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Die Sinnkrise und ihre Bewältigung

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Park SonneEin kleiner See. Irgendwo bei Wien.

Das Rad lehnt hinter mir an der Bank, neben mir eine Brücke, vor mir das Wasser. Rundherum Trauerweiden.

Jeden dritten Satz, den ich schreibe, streiche ich wieder durch. Wörter werden ausgetauscht und umgestellt. Es ist lange her, dass ich einen Beitrag für 2-Blog auf einem Block geschrieben habe. Drei Monate? Ich kann mich nicht mehr erinnern.

Ein älteres Ehepaar geht an mir vorbei. Sie schauen mich skeptisch an. Die Cucks, die weißen Socken, die hochgekrempelte, olivgrüne Hose, das weiße Hemd oder der Baumwollpullover. Irgendetwas schein ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Vielleicht ist es auch nur die Tatsache, dass ich hier sitze und schreibe.

Die Sinnfrage. Immer wieder kommt sie auf. Manchmal dauert es Monate, manchmal nur Tage oder Wochen. Oft steigert sie sich schnell. Es wird bald das ganze Leben in Frage gestellt. Es reicht nicht zu wissen wozu man bloggt, wenn man nicht weiß wofür man lebt. Der Sinn der Menschheit.

Eine Frage, die man nicht allgemeingültig beantworten kann. Vielleicht nicht einmal von Fall zu Fall.

Die Menschheit weiter zu bringen, auf die nächste Stufe helfen. Und dann? Der Drang sich auszubreiten, alles erforschen und besitzen, sitzt tief. Dennoch muss man sich manchmal die Frage stellen, wo das alles hinführt, ob man das will. Oder ob es gar keinen Sinn macht sich darüber Gedanken zu machen.

Das höchste Ziel ist glücklich sein.

Eine Ente schwimmt mit ihrem Jungen vorbei. Ist sie glücklich?

Ein Mensch kann nur selbst sagen, ob er glücklich ist. Was er dazu braucht. Letzteres fällt mir selbst schwer. Liebe, Erfolg, Freundschaft. Nur Überbegriffe.

Glück ist ein schwieriges Wort.

Zufriedenheit auch.

Wieder auf dem Rad. Der Spielplatz war zu nahe. Entlang einer stark befahrenen Straße. Abgase inhalieren und die Polizei bei der Pause stören.

Um den Sinn des Blogs soll es gehen. Das Leben gehört dazu, ist aber nicht ausschlaggebend. Nicht in diesem Beitrag.

Grundsätzlich geht es darum Inhalte ins Internet zu stellen. Informationen, Wissen, Bilder, Videos. Erfahrungen und Überlegungen. Gedanken. Gefühle. Kunst. Dinge teilen. Sich selbst mitteilen.

Der Sinn des bloggens ist so vielfältig wie das bloggen selbst.

Als ich begann diesen Beitrag zu schreiben, wusste ich nicht was ich schreiben werde. Das Problem ist zugleich die Lösung. Wenn ich blogge, setze ich mit etwas auseinander. Ich beschäftige mich mit mir selbst und lebe bewusster.

Blogs anderer Menschen eröffnen mir neue Sichtweisen, inspirieren mich, zeigen mir Sachen, die ich nicht kannte, bringen mich weiter und wecken manchmal Gefühle.

Die Wolken ziehen sich zurück und geben der ständig anwesenden Sonne mehr Platz um mich mit Wärme zu versorgen.

Bloggen bedeutet Dinge nicht nur wahr zu nehmen, sondern sich etwas damit zu machen und das Ergebnis zu teilen.

Bild: .Storm

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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  1. Thats it! Erfahrungen austauschen, sich den Kopf zerbrechen zu müssen, anecken, Output teilen.

    Ein glücklicher Mensch ist einer der die Einheit seines Ichs zu wahren weiß, dessen Persönlichkeit in sich selbst nicht gespalten ist und auch nicht gegen die Außenwelt feindlich gesinnt ist. Gar nicht so schwierig finde ich.

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  2. Leben.
    Ausgeglichenheit, Balance.
    Sich selbst und andere nicht (zu) ernst nehmen.
    Aber das wichtigste: Leben.
    Denn wie geil ist das, bitteschön?!

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  3. wenn man irgendwo sitzt und schreibt, erregt man immer aufmerksamkeit, und da ich, jedenfalls an inspirierten tagen, in mein notizbuch schreibe, wo ich gehe und stehe, also auch am straßenrand, sind schon viele autofahrer in die eisen gestiegen, weil sie glaubten, ich wär ne art politesse, die dabei ist, ihre geschwindigkeit zu prüfen.

    mit dem notizbuch.

    das ist schreiben: die geschwindigkeit prüfen.

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  4. @Jürgen: Ich muss dir hier leider widersprechen. Zumindest wenn ich mich selbst als Beispielsobjekt verwende. Meine Persönlichkeit ist nicht gespalten, ich bin auch nicht gegen die Außenwelt feindlich gesinnt. Kein bisschen. Ich lebe gerne, ich respektiere die Menschen, ich traue mich fast zu sagen, dass ich langsam, aber doch lerne, alle Menschen zu mögen. Aber bin ich deshalb glücklich? Oft kann ich darauf mit ja antworten, aber es gibt auch immer wieder Tage wo ich dir garantiert sagen kann, dass es nicht so ist. Das ist nicht alles. Glücklichsein bedeutet noch so viel mehr.

    Nein ich bin heute nicht wirklich ganz glücklich. Teilweise aber doch. Ein Teil macht Luftsprünge, der andere verkrümelt sich irgendwo in einer Ecke.

    Ich hoffe, dass das alles nicht zu off-topic war.

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  5. Sich mit etwas Auseinandersetzen einerseits, Sachen nicht vergessen wollen und deswegen aufschreiben andererseits. Das erste ist eh das, was man (wie mir die Erinnerung an meine Zeit als English as a Foreign Language Trainerin flüstert) auch mit einem konventionellen ‚Learning Journal‘ ereichen kann. Aufschreiben, um näher zu betrachten. Und dabei auch über den Lernerfolg reflektieren. Muss ja nicht der große Wurf sein und das Ergebnis auch kein Gesamtkunstwerk sein. Es gibt da noch so eine Technik, deren Name mir nun partout nicht einfällt, aber das Ziel ist ‚to unleash your inner writer‘. Morgens aufstehen und dann drei Seiten schreiben. Sofort. Drei Seiten. Nicht mehr, nicht weniger, und danach nie wieder lesen. Hab ich ne Zeitlang gemacht, war gut. Dann bin ich aber ans Bloggen geraten :-D

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  6. @Lisa, natürlich war meine Formulierung etwas plump, aber ich bin jetzt 35 und kann dir sagen, dass es nachhaltig schon funktioniert. Dinge kommen auch zurück, das Leben revanchiert sich zwar nicht immer, aber das Wichtigste ist es mich in den Spiegel sehen zu können und zu wissen ich habe wenigstens das Beste versucht bzw. daraus gemacht.

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  7. @MC Winkel
    Glücklich sein ist leben. Ja!

    @500beine
    Das ist mir früher oft passiert, als ich im Anzug auf den Bus gewartet habe. Da musste ich noch nicht einmal schreiben. Nur dastehen und sie anschauen.

    Manchmal habe ich das Gefühl, es geht zu schnell. Ich komme nicht mehr mit und je mehr ich mich anstrenge, desto näher komme ich an den Abgrund. Dann muss ich mich hinsetzen. Zu Ruhe kommen, alles von außen betrachten und schon bin ich wieder im Spiel.

    @Jana
    Das Ganze beginnt ja schon bei einem einfachen Tagebuch. Ich bin zwar nie über drei Seiten gekommen, aber gut gerochen hat es. Bloggen ist noch eine Stufe höher. Plötzlich denke ich mir nicht nur, ob ich damit zufrieden bin, sondern auch was andere deswegen von mir denken. Bei mir hatte es auch in der Realität folgen. Ich habe mich öfters gefragt, ob ich so bin, wie ich gerne wäre, wie ich mich darstelle und versuche mich so zu verhalten.

    @Jürgen & @Lisa
    Meine Persönlichkeit ist ein wenig gespalten. Zeitweise. Nicht nur durch zwei sondern durch etwa 6 Milliarden. Ich verhalte mich je nach Person, mit der ich zu tun habe, anders. Das Ich gibt es vielleicht nur hier im Blog, weil ich nicht sagen kann, wer es alles liest. Ich schreibe einfach, ich bin ich.

    Ob es mir einmal reicht zu sagen, dass ich es versucht habe, dass ich mein bestes gegeben habe, weiß ich nicht. Im Moment klingt es für mich zu sehr nach Aufgabe. Mir kommt richtiger vor sich zu fragen, warum es nicht geklappt hat und es anders zu versuchen. Das kann zwar sehr weh tun und man muss beachten, dass man über bestimmte Dinge keine Macht hat, aber vieles kann man beeinflussen und mit dem muss man arbeiten.

    @all
    Nein, ich glaube nicht, dass Blogs die ultimative Lösung für alle Probleme sind. Ich sehe sie als ein weiteres Hilfsmittel für Kommunikation. Mit sich selbst und mit anderen.

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  8. Nein, falsch verstanden.

    Aus jeder Situation das Beste draus zu machen, bzw. mein Bestes zu versuchen hab ich eh gemeint.

    Hart gesagt, hab ich schon sehr sehr viel Shit im Leben bekämpfen müssen und habe aus jeder Situation das Beste rausgeholt und daraus gelernt.

    Weiter gehts! das ist das Motto.

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  9. Pardon, ich bring jetzt mal den guten Nietzsche ein – weil die Frage, ob man ist wie man gerne wäre, immer nur in der Zukunft bewantwortet werden kann, wenn man’s sieht wie er (das gute daran ist, dass man dann im jetzt nichts falsch machen kann:-)

    „Aber wie finden wir uns selbst wieder? Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch sich sieben mal siebzig abziehn und wird doch nicht sagen können: „das bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schale.“ Zudem ist es ein quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt ihn heilen kann. Und überdiess: wozu wäre es nöthig, wenn doch Alles Zeugniss von unserm Wesen ablegt, unsre Freund- und Feindschaften, unser Blick und Händedruck, unser Gedächtniss und dass, was wir vergessen, unsre Bücher und die Züge unsrer Feder. Um aber das wichtigste Verhör zu veranstalten, giebt es dies Mittel. Die junge Seele sehe auf das Leben zurück mit der Frage: was hast du bis jetzt wahrhaft geliebt, was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir auf, und vielleicht ergeben sie dir, durch ihr Wesen und ihre Folge, ein Gesetz, das Grundgesetz deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh, wie einer den andern ergänzt, erweitert, überbietet, verklärt, wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir oder wenigstens über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst. “
    -> Schopenhauer als Erzieher

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