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Leuchtreklamen

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Mitternacht ist längst vorüber. Ich sitze an meinem Schreibtisch aus Glas und höre Musik aus meiner Jugend. Mal wieder.

Draußen erhellen Leuchtreklamen die Stadt. Hin und wieder ein Auto. Zu schnell ist die Zeit vergangen. Ich habe es nicht gewollt. Der Wunsch nach vorne, immer weiter hat mich erfasst und beschleunigt. In eine Welt, die mir fremd war. Ich komme nicht mehr hinaus will es auch nicht mehr. Zu viele Türen, die dadurch geöffnet wurden.

Doch manche Dinge bleiben auf der Strecke. Der Gedanke an die Freunde von früher. Das verspielte Leben. Woche für Woche durch die Stadt ziehen. Die Kellner mit Vornamen begrüßen. Trinkgelder gab es keine. Dafür reichte es nicht. Wir waren auch so gute Kunden, aber nicht immer die angenehmsten Gäste.

Von Lokal zu Lokal. Überall bekannte Gesichter. Man grüßte sich, lästerte ein wenig über die Schule und zeigte nur wenig Interesse an aktuellen Geschehnissen. Getratsche lag in der Luft, wie der Rauch aus ihren Mündern. Wer mit wem, wann und wie. Rolf habe schon wieder eine Alkoholvergiftung und der Freund von Anna ist zehn Jahre älter. Nachrichten, die jegliche Stille verhinderten. Dazwischen wurde gelacht. Laut und ausgiebig.

Hin und wieder gab es Zwischenfälle. Selten etwas ernstes, meist aufregend. Zusammenstöße mit den Ordnungshütern. Aber auch untereinander. Manchmal wegen Fußball, öfters wegen Mädchen. Krankenhausaufenthalte als Ehrungen und Gipse als Trophäen.

Irgendwo in einer Ecke saß immer ich. Nur nicht auffallen, aber alles im Blick. Kontakt vermeiden, einschreiten wenn nötig. In wenigen Fällen Alkohol. Dafür umso mehr Selbstmitleid. Das wegschieben von Aufmerksamkeit. Gelernt sich zu verstellen. Damit ja niemand mitbekommt, wie ich mich fühlte.

Die Gespräche kamen erst später. Es ist das einzige, das ich wirklich vermisse. Hier an meinem Schreibtisch aus Glas.

Draußen erhellen Leuchtreklamen die Stadt.

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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  1. Ein Prof. von mir sagte einmal in einer Vorlesung (sinngemäß): Es gibt die Persönlichkeiten der Natur Goethes und die Kierkegaards. Du scheinst eher zur letzteren zu gehören (ich im übrigen auch, glaube ich). Es ist vielleicht nicht immer einfach – aber es ist auch reicher in mancherlei Hinsicht. Und was wäre die Welt ohne solche Naturen..?!
    liebe Grüße

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