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Alfred und die Steuern

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„Guten Morgen!“, kurz blicke ich auf. Ihre Augen sind Zeugen einer langen Nacht, ein verspieltes Lächeln. Mein Kopf senkt sich wieder auf die Unterlagen, die vor mir auf dem Tisch verbreitet sind. Zahlen, die die Welt bedeuten. Ich halte nicht viel davon, aber in gewissen Dingen muss man sich anpassen um nicht hinausgeworfen zu werden. Ich solle mir endlich einen Steuerberater zulegen meinte ein Freund letzte Woche. Das geht nicht so schnell. Ich bin schon seit Jahren auf der Suche nach einer Person, der ich genug Vertrauen schenke. Jemanden, dem man so wichtige Dinge überlassen kann ohne zu grübeln, ob derjenige es besser macht als man selbst. Doch mir fehlt die Zeit. Zum suchen und zum selbst machen.

Letztens habe ich Alfred in der Stadt getroffen. Er klagte, dass der Staat ihm den letzten Groschen aus der Tasche zieht. Auf meine Bemerkung, dass es Cent heißen müsste, schüttelte er nur den Kopf und nahm einen großen Schluck von seinem Bier. Alfred ist Angestellter bei einer großen Firma. Was er dort genau macht habe ich noch nicht herausgefunden, interessiert mich auch nicht besonders. Auf die Frage hin, erzählt er immer von der Komplexität seiner Aufgaben, dass er eine wichtige Funktion für seine Abteilung innen habe und ohne ihm der Laden zusammenbrechen würde. Ich nicke.

Wieder mich anschauend versucht er sein Problem zu schildern. „Zu Beginn hat ma der Chef a tolles Einstiegsgehalt gsagt. Da woar i natürlich sofort dabei. Hab ja grad mei Studium fertig gmacht und davor nua klane Jobs und zwoa Praktikas gmacht. Bei so aner schönen Zahl hättest du sicher a nit na gsagt.“ Ich verziehe leicht die Mundwinkel, versuche freundlich zu schauen. „Dann, als i des erste Gehalt überwiesen bekam, sah ich, dass der Staat ma fast die Hälfte abzogen hat. Als ich mich erkundigte, bin ja ka Dummer, habns mir an Zettel geben, wo obn gstanden is, wofür ich das Geld alles weggebn muas. Des solltesch da amal anschauen. Was i alles finanzieren muas. A Wahnsinn! Doch des is ja no nit alles. Wennd jetzt einkafen geasch, dann muasch scho wieder draufzahlen. Meist zwanzig Prozent. Da is es ja logisch, dass nix übrig bleibt, wenn ma zwoa Drittel wieder weggebn muas. Lei damit die Bürger glaben, dass es ihnen guat geht.“ Nach einem weitern Kopfschütteln, beschäftigt er sich wieder mit seine Bier.

Ein paar Minuten später kam mein Freund und ich ließ Alfred bei der Bar sitzen. Der wendete sich schon seinem nächsten Gesprächspartner zu.

Mein Blick schweift wieder über den Tisch. Bei einem Haufen aus Rechnungen bleibe ich hängen. Mit jeder ist eine Erinnerung verknüpft. Doch ich habe keine Zeit, sie mir anzuschauen. Vielleicht im nächsten Jahr.

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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