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Müde klicke ich am Lenkrad weiter. Playlist „Auto“, random. Noch bevor die ersten Töne erklingen, sehe ich das Cover und drücke das Lied weg. Zu viel Musik und nichts das mir passet.

Eine sternenklare Nacht. Ich gebe Gas. Die Lichter, die ich nur noch im Augenwinkel wahrnehme, sind verschwommen. Aus dem Lüftungsschlitz strömt kühle Luft. Nur noch ein paar Kilometer. Boulevard of Broken Dreams.

Meine Gedanken fliegen durch die Zeit. Silvester 2006. Ich habe eine paar Freunde eingeladen. Wir sind im Haus herumgestanden, haben geplaudert. Der letzte gemeinsame Jahreswechsel. Danach sollten sich die losen Verbindungen im Nichts verlieren. Mit manchen habe ich noch Kontakt. Doch es sind nur wenige über geblieben. Eine Flasche nach der anderen verschwand in den Mündern der Gäste. Sie lachten, schrien, weinten. Ich war ständig in Bewegung, habe versucht, dass niemand sitzen bleibt. Ist alles in Ordnung, kann ich noch etwas bringen. Zu Mitternacht dann auf den Hügel hinauf. Schnee. Ich hatte Raketen besorgt. Wie jedes Jahr. Doch dieses Mal waren wir nicht alleine. Betrunkene Freunde, die schon beim hinaufgehen, stolperten. Ich machte mir Sorgen. Doch es passierte nicht. Wir hatten ein großartiges Feuerwerk. Ein paar Schrecksekunden und eine tolle Stimmung. Dann fuhr ich noch einmal in die Stadt. Freunde, oder so etwas ähnliches, holen, die Mitternacht wo anders erleben wollten. Ich war der Fahrer. War ich immer. Kein Problem. Für mich. Couchgespräche. Tränen. Im Keller hatte ich eine kleine Disko eingerichtet. Ich trank eine halbe Flasche mit einem alkoholischem Getränk, das nach Zitrone und Spülmittel schmeckte. Danach nichts mehr. Ekelig. Sechs Uhr morgens. Die Busse fahren wieder. Der Großteil bricht auf. Planänderung. Sobald sie aus dem Haus sind, steige ich ins Auto ein und bringe einen Freund in die Stadt. Wir sind schnell. Er wird vor der Haustüre auf eine Frau warten, die ebenfalls auf der Party war. Ich fahre heim. Aus den Boxen dröhnt Boulevard of Broken Dreams. Sonnenaufgang.

Die Lichter der Stadt. Ich ordne mich rechts ein und fahre von der Autobahn ab. Eine rote Ampel. Es ist kurz nach acht. Ich soll bitte spätestens um acht dort sein, hat er am Telefon gemeint. Wird schon werden. In Gedanken ganz woanders.

Sommer 1996. Ich sitze im Flieger. Das erste Mal. Auf meinem Schoss liegt Krimskrams, den mir die Stewardesse gegeben hat. Postkarten, ein Modell des Fliegers, Mini-Magnet-Spiele. Meine Schwester sitzt neben mir und schläft. Ich stelle mir die Erde vor, versuche uns darauf zu lokalisieren. Im Kopf drehe ich sie, zoome rein und finde uns. Der kleine Flieger, um uns nur Meer. San Francisco. Wir stehen in einer Cabel Car, als mein Vater mich anstupst und was von einer Blumenstraße sagt, während er nach draußen zeigt. Mit dem Kopf noch beim Hafen, sehe ich hin und lächle. Golden Gate Bridge. Ich stelle mir vor über die Träger zu klettern. Ganz oben zu stehen. Die Reaktionen der Menschen. Mein Grinsen. Und dann springe ich. Kurz vor dem Aufprall beginne ich nach vorne wegzugleiten, fliege wieder nach oben und verschwinde am Horizont. Die Familie, bei der wir wohnen, hat einen Garten mit Orangenbäumen. Der Vater erzählt uns alles mögliche über die Pflanzen, die es dort gibt. Ich verstehe nur Bruchstücke. Spreche selten, weil ich weiß wie schlecht mein Englisch ist. Drinnen zeigt mir der Sohn, wie man einen Computerbildschirm mit einem Magneten beeinflussen kann. Ich stelle mir lauter winzige Farbmagneten vor, die sich ausrichten. Er meint noch, dass ich das nie machen soll, weil es schlecht für den Bildschirm ist. Science Museum. Riesige Seifenblasen und schiefe Räume. Ich bekomme ein Buch, dem ein Magnet und zwei Päckchen mit Bakterien beiliegen. Nachdem wir uns Seelöwen angeschaut haben, werde ich damit über die Sanddünen gehen und winzige Reste von Meteoriten sammeln. Sequoia National Park. Wir schauen uns riesige Bäume an und füttern Erdhörnchen.

Viertel nach acht. Ich fahre in die Parkgarage. Aussteigen. Ich schließe für einen Moment die Augen. Was mache ich hier? Ein paar Bekannte von früher, viele Menschen, die ich nur flüchtig kenne. Ich hole das Sakko vom Rücksitz. Die Lichter des Autos leuchten kurz auf. Dann ist alles ruhig. Ich gehe in Richtung Stiege.

Maturaprüfung. Ich bin früh dran. Setze mich auf eines der Sofa. Neben mir sitzt ein Mädchen, das panisch Zettel sortiert und sich Notizen macht. Perfekte Noten, sozial versagt. Nach einigen missglückten Integrationsversuchen, die Aussage, dass sie es gar nicht will. Es spielt keine Rolle mehr. Der letzte Tag. Wenn alles gut geht. Ich bin als erstes dran. Englisch. Ich wähle San Francisco und als Spezialthema The Hitchhiker’s Guide to the Universe. Erzähle von der Stadtentstehung und Sehenswürdigkeiten. Eine Folie mit Raumschiffen und Planeten. Ich erzähle die Geschichte, erfinde Dinge dazu, lasse andere weg. Unwichtige Trivia, die den Lehrern gefällt. Biologie. Die Frage sagt mir nichts. Ich rede darauf los, plaudere mit dem Lehrer. Fertig. Während ich mich auf die nächste Prüfung vorbereite steht einer meiner besten Freunde vorne. Ebenfalls Englisch. Er redet über Tee. Hat eine Thermoskanne voll mitgebracht. Doch er bekommt sie nicht auf. Wir lachen. Die Atmosphäre ist locker. Draußen tröpfelt es. Bildnerische Erziehung. Ich habe einige Bilder von mir im Raum aufgehängt. Nur sehr wenige, die auch in der Schule entstanden sind. Dann rede ich über digitale Fotografie. Entstehung, Vor- und Nachteile. Viel über Technik, verschiedene Kompressionsmethoden und Verarbeitung am Computer. Weder die Professorin, noch das Komitee weiß wovon ich spreche, aber sie hören gespannt zu. Kurz entspannen. Alle anderen sind fertig. Ich bin der letzte meiner Klasse. Es ist schon sechs Uhr am Abend. Viele kommen noch einmal in den Prüfungsraum und sehen mir zu. Physik. Ich soll etwas vorrechnen. Weiß nicht wie es geht. Mache etwas anderes. Die Professorin bringt mich auf den richtigen Weg. Danach kann ich über mein Spezialthema reden. Photovoltaik. Die physikalische Grundlage, die verschiedenen Herstellungsmethoden und die Effizienz der unterschiedlichen Systeme. Danach das warten. Es dauert länger als erwartet. Die anderen haben ein Transparent gemalt. Es steht Sekt bereit. Dann die Erleichterung. Alle sind durch. Wir sind die einzige Klasse des Jahgangs, die es komplett geschafft hat. Im Hintergrund läuft Falco, Nie mehr Schule.

Den langen Gang entlang. Künstliches Licht. Wieder in der kleinen Stadt, aus der ich geflüchtet bin. Einstellungssache. Mehr erreicht, als ich mir damals vorstellen konnte. Weniger erreicht, als meine Träume für die nächsten zehn Jahre gesehen haben.

Segelwoche 2005. Der Wind wird stärker. Ich lehne mich nach außen. Lache. Die anderen sitzen an die Reling geklammert da. Das Mädchen hat die Seile für das Segel fallen gelassen, plötzlich ließ der Zug nach, der Baum rauscht auf die andere Seite, wir ziehen gerade noch rechtzeitig die Köpfe ein. In der einen Hand die Seile, in der anderen das Ruder. Der Wind wirbelt durch meine Haare. Wir schneiden durch die Wellen, das Boot neigt sich weiter. Dann wird uns vom Ufer zugerufen, dass wir anlegen sollen. Mit Tränen in den Augen knie ich am Ufer, schleudere Steine über die Wasseroberfläche. Ein Freund kommt zu mir. Fragt ob alles in Ordnung ist. Ich sage, dass ich nur etwas Ruhe brauche. Noch zwei weitere Personen werden kommen. Ich werde sie wegschicken und versuchen nicht daran zu denken, wie die anderen im Bootshaus feiern. Bevor wir gehen, stecke ich noch einen kleinen Stein ein. Er soll mich daran erinnern.

Ich höre Loungemusik und Leute, die Stimmengewirr. Vor der Türe bleibe ich noch einmal stehen. Umdrehen? Meine Entscheidung, mein Leben. Ich will das. Will mich öffnen und suche die Aufmerksamkeit. Ich will meine Meinung kund tun. Es tut mir gut und macht Spaß.

Leipzig 2005. Am Bahnhof schaue ich mir die Fahrpläne an. Ich nehme die S-Bahn. Weiß nicht wie weit ich fahren muss. Steige aus. Frage einen alten Herren, wie ich zu der Adresse komme. Ich sei ganz falsch. Muss wieder zurück fahren und dann mit dem Bus fahren. Ich bedanke mich und gehe zum Taxistand. Wie viel es kosten würde. Gleich viel wie eine Nacht im Hotel. In Ordnung. Am Morgen treffe ich mich mit jemanden, der mir das Ticket gibt. Am Abend kommen auch die restlichen von der Community. Einmal pro Woche haben wir zusammen gespielt. Playstation 2. Online. GermanHeadSet. Eine bunt zusammengemischter Gruppe. Wir haben den Geburtstag von einer gefeiert. Ein kleines Video für die gedreht, die nicht kommen konnten. Zwei Student, ein Auszubildender, das verheiratete Pärchen, ein Schüler, ein Metalfan mit seiner Freundin und ich. Wir haben uns großartig verstanden, viel geredet und viel erlebt. Am letzten Tag, als schon alle wieder gefahren sind, habe ich noch einen Redakteur von einem österreichischen Radiosender kennen gelernt. Bis sein Zug gefahren ist, haben wir uns unterhalten, sind noch etwas essen gegangen. Wir wollten uns in Wien wieder einmal treffen, doch bis heute haben wir es nicht geschafft. Ich werde ihm wieder einmal schreiben.

Ich lasse die Klinke wieder los. Gehe den Gang weiter zu den Toiletten. Eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht. Ich muss kurz über mich selbst lachen, als ich mich selbst im Spiegel sehe. Schnell ein Foto machen. Den Moment festhalten. Ich sammle kurz meine Gedanken und überlege mir den ersten Satz, den ich gleich sagen werde. Vielen Dank, dass ihr gekommen seid. Der Rest wird mir einfallen. Nur nicht zu schnell reden.

Ich betrete den Saal. Er ist leer. Aus der Ferne hört man Stimmen. Als ich die Bühne betrete, wird es ruhiger. Die Musik verstummt.

[audio:http://htwo.podspot.de/files/geburtstag-hq.mp3]

Als ich von der Bühne gehe, ist alles still. Ich habe mich ein paar Mal verhaspelt. Es ist egal. Zwischen den Tischen hindurch haste ich zum Ausgang. Ich brauche die Aufmerksamkeit, doch zugleich stoße ich sie von mir. Draußen setze ich mich in ein kleines Kaffee. Meine Freunde wissen, dass ich da bin. Hier können sie in Ruhe mit mir reden.

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Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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19 Kommentare An der Unterhaltung teilnehmen

  1. Happy 20! Schönes Alter und schöne Geschichten. Und verliere sie bitte nicht, Deine Erinnerungen. Sie sind das einzig Reale Deiner „Vergangenheit“ und auch Deiner Identität. Sie werden sich womöglich nicht immer mit denen der anderen decken. So egal:)

    Alles Gute
    zaliha

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  2. Danke. Ich bin knapp daran vorbeigeschrammt die Geschichten zu verlieren. Hoffe, dass ich es auch in Zukunft schaffe. Ich brauche nur genug Zeit. Und ein bisschen Aufmerksamkeit. Auch wenn manche Geschichten immer in meinem Kopf bleiben.

    Sie sind Meine Welt. Und das werden sie auch bleiben.

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  3. Auch hier nochmal Alles Gute zu deinem Geburtstag! Genieße das nächste Jahr, sowie alle weiteren die noch vor dir liegen!

    Text konnte ich gerade mal so überfliegen, hört sich schön an. Wird dann morgen genauer gelesen^^

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  4. Hey Luca,

    ich habe immer Menschen, die das Leben als Weg verstehen, bewundert.
    Es freut mich sehr, dass Du langsam Deine Mitte findest, mögliche Richtungen einpeilst und trotzdem offen, neugierig und ständig auf der Suche bist.
    Höre bitte nie auf Fragen zu stellen, zu hinterfragen und nachzudenken.

    20 Jahre alt…

    …geniesse es!

    Ich wünsche Dir treue Freunde, knisternde Liebe und inspirierende Begegnungen!

    Ganz Liebe Grüsse
    Stefan

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  5. Sehr feine Idee, einen Teil deiner Erinnerungen vom Hinterkopf zu holen, etwas Staub zu wischen und vorne ans Regal zu stellen. Alles Gute, altes 20er Haus!

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  6. ohh.. Alles Liebe zum Geburtstag! Das habe ich wohl beinahe verpasst.
    Ich mag Deine Texte sehr. Du bist ein kl. Schreibtalent.

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  7. Geschichten aus der Vergangenheit verschwinden nicht einfach, sie versickern. Und kommen dann wieder hoch, wenn es dazu Anlass gibt. Das ist wie mit Witzen.

    Auch von mir alles Gute nachträglich. :-)

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  8. Hör niemals auf zu schreiben, ich lese dich sehr gerne, Luca.

    Danke für das Teilhaben an deinen Gedanken und Geschichten :)))!

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  9. Pingback: siebenundzwanzig | Luca Hammer

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