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„Ich hätte gerne ein Upgrade.“
Wie „Upgrade“?“ verwirrt blickt mich die Dame hinter der Rezeption an.
„Für mein Zimmer. Es gefällt mir nicht und daher möchte ich eines in einer bessern Kategorie.“
„Wir sind aber ausgebucht.“
„Das ist mir egal. In dem Zimmer bleibe ich nicht.“

Missmutig hackt sie etwas in den Computer, greift zum Telefon und erklärt jemanden, dass ein Gast unzufrieden sei und ein anderes Zimmer verlangt. Nachdem sie meinen Namen gesagt hat, schaut sie mich kurz an, legt wieder auf und wendet sich erneut dem Computer zu.

Es ist schon nach elf und ich möchte mich endlich hinlegen, der Tag war anstrengend genug. Zuerst das völlig unnütze Meeting. Wir saßen in diesem zu kleinem Raum, die Klimaanlage war ausgefallen. Der Kunde meinte seine Wünsche präsentieren zu müssen. Mit Powerpoint und Overheadfolien. Als wir irgendwo noch solch ein Gerät auftreiben konnten, fiel ihm auf, dass er es nicht benötigen würde. Wären die Folien ja nur eine ausgedruckte, zweite Powerpoint-Präsentation. Wir waren zu dritt dort. Ich sah die anderen an und verdrehte die Augen. Wir wussten, dass der Job zu einfach wäre und dabei zu viel Geld bringt, dass man ihn einfach ablehnt. Also ertrugen wir eine zweistündige Präsentation. Uns wurde gezeigt was andere doch so toll machen und sein Unternehmen nicht. Er erklärte anhand von Zahlen der letzten neun Jahre, wann es gut und wann schlecht gelaufen ist. Er stellte uns seine Mitarbeiter vor. Er stellte uns die Familienmitglieder der Mitarbeiter vor. Er stellte uns die Wünsche der Familienmitglieder der Mitarbeiter vor.

Ich erledigte in der Zwischenzeit fast die Hälfte des Projektes und erklärte ihm am Ende, dass seine Vorstellung sehr optimistisch sei, aber wir sie gerne übertreffen würden. So verabschiedeten wir uns und setzten uns in ein kleines Restaurant in der Altstadt.

Wie so oft war mir viel zu warm und so bestellte ich nur einen Salat. Der war richtig gut. Knackig frisch, mit einem tollen Geschmack und preislich absolut in Ordnung. Danach eine Tasse Kaffee und meine Kollegen zum Flughafen bringen. Doch der Koch wollte nicht, dass mein Tag wieder neutral wurde. So nahm er einfach das Spülwasser und ließ es kochen bis es schwarz wurde. Ich bekam den Geschmack nicht mehr weg. Das Gefühl eine Pilzkolonie im Mund zu haben. Schön pelzig.

Auf dem Rückweg vom Flughafen klingelte mein Handy. Ob ich am Abend schon etwas vor hätte. Ja, meine Gedanken ordnen und den Sternenhimmel bewundern, aber wenn sie will können wir ein Eis essen gehen. Muss das Chaos halt warten und die Sterne sind auch noch da, wenn sie nicht mehr sind. Es ist schon Zufall genug, dass sie auch gerade in der Stadt ist und mich anruft. Nachdem ich das letzte Mal geflüchtet bin. Ich hielt es nicht mehr aus in dieser Stadt. Konnte nicht mehr atmen. Wollte nur noch raus. Es war nicht ihre Schuld. Sie war toll. Aber ich werde von mir selbst verfolgt. Kann nicht zu lange an der gleichen Stelle verharren. Zumindest das Gefühl weit weg zu sein.

Noch knapp zwei Stunden. Ich setzte mich mit dem Laptop in das hinterste Eck der Hotelbar und arbeitete am Projekt weiter. Hin und wieder huschte jemand vorbei. Manchmal starrten sie mich an, manchmal nur aus dem Augenwinkel. Sie verstehen nicht, dass ich mit der Sonne nicht so viel anfangen kann. Nicht, dass ich sie fürchte oder verabscheue. Ich ertrage sie nur nicht zu lange. Diese ständige Hitze, die sich in die Haut bohrt. Ich brauche Pausen.

Eine kühle Dusche. Das Wasser stinkt. Ich würde das Shampoo lieber mit dem Handtuch runterreiben, aber ich hasse dieses klebrige Gefühl. Also doch das Wasser und danach ganz fest trocknen. Ich versuche mich an ihr Gesicht zu erinnern. Es sind einige Monate vergangen seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Seit ich sie das letzte Mal gesehen habe. Als sie da lag und ich nur noch schnell in meine Hose schlüpfte. In Socken zum Flughafen. Meine Sachen hätte sie aufbewahrt, meinte sie am Telefon. Keine Beschuldigung. Ich frage mich, ob es richtig war. Auf das Treffen einzugehen. Was erwarte ich mir davon. Will ich wissen was seitdem passiert ist. Oder von mir erzählen. Nein. Mein Leben bleibt draußen. Das war damals so und wird auch heute so sein.

Ich bin ein paar Minuten früher dort. Es ist eine kleine Eisdiele. Ruhig gelegen, rundherum Wohnhäuser. Sie hat es ausgesucht. Sie hasste es, wenn ich mich nicht entscheiden konnte. Ich wollte immer Informationen, Meinungen, Vergleiche. Sie gehörte zu den Frauen, die die Dinge einfach machten. Keine langen Diskussionen und das war vielleicht ein Mitgrund für meine Flucht. Ich verlor die Kontrolle. Die mir so wichtig ist.

Kurze Haare. Nur ein paar Zentimeter. Stoppeln. Ich glotze sie doof an. Kann nichts sagen, also bestellt sie für uns. Woher sie wüsste, dass ich noch immer den gleichen Geschmack hätte, war der erste Satz, den ich herausbrachte. Sie sah mir in die Augen und zischte, dass ihr das ziemlich egal sei.

Kurz fragte ich mich, ob das ein Spiel sei. Doch ihre Mine änderte sich nicht. Ohne dass ich etwas machte, fing sie an zu reden. Über sich, ihre Freundinnen, Politik. Immer in diesem vorwurfsvollen Ton. Sie gab mir das Gefühl an allem Schuld zu sein. An ihrer Beziehung, die damals zu Ende ging. Bevor ich kam. An den Problemen der Freundinnen und an allem schlechten in dieser Welt. Hin und wieder versuchte ich mich zu verteidigen. Die Stimmung auflockern hatte keinen Sinn. Irgendwann stand sie auf und ging.

Ich konnte mich nicht bewegen. Wie lang ich nur da saß weiß ich nicht. Der Kellner meinte, dass das Leben scheiße sei, aber ich dennoch bezahlen müsse. Ich gab ihm irgendeinen Schein und ging raus.

Habe ich sie so verändert? Welche Leben habe ich noch zerstört? Das ist doch alles Unsinn. Es geht einfach nicht in meinen Kopf, dass ich nichts dafür kann. Bleiben war damals keine Option.

Inzwischen ist die Dame von der Rezeption zweimal in ein Hinterzimmer gegangen. Beide Male mit schüttelnden Kopf herausgekommen. Sie kann nichts für mich machen. Ich sage ihr, sie soll mir ein Taxi rufen.

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Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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8 Kommentare An der Unterhaltung teilnehmen

  1. weil ich schaffe es nie so umfangreiche texte am pc zu schreiben, ich schreib die immer mit hand vor. bewundernswert.

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  2. Früher hab ich viel mehr mit Hand geschrieben und es dann abgetippt. Aber dafür habe ich heute keine Zeit mehr. Ich schreibe am PC auch schneller als mit Hand.

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  3. Beruhen deine Erzählungen eigentlich auf wahren Tatsachen?
    Sie sind so brillant und detailliert geschrieben, mit einer tollen Atmosphäre, dass man jedes Mal meint, man würde dabei sein!
    Super, wirklich.

    Grüße
    Birgit

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