt stehen sie an der Haltestelle, er blickt zu Boden, sie auf die Anzeige.
Er möchte die Zeit zurückdrehen, anders handeln. Viel zu lange hat er gewartet. Viel zu lange hat er nichts getan. Er hat nicht gesagt was er denkt. Hat es einfach nicht geschafft auszudrücken, was in ihm vorgeht. Jetzt ist es zu spät. Zu spät. Der Satz hallt in seinem Kopf oft wieder. Noch zwei Minuten.
Wo wären sie jetzt, wenn er weiterhin nichts getan hätte, wenn er den Mund gehalten hat. In seiner Vorstellung sitzen sie an einem Tisch ohne etwas zu sagen. Er weiß, dass er das nicht aushalten würde.
Vielleicht hat er es falsch gesagt. Er hätte es anders formulieren müssen. Er hat zu spontan gehandelt. Oder hat er zu lange darüber nachgedacht? Er wird es nie wissen.
Als er sie das erste Mal sah, hätte er nicht einmal geglaubt, dass er je ihren Namen erfahren würde. Ein paar Stunden später, schlief er neben ihr ein. Es hat ihn verändert. Die letzten Wochen. Noch eine Minute.
Er sieht wieder auf, sie hat ihr Gesicht abgewendet. Mit verschränkten Armen steht sie da. Unbeteiligt. Fremd. In Gedanken legt er seine Hand auf ihre Schulter, sie dreht sich um und legt den Kopf an seine Brust. Seine Hand vergräbt sich tiefer in der Hosentasche. Zu spät. Zu spät. Zu spät. Wie soll es weitergehen? Du bist allein. Zu spät. Er beißt auf seine Lippe. Zu spät. Noch null Minuten.
Angst überkommt ihn. Angst vor der Einsamkeit. Ein paar Sekunden noch, dann ist sie weg. Für immer weg. Er wird noch Stunden durch die Stadt irren. Menschen meiden. Durch die Kälte laufen. Sich auf irgendeine Treppe setzen, den Kopf an die Mauer lehnen.
Der Bus biegt um die Ecke. Eine Träne rinnt über seine Wange.
Sie dreht sich um. Für ein paar Sekunden sieht sie ihn bloß an. Dann wischt sie die Träne weg, gibt ihm einen Kuss.
Nach dem Einsteigen dreht sie sich um: „Ich kann nichts versprechen.“

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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