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43 Tage ohne Social Web

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Ich habe das Experiment gemacht mich komplett aus dem Social Web, außer Blogs, zurückzuziehen. Hier der Erfahrungsbericht wie es einem Heavy User geht, wenn er auf alles verzichten muss. Vom Wahnsinn in der ersten Wochen bis zum Akzeptieren und warum ich es nicht für immer lasse, obwohl ich durch den Verzicht ruhiger und gelassener geworden bin.


Foto: Tony Gigov

Am 16. März hatte ich bereits seit mehreren Tagen einen Tab mit dem Blogbeitrag von Jana offen. Wenn ich etwas nicht sofort lesen will, aber auch nicht bei Instapaper1 speichern möchte, bleibt es als Tab offen. Dort hat sie angekündigt, sie würde in der Fastenzeit auf Twitter verzichten, wobei die Fastenzeit vor allem als einfachere Erklärung dienen sollte. Ich fand den Ansatz interessant und entschloss mich recht spontan mitzumachen. Ab dem nächsten Tag. Wann Fastenzeit ist, wusste ich sowieso nicht. Später habe ich mir als Zeitraum etwa 40 Tage im Kalender gesucht und bin somit auf 17.2. bis 31.3. gekommen. Schnell im Sideblog angekündigt, dort kann man auch die Updates von den ersten Tagen nachlesen, und los ging es. Twitter war mir allerdings zu wenig.

Die Services

Leser, die mich nicht so gut kennen, sollten wissen, dass ich äußerst aktiv im Social Web bin. Dazu gehören nicht nur die etwa 20 Tweets, die ich pro Tag schreibe, sondern das stundenlange Lesen der Tweets von anderen, mein soup.io Account, sowie mehrere soup.io Gruppen, bei denen ich Mitglied bin und die soup.io Startseite, die ich an manchen Tagen leer lese. Natürlich ist da auch Facebook ein wichtiger Teil, auch wenn ich selbst lediglich meine Tweets als Statusupdates hineinlaufen lasse, lese ich manchmal bei anderen mit und nutze es vor allem als interaktives Adressbuch. Auch um mich über Menschen zu informieren, die ich noch nicht kenne. Als neuste Errungenschaft Google Buzz. Neben diesen regelmässigen Services, wo ich täglich mehrere Stunden investiere, lasse ich selten ein neues Service aus, das mir über den Weg läuft.

Beim Fasten ging es mir vor allem um die Services, wo ich Nachrichten von meinen Kontakten lesen und eigene schreiben konnte. Alles hochfrequente. Websites, wo ich auf aktualisieren klicke und schon gibt es etwas neues oder dies von alleine funktioniert.

Die erste Woche

Müsste ich mein Wohlbefinden als Kurve beschreiben, wäre es in der ersten Woche am schlimmsten, würde dann langsam besser werden und dann langsam aber kontinuierlich wieder schlimmer werden.

In den ersten Tagen habe ich noch ständig Tweets im Kopf gehabt, Situationen die ich auf der Straße gesehen habe, Websites die ich gerne geteilt hätte, Gefühle. Im Kopf schon in die 140 Zeichen angepasst und mehrmals umgestellt, nur um sich dann daran zu erinnern, dass man es doch nicht posten darf. Mir ist erstmal bewusst geworden, welche Rolle Twitter für mich als Ventil gespielt hat. Dazu muss man wissen, dass ich mehrere Accounts betreibe. Einen persönlichen und einen privaten. Auf Twitter konnte ich meinen Ärger über das nichtfunktionieren von Programmen loswerden, die Dummheit mancher Menschen und Firmen. Aber auch meine Freude über ein Paket, ein Email, erfolgreiche Abschließen von Projekten oder einen großartigen Text. Indem ich über meinen Unmut schreibe, beschäftigt er mich nicht mehr so stark. Bei den guten Dingen, tut es gut sie teilen zu können. Genauso wie wenn man bei jemanden anderen darüber liest.

An manchen Tagen bin ich an meinem Schreibtisch gesessen und beinahe explodiert. Kleine Dinge, die nicht so funktioniert haben, wie sie sollten. Ich habe es dann manchmal Freunden per Chat geschrieben (Danke @sebmos), es vor mich hin genuschelt und damit verwirrte Blicke von Projektpartner_innen geerntet oder es, wie in den meisten Fällen, in mich hineingefressen.

Fehlendes Netzwerk

Nach der ersten Woche ist mir immer öfter aufgefallen, wie hilfreich Twitter ist. Ein Teil meiner Arbeit ist das Arbeiten mit WordPress, was ich grundsätzlich gerne mag, aber manchmal kommt man bei einem Problem in eine Sackgasse und so passiert es schon einmal, dass man einen Vormittag mit etwas verbringt, das sich als Kleinigkeit herausstellt. Natürlich versucht man es über Google, das mache ich auch wenn ich twittere. Schließlich sind meine Follower keine Mechanical Turks, sondern lauter Experten in irgendwelchen Bereichen. Und wenn es das Leben ist. Ich könnte auch Personen, von denen ich glaube, dass sie die Lösung kennen könnten, eine Email schreiben, aber da fühle ich mich meist als aufdringlich. Gerade wenn ich an einem Projekt arbeite, wo ich für solche Dinge kein Budget habe.

Aber nicht nur Hilfe, sondern auch meine persönliche Zeitschrift hat mir gefehlt. In meinem Bereich geht es auch darum, dass man weiß, was sich im Internet gerade so abspielt, welche neuen Tools und Services es gibt, wie diese funktionieren und so weiter. Twitter ist dafür durch seine Geschwindigkeit sehr hilfreich. Im Google Reader habe ich durch die shared items noch einiges mitbekommen, aber das filtern ist dort aufwändiger und Blogs sind meist langsamer als Twitter. Mein Twitter-Account ist auch viel feinmaschiger eingestellt, als mein Reader. Aus dem einfachen Grund, dass Tweets schneller zu konsumieren und meist mit mehr Informationen gefüllt sind. Ich bin mir sicher, dass ich viele kleinere Dinge verpasst habe. Solche habe ich auch oft auf soup.io entdeckt, indem ich alles gelesen habe. Dazu später mehr.

Facebook ist für mich, wie schon erwähnt, ein interaktives Adressbuch und mein persönlicher Eventkalender. Dort wurde ich zu den Veranstaltungen eingeladen und konnte schauen, was in den nächsten Tagen los ist. Selten ein Tag, an dem nichts ist. Teilweise wurde ich per Email zu Veranstaltungen eingeladen, in den meisten Fällen, habe ich aber nichts davon erfahren. Außer es hat jemanden in seinem Blog darüber geschrieben. Ich habe geschummelt. Zwei Menschen habe ich in Facebook nachgeschlagen. Oft bin ich bei Google über Links zu Facebook gestolpert, wenn ich nach Personen gesucht habe. Dort bekommt man aktuell meist die besten Informationen. Und kann die Leute kontaktieren.

Beim publizieren haben mir alle Kanäle gefehlt. Da schreibt man stundenlang an einem Blogbeitrag, weiß dass um die hundert Menschen auf Twitter daran interessiert wären, aber man kann ihn dort nicht veröffentlichen.

Ganz konkret hat mir Twitter bei der re:publica Planung gefehlt. Ich werde dort einen Vortrag über #unibrennt halten und brauche dementsprechend eine Unterkunft. Die ich noch nicht habe. Das Problem ist nicht etwas zu finden, sondern sich zu entscheiden. Entweder bei einem Kontakt übernachten oder im gleichen Hotel. Vielleicht gemeinsam eine Wohnung mieten. Zumindest Feedback zu bestimmten Unterkünften von Menschen bekommen, denen man vertraut. Geht alles nicht. Falls ihr also noch Platz habt, bitte melden.

Die persönliche Ebene

Das Social Web ist für mich mehr als Teil der Arbeit. Es ist mein Leben. Irgendwie.

Mein Freundeskreis ist zu neunzig Prozent auf Twitter vertreten. Wir machen uns über Twitter treffen aus, nutzen Facebook um Fotos zu teilen. Neben den Menschen, die ich öfters persönlich treffe, gibt es die Menschen, die ich nur sehr selten sehe oder noch nie getroffen habe, aber sehr nahe stehe. Man baut über Twitter Beziehungen zu Menschen auf. Sie wachsen einen ans Herz und ein Monat nichts von ihnen mitbekommen ist hat.

Sichtbare Auswirkungen

Irgendwann in der zweiten Woche wurde mir gesagt, dass ich ruhiger bin, seit ich Twitter nicht mehr nutze. Das wurde im Laufe der folgenden Wochen von mehren, voneinander unabhängigen Personen, wiederholt.

Es stimmt. Nach dem ersten Gefühlschaos, wurde ich gelassener. Viele Dinge haben mich nicht mehr betroffen, weil ich nicht viel tun habe können. Weil ich in Hundescheiße steige, schreie ich nicht alle umstehenden Leute an, dass ich den Hund hasse, der mir den Vormittag verdorben hat. Wenn etwas nicht funktioniert, dann funktioniert es nicht. Kann man nicht ändern. Ich wurde wohl etwas apathisch.

Was ich verpasst habe

Twitter
Zigtausende Tweets
168 Replys
16 Direct Messages

Facebook
Unzählige Statusnachrichten
32 Friendrequests
3 Friendsuggestions
56 Messages
21 Event Invitations (das sind nur die, die erst stattfinden)
103 Other Requests auf Facebook

Und viele weitere Dinge auf anderen Websites.

Ich habe euch vermisst.

Geschwüre habe ich vom in mich hineinfressen der Dinge nicht bekommen, glücklich hat es mich jedoch nicht gemacht. Ich werde einige Gedanken aus der Zeit ohne Social Web mitnehmen, aber das Experiment in nächster Zeit sicherlich nicht wiederholen.

Ich brauche Twitter und Facebook nicht zum überleben, aber es macht mein Leben besser. Auf beruflicher und privater Ebene. Ich mag die Menschen, mit denen ich hier kommunizieren kann. Es ist ein über Jahre aufgebautes Netzwerk, mit einem hohen Wert.

Es tut gut wieder da zu sein.

Und jetzt wird meine digitale Identität mit dem großartigen Foto von Tony gerebrandet.

  1. Lese ich vielleicht einmal im Monat. []

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni. | | | Newsletter

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  1. Pingback: Tweets that mention 43 Tage ohne Social Web | Alltag Medienzukunft -- Topsy.com

    • Ja, es steht jeden offen etwas zu oder etwas nicht zu tun. Genauso wie man es kritisieren darf. Mir wurde zu Beginn auch gesagt, dass ich es einfach tun und nicht so zelebrieren soll. Verständlich aber nicht meine Art.

      Für mich war es interessant zu erfahren, was das Social Web im konkreten Fall bedeutet. „Anfang schwer, aber möglich.“ ist ja sehr allgemein und kann auf alle regelmäßig genutzten Produkte angewendet werden.

      Fernseher habe ich seit drei Jahren nicht mehr.

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  2. Ahoi:) Ich hab es mir ja nicht ganz so hart gemacht, also nicht auf das Netwzerk verzichtet, sondern eher auf das Notizen schreiben, was mir am Anfang wie dir schwere fiel und dann bald kein Problem mehr war. Würde auch sagen, dass es mich gelassener gemacht hat – auch das Gefühl, dass es wurscht ist, ob es Twitter gibt oder nicht. Es gab etliche Fragen, bei denen ich, hätte ich sie auf Twitter gestellt, sofort eine Antwort gehabt hätte, stattdessen musste ich mühsam recherchieren…:)

    Letztlich komm ich sowohl zu dem Ergebnis, dass man Twitter nicht braucht (v.a. wenn man auf Netzwerke auch anders zugreifen kann), aber das Twitter auch wahnsinnig praktisch ist.

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  3. Interessantes Experiment. Allerdings hat mich keine der geschilderten Erfahrungen überrascht, so dass ich für mich zum Fazit komme durch eine solche Pause nichts zu gewinnen. Ich habe regelmäßig Wochenenden oder einige am Stück verbrachte Tage, an denen ich so gut wie nicht Twittere und auch sonst vom permanenten Informationsstrom abgeschnitten bin. Anfangs fielen mir diese Pausen noch schwer und ich habe oft hektisch versucht, verpasstes nachzulesen. Das lasse ich mittlerweile bleiben.

    Wichtiges wird über die Zeit wiederholt werden, so dass ich es später auch noch mitbekomme und direkte Ansprachen an mich erreichen mit per @mention oder DM auch noch nach meinen kleinen Auszeiten. Und ich sehe es genauso: Twitter ist ein Ventil für alles was einen umtreibt und die Möglichkeit Dinge, die einen freuen gleich mit einigen hundert Menschen zu teilen. Und da ich mehr als 60% meiner Followings persönlich getroffen habe liegt mir ebendies auch am Herzen.

    Ich finde es aber praktisch, dass es mal jemand ausprobiert und dann auch noch dokumentiert hat. Danke dafür! Bis bald auf der Re:publica.

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    • So ein Experiment schafft Gelassenheit und Ruhe. Mir hat es sicherlich gut getan. Unbedingt machen muss man es aber nicht.

      re:publica. Juhuu.

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  4. Pingback: morgen.update #020410 « POLILOG

  5. Bin ja selbst Web 2.0 Junkie … als Ventil bevorzuge ich allerdings Mountainbikefahren und Beachvolleyball. Einer der vielen Gründe, warum ich vor Jahren von Wien nach Innsbruck übersiedelt bin, war die Natur. Wenn Du Dreitausender direkt vor der Nase hast, hält dich bei schönem Wetter kein Tweed der Welt vorm Bildschirm.

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    • Bin vor drei Jahren aus dem Stubaital nach Wien gezogen. Ich konnte mit den Ski bis vor die Haustüre fahren oder vom Balkon in den Schnee springen. Es war eine großartige Zeit, aber ich genieße es auch in Wien. Selbst wenn es sporttechnisch nicht besonders interessant ist.

      Das Ventil brauche ich oft, wenn ich am Bildschirm sitze. Da klappt es nicht so gut, mich einfach aufs Rad zu setzen und abzuhauen.

      Und Twitter nutze ich vor allem unterwegs.

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  6. Respekt Luca!
    ich hab ja auch schon ne ganze menge anstrengende projekte durch in den letzten jahren (365er) aber web-abstinenz schaff ich immer maximal ne woche.
    bei vielem, was du hier beschreibst muss ich schmunzeln, weil ich es haargenau kenne, diese emotionen, des teilenmöchtens und vermissens. aber dennoch, es tut immer mal wieder gut eine auszeit zu nehmen, wie lang die ist, muss glaube ich jeder selbst wissen.

    schön, dass du wieder da bist! und glückwunsch für’s durchhalten.

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    • Man muss ja auch dazusagen, dass es keine totale Auszeit war, das ging alleine beruflich nicht, sondern nur die Social Web Dienste.

      Danke. Bin sehr froh wieder da zu sein.

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  7. Genau das ist es ja, viele von uns Webmenschen können es sich allein beruflich gar nicht mehr erlauben, nicht dabei zu sein. Dennoch: Ab und an mal runterfahren, im wahrsten Sinne des Wortes, tut sehr gut, vor allem, wenn berufliches und privates Onlinesein so schwer trennbar sind!

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