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Zwei Monate

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„Was machst du hier? Ich dachte, dass du schnell weg müsstest. Du hast irgendetwas von einem Treffen gefaselt.“

Sie steht vor ihr, das Gesicht weggedreht. Eine unangenehme Stille breitet sich aus. Nur kurz unterbrochen durch das Einschnappen der Eingangstüre.

„Ich er also da war die Straßenbahn. Ich konnte nicht. Alles wieder von früher. Die Erinnerung. Es geht nicht. Ich bekam Angst. Das ich also weißt du. Nein. Ich kann nicht mehr.“

Mit glasigen Augen starrt sie sie an. Die Worte finden nur zögerlich den Weg durch ihre schmalen Lippen. Es ist erst zwei Monate her, als ihr Freund plötzlich verschwunden war. Erst dachte sie, dass er nur einen wichtigen Termin hatte und sie nicht mehr erreicht hatte. Vielleicht hat er das Handy vergessen, er hat es verloren oder es wurde gestohlen. Die Nummer von ihr wüsste er vermutlich nicht auswendig.

Ihre Visitenkarte in seiner Geldtasche und die Möglichkeit die Auskunft anzurufen verdrängt sie.

Nach drei Tagen fing sie an, sich Sorgen zu machen. Ein erster Anruf bei der Polizei. Doch dort meinte man nur, dass es keine Anzeichen für ein Verbrechen gäbe und man sich erst nach zwei Wochen darum kümmern könnte. Vorschriften.

Weinend saß sie am Küchentisch. Das sei alles nicht real. Nur ein Traum. Ein schlechter Traum und bald würde sie aufwachen. Ihre Freundin sprach wenig, machte ihr Essen und kümmerte sich um alles. Der Arbeitgeber wurde informiert, Rechnungen beglichen. Die Welt drehte sich weiter. Ihr Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. Immer wieder Anrufe bei der Polizei, Eltern, Freunde. Niemand konnte ihr weiterhelfen. Dann fing sie an ihn selbst zu suchen. Sie klapperte die Lokale ab, wo sie mit ihm einmal war, fragte auf der Straße wildfremde Menschen, ob sie ihn gesehen hätten.

Nach zwei Wochen die Bestandsaufnahme bei der Polizei. Wieder Tränen. Die Beamten waren freundlich, meinten, dass man eine Fahndung raus geben würde.

Zwei Tage später der Anruf. Man hätte ihn gefunden. In seiner Wohnung. Bei bester Gesundheit. Er stritt eine enge Beziehung mit ihr ab. Eineinhalb Jahre sei sie eine Freundin gewesen, aber nicht mehr. Von der Wohnung wusste sie nichts. Genauso wenig von seiner Frau.

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Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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