Monat: April 2010

  • Club 2 | Schirrmacher und Facebook

    Ich werde morgen, 28. 4., im Club 2 sein und gemeinsam mit Schirrmacher, Angelika Hager und Hubert Poppe darüber diskutieren, ob uns das Internet dumm macht. Moderation: Corinna Milborn. Da ich aus vergangene Diskussionsrunden mit Schirrmacher weiß, dass er das Gespräch gerne an sich reißt und darin recht gut ist, möchte ich mich etwas vorbereiten. Ich habe mir dafür einige Interviews angesehen, angehört und gelesen und in diesem Beitrag seine Argumente zusammengefasst. Und dazu jeweils die Gegenargumente, teilweise von mir, teilweise aus Blogposts. Kommentare erwünscht.


    Bild von Magnus Manske

    Ich halte Schirrmacher für einen intelligenten Menschen, anders wäre er wohl auch nicht in die Position gekommen, in der er heute ist, aber ich mag seinen Diskussionsstil nicht. Wie er seinen Diskussionspartnern Recht gibt und im Nebensatz das Gegenteil sagt. Wie er Fakten nimmt und aus ihnen falsche Schlüsse zieht. Wie er manchmal sagt, dass das Internet eigentlich gut ist, aber im Nebensatz darin den Untergang von Intuition und Menschlichkeit verkündet. Auch kommt mir hin und wieder vor, dass er sich mit bestimmten Dingen nicht so gut auskennt, wie er glaubt.

    Veränderung des Gehirns

    Ich habe das Gefühl, dass Schirrmacher hier immer wieder die Worte im Mund verdreht werden, vielleicht gibt er den Aussagen den Spin auch schon mit. Er beruft sich wiederholt darauf, dass sich das Gehirn aufgrund der Computer und Internetnutzung verändert, was durch die Wissenschaft auch bestätigt wird. Aber weder Forscher noch Schirrmacher, können sagen, ob es eine positive oder negative Veränderung ist. Bestimmte Bereiche des Gehirns werden weniger gebraucht, andere dafür mehr und dementsprechend entwickeln sie sich.

    Das Gehirn von Taxifahreren, die ohne Navigationsgerät unterwegs sind, im Vergleich zu denen mit Navi, sei laut Forschern interessanter, sagt Schirrmacher. Das ist aber auch nur wieder eine hübsch verpackte Aussage, dass man die Auswirkungen (noch?) nicht einordnen kann. Interessant sind Zeitungen auch.

    Konzentrationsverlust und Ich-Erschöpfung

    Der Mensch ist nicht dafür geschaffen mehrere Dinge zugleich zu erledigen. Da kann Schirrmacher sich auf viele Studien berufen und mit einfachen Beispielen die Zustimmung von Moderation und Publikum erreichen. Doch diese Aussage alleine bringt noch nicht viel. Schirrmacher verknüpft das geschickt mit dem Internet und behauptet, dass uns dieses bzw. der Computer uns Multitasking aufzwängen, dass wir gar keine andere Möglichkeit hätten. Weiter geht es damit, dass wir am Ende des Arbeitstages sehr erschöpft sind, er bezeichnet es als Ich-Erschöpfung, womit er wiederum die Zustimmung vieler hat, und begründet es mit den ständigen sich zusammenreißen. Jedes Mal wenn man eine Mail bekommt oder jemand anruft, während man arbeitet, muss man sich zusammenreißen, nicht darauf zu reagieren, sondern weiterzuarbeiten. Dies würde uns so erschöpfen, dass viele am Abend nur noch so-genannte seichte Unterhaltung wollen.

    Stop. Der Computer an sich ist ein Arbeitsgerät und schreibt uns noch nicht vor wie, wir ihn benützen. Er gibt uns bestimmte Möglichkeiten und Wege, in vielen Bereichen ist es auch nicht möglich ihn einfach abzuschalten, weil er für die Arbeit benötigt wird, aber den ständigen Unterbrechungen kann man entgegen wirken. Ich verwende zum schreiben längerer Texte etwa OmmWriter, ein Programm das alles andere am Computer ausblendet, sodass ich mich voll auf diese eine Sache, das schreiben konzentrieren kann. Unter Windows gibt es dafür Q10. Das Email-Programm kann ich abdrehen, das Telefon ausschalten. Wenn ich also bestimmte Vorkehrungen treffe, dann muss ich mich nicht ständig zusammenreißen, da ich gar nicht unterbrochen werde. Ich halte die Debatte darüber ebenso für wichtig, weil viele Menschen sich gar keine Gedanken darüber machen, wie sie arbeiten und wie sie es angenehmer gestalten können. Erschöpft ist aber auch meine Mutter, wenn sie den ganzen Tag im Kindergarten gearbeitet hat, wo sie weder Computer noch Internet hat.

    Auf der anderen Seite muss ich auch erwähnen, dass es ja nicht so ist, dass man in den Unterbrechungen so unproduktiv ist. Schirrmacher zitiert eine Microsoft Studie, nach der man 25 Minuten braucht, um nach einer Unterbrechung wieder zur ursprünglichen Arbeit zurückzukehren. Das ist eine nette Zahl, wenn jemand aber unter Zeitdruck steht, eine Deadline einhalten muss, dann wird er sich diese Zeit nicht nehmen. Ich persönlich unterscheide bei der Arbeit nach der Konzentration, die ich dafür brauche, ob ich Notifications von Mail, Twitter und Facebook an lasse oder nicht. Dies bedeutet, dass sobald mir jemand ein Kommentar auf Facebook, eine Nachricht, eine Reply auf Twitter, ein Mail oder ähnliches schickt, ein Overlay rechts unten in meinen Bildschirm kommt und mich darüber informiert, was passiert ist. Damit kann ich in Sekundenbruchteilen bewerten, ob ich darauf reagiere oder nicht. Wenn nicht, ist die Ablenkung so gering, dass ich direkt weiterarbeiten kann. In der Microsoft Studie wird auch erwähnt, dass Menschen sich bei einer Unterbrechung denken, da sie schon aufgehört haben zu arbeiten, können sie auch noch kurz bei Facebook reinschauen, schließlich, und das kennen die meisten von uns ((Ja, ich kopiere die Schirrmacher-Taktik.)), will man immer wissen was los ist und sucht die Ablenkung. Das tritt bei mir nicht auf, weil ich durch die Benachrichtigungen schon weiß, ob es etwas neues gibt oder nicht.

    Schlampiges Arbeiten

    Wenn der Mensch mehrere Dinge zugleich machen, bekommen die einzelne nur eine geringere Aufmerksamkeit. Wir machen Fehler, brauchen länger und sind insgesamt unzufriedener.

    Schirrmacher stellt dies als zur Ideologie gewordene Arbeitsweise hin. Auch hier bin ich ganz bei ihm, dass man sich damit beschäftigen muss. Sollte Multitasking nicht erlernbar sein, frage ich mich, wie es Journalisten schaffen zugleich ein Interview zu führen und sich dabei Notizen zu machen. Oder wie wir Autofahren können, wo wir zugleich auf den Verkehr achten müssen, lenken, Gas geben und daneben läuft oft noch das Radio.

    Unterschiedliche Tätigkeiten erfordern unterschiedlich viel Konzentration. Wir können zwar Multitasking nicht lernen, aber wir können bestimmte Dinge zur Routine machen, wie es beim Autofahren passiert. Wenn wir den Körper bestimmte Dinge beibringen automatisch zu machen, haben wir den Kopf frei für andere. Nur so ist es möglich den Verkehr zu beachten, der sich ständig ändert und währenddessen das Fahrzeug zu bedienen. Dass das bei vielen Dingen am Computer schwierig ist, weil sie nicht gleichbleibend sind, stimme ich natürlich zu. Aber, wie oben erwähnt, kann ich lernen Informationshappen routiniert zu bewerten und somit beim aktuellen Gedanken, den ich im Kopf habe zu bleiben und zu Ende zu führen.

    Allmächtige Algorithmen

    Schirrmacher hat Angst davor und weist darauf hin, dass es bereits passiert, dass nicht mehr das menschliche Denken und seine Intuition ausschlaggebend sind, sondern Algorithmen. Nicht der Bankbeamte entscheidet darüber, ob wir einen Kredit bekommen, sondern der Computer. Es werden unterschiedliche Daten zusammengeworfen und berechnet, sodass es dem Mitarbeiter am Ende leichter fällt eine Entscheidung zu treffen. Dass der Mitarbeiter sich nicht gegen den Computer entscheidet, schließlich hätte er dann keine Ausrede, wenn etwas schief geht, erscheint auch logisch. Doch sollte man daher auf den Computer verzichten? Nein. Computer helfen uns mit großen Datenmengen umzugehen, aber wir müssen sie zu interpretieren verstehen. Und das geht nur, wenn wir uns darauf einlassen. Der Computer ist eine Unterstützung und sollte uns, wie auch Schirrmacher sagt, die Arbeit nicht komplett abnehmen. Ob der Bankbeamte einen Stapel Papiere bekommt oder ein grafisch aufbereitetes, wesentlich kompletteres Profil des Antragstellers, macht einen großen Unterschied. Wir können uns aber nicht auf den Computer verlassen.

    Schirrmacher schlägt vor, dass Intuition, Bauchgefühl und wie man Urteile bildet, in der Schule unterrichtet werden soll. Finde ich einen interessanten Ansatz, wo es dann natürlich darauf ankommt, wie das in der Praxis tatsächlich aussieht.

    Eine andere Sache ist, dass er möchte, dass Algorithmen in Narrationen übersetzt werden müssen. Mir fällt es schwer das vorzustellen, bin aber nicht grundsätzlich abgeneigt.

    Wenn Schirrmacher sagt, dass Maschinen bestimmen, was im Netz sichtbar ist und was nicht, wobei er auf Google verweist, muss ich den Kopf schütteln. Google macht lediglich sichtbar, was Menschen gut oder schlecht finden. Eines der wichtigsten Bestandteile ist immer noch die Anzahl der Verlinkungen und die werden von Menschen gemacht. Es ist natürlich möglich Verlinkungen durch Programme zu erzeugen, aber Google versucht diese ja auch zu erkennen und ist sehr gut darin. Und die Algorithmen selbst werden ja auch von Menschen erzeugt. Womit wir beim nächsten Kritikpunkt von Schirrmacher sind.

    Die Menschen würden oft gar nicht mehr verstehen, wie die Algorithmen funktionieren. Auch hier gebe ich ihm Recht. Wenn wir nicht verstehen, wie bestimmte Dinge funktionieren, haben wir ein Problem. Zugleich müssen wir nicht im Detail wissen, wie Google funktioniert, sondern nur grundlegend. Sobald wir dies kapiert haben, können wir uns auch als Arzt nicht mehr komplett auf das verlassen, was der Computer ausspuckt, sondern müssen das Ergebnis mit unserem Hausverstand, nicht dem von Billa, überprüfen. Aber es ist auch eine große Arbeitserleichterung und Google erleichtert bei der Suche im Internet extrem. Oder will Schirrmacher eine Alphabetische Liste von Websites durchgehen, wenn er etwas sucht?

    „Intuition bildet man nur mit echten Menschen, nicht mit digitalen Menschen.“ (nicht wortgenau)
    Diese Aussage ist in meinen Augen natürlich Unsinn, weil Menschen im Internet genauso echt sind, wie Menschen in der offlinen Welt. Die Intuition, die man dort lernt, wird vielleicht eine andere sein, aber es ist auch Intuition. Etwa wenn ich das Profil eines Menschen sehe und bewerten muss, ob das alles so sein kann oder ob es sich um ein Fake handelt. Ebenso wenn ich einen Text lese, ob der authentisch ist oder nicht. Und so weiter.

    Privacy und die Cloud

    Vermutlich das größte Thema der Diskussion, mit Schwerpunkt auf Facebook.

    Schirrmacher sagt, dass Daten in der Wolke durch Algorithmen analysiert werden können. Etwa durch Google und den Cloudanbieter den man nützt. Da gebe ich ihm Recht, allerdings kann ich sensible Daten verschlüsseln, was eine automatische als auch eine manuelle Analyse unmöglich macht. Jedenfalls, wenn man es richtig macht. Man muss sich darüber bewusst sein, welche Daten man ins Netz stellt, aber zugleich muss sich auch die Bewertung der Menschen anhand solcher Daten entwickeln. Ich habe bestimmte Bilder auf Facebook, die ein klassischer Arbeitgeber als problematisch sehen würde, ich behaupte aber und würde das dementsprechend in einem Bewerbungsgespräch verteidigen, auch wenn ich das wohl nie haben werde, dass die Dinge nichts verwerfliches an sich sind, sondern von der Gesellschaft so bewertet werden. Nur wenige haben nie eine Nacht durchgefeiert oder sich im Fasching, ‚tschuldigung Karneval, peinlich verkleidet. Ebenso könnte ich sagen, dass ich Menschen komisch finde, die ein absolut sauberes Profil im Netz haben. Da sagt mir meine Intuition, dass da etwas nicht stimmt. Und ich glaube auch, dass es möglich ist weitgehend aus dem Netz auszusteigen und dennoch einen Job zu bekommen, wenn man begründen kann warum man das gemacht hat. Leichter wird es natürlich nicht.

    Und das Profiling über mich stelle ich mir auch interessant vor, weil ich etwa zu Testzwecken, mehrere Identitäten im Netz besitze, wie ich sie auch in der offlinen Welt habe. Ich bin der Student, der Projektpartner, der Freund und noch vieles mehr. Manchmal sind da auch Dinge dabei, die sich widersprechen. Dinge, die sich über die Zeit verändern. Im Netz finde ich jedoch nur Ausschnitte von Momentaufnahmen einer Person, die ich im Kontext betrachten muss. Ich kann nun versuchen alle Einzelteile zu einem kompletten Profil übereinander zu legen, werde aber nicht ein komplettes, aktuelles Bild erhalten.

    Wenn eine Frau aufgrund von Fotos auf Facebook kein Krankengeld mehr bekommt, dann muss sie die Möglichkeit haben, dies vor Gericht einzuklagen. Sollte sie die Fotos jedoch nicht erklären können, hat sie ein Problem. Würde die Krankenversicherung das gleiche machen, wenn sie anders an Beweise kommt, dass die Person nicht tatsächlich krank ist? Bestätigt wiederum ein Arzt die Krankheit, muss die Krankenversicherung verpflichtet sein, das Geld zu zahlen. Und Urlaub kann ich auch aufgrund eines Burnouts machen müssen.

    „Wir in unserem Feuilleton.“ (Als Zwischen-Anekdote)

    Ich kann in einem Social Network Meinungsführer identifizieren und versuchen für sein Produkt zu überzeugen. Passiert das in Zeitungen und Magazinen nicht? Ja, es wird einfacher, präziser, aber zugleich wird die Person nicht lange Meinungsführer bleiben, wenn sie nur Unsinn empfiehlt. Zu einfach ist es im Netz sich selbst zu informieren. Zu schnell entsteht ein Shitstorm.

    Internet und das Denken

    Wir drehen uns etwas.

    Schirrmacher meint, dass wir uns besonders mit dem Internet auseinandersetzen müssen, weil es sich im Gegensatz auf die Folgen der industriellen Revolution direkt mit dem Denken zu tun hat. Da stelle ich die Gegenfrage, ob sich der Buchdruck oder das Fernsehen nicht auch auf das Denken auswirken? Die Informationsflut der Zeitungen? Wir können mit dem Internet interagieren meint Schirrmacher. Wie er seine Zeitung liest, frage ich mich. Ob er mit anderen Menschen darüber spricht, was er gelesen hat. Ob er umblättert. Aber wahrscheinlich sind das alles keine Interaktionen.

    Computer im Kindergarten kann ich mir vorstellen. Aber dann bitte mit kleinkindgerechter Bedienung und Software. Ich finde es gut, wenn Kinder verstehen wie Computer funktionieren. Warum nicht in der Volksschule selbst einen zusammenbauen und zugleich die Grundlagen der Programmierung lernen? Man lernt Gedichte zu interpretieren, in Österreich ist Programmcode als Literatur geschützt. Warum nicht lernen Code zu interpretieren? Man muss nicht eine Masse an Informatikern heranzüchten, aber wir werden ja auch nicht von Dichtern überschwemmt. Ich sehe da sehr viel Potential, wenn man es richtig macht. Computer haben eine so wichtige Position in unserer Gesellschaft, deshalb sollten alle verstehen, wie sie funktionieren.

    Die Aussage, dass sie im Kindergarten keinen Sinn haben, weil sich die Technologie zu schnell verändert, ist ja auch Schwachsinn. Dann dürfte man nur noch jahrelang etablierte Dinge unterrichten. Man muss aufpassen, dass in der Zeit von Persönlichkeitsprägung und so weiter nicht das falsche an die Kinder kommt, aber grundsätzliche Anlehnung wird nicht funktionieren. Und bekommen die Kinder es nicht in der Schule mit, dann woanders.

    Fazit

    Wir müssen die Möglichkeit haben Einspruch zu erheben, wenn Computer über uns entscheiden.
    Auch diese Aussage stammt von Schirrmacher und ist in meinen Augen vollkommen richtig. Die Frage ist wie man dies erreichen kann.

    Links
    Radio-Interview bei SR, Fragen an den Autor
    Weltenkampf – Dahlmann
    Älteres Interview mit Schirrmacher gefunden bei wirres
    Payback Rezension von Wittenbrink
    von Peter Glaser
    von Jörg Wittkewitz
    Die Angsto vor der Moderne – Dahlmann
    Wie Schirrmacher sich seine Experten aufbläst
    Leben im Schwarm Vortrag und Podiumsdiskussion
    Frank Schirrmacher Mega Mixtape diverse Interviews mit ihm

    Falls ihr dem ganzen noch etwas beizufügen habt, freut mich das. Einfach in die Kommentare damit. Ich werde zumindest vor der Sendung einen Livestream machen und möglicherweise auch währenddessen. Ihr könnt mich auch über Twitter erreichen.

    Und wer in Wien ist kann schon um 18:00 Uhr zur Podiumsdiskussion, ohne mir, mit Schirrmacher kommen.

  • re:view einer Social Media Konferenz

    Mit dem Zug quer durch Deutschland. Es wird zur Gewohnheit und ich komme gut damit zurecht. Zugfahren mochte ich schon immer und man wird mit der Zeit gelassener, sodass man über die Fahrgäste, die sich ohne Ende über Verspätungen und überfüllte Züge aufregen nur lächeln kann. Nicht, dass ich es gut heiße, aber wenn der Zug zu lang braucht, fordere ich den entsprechenden Teil meines Tickets zurück und wenn nicht, dann ist das in Ordnung. Eine Überarbeitung des gesamten Systems wie es Bruno Weisshaupt in seinem Buch SystemInnovation ((Affiliate Link)) vorschlägt, wäre großartig, soll aber nicht Inhalt dieses Beitrags sein.


    Bild: s3bsg

    Ich war bei der re:publica in Berlin. Drei Tage Social Media Vorträge vom feinsten und das größte Klassentreffen der Blogosphäre. Und dort zähle ich Twitter als Mikroblogs einfach mit. Auch die Leute, die sich diesem Ding nicht zugehörg fühlen. Ähnliche wie wenn man über Autofahrer spricht und auch die meint, die sich nicht als solche sehen. Falls es das gibt. Ich möchte nicht linear durch alle Vorträge gehen, die ich besucht habe, nicht jede Person anführen die ich getroffen hab, könnte ich gar nicht, und auch nicht Dinge zusammenfassen, die man woanderes viel besser in der Originalfassung findet. In den nächsten Tagen wird man die Folien der meisten Vorträge auf der Website der re:publica finden und auch die Aufzeichnungen der großen Räume werden mit der Zeit auftauchen. Vielmehr ein paar Gedankenfetzen, die mich noch nicht losgelassen haben.

    re:publica

    In drei Jahren vom belächelten Bloggertreffen zur größten Social Media Konferenz in Europa. Kurz vor der ersten re:publica vor drei Jahren habe ich angefangen zu twitteren. Bei der Konferenz war ich lediglich via Livestream und Twitter dabei. Doch das hat mir gereicht. Ich war begeistert. Zeug das mich interessiert hat. Im nächsten Jahr war ich dann direkt vor Ort, teilweise von dern Vorträgen enttäuscht habe ich mehr Menschen getroffen, die ich bereits aus dem Web kannte als bei irgendeiner anderen Veranstaltung zuvor. Es war großartig, auch wenn ich damals noch zurückhaltender war als heute.

    Heuer hatte ich mir eines der Bloggertickets gesichert, welches mit 75€ teuer, aber noch im leistbaren Bereich liegt. Die normalen Tickets haben 90€ gekostet. Immer noch ein guter Preis, wenn man sich anschaut was man dafür bekommt. Ein Jarvis oder Kruse kommen leider nicht auf Barcamps und sollten sie es tun, wird man auch dort passive Konferenzteilnehmer haben, die nichts beitragen und somit die Qualität des Barcamps drücken. Ein bisschen genervt hat es mich daher, als ich mehrmals Gespräche mitbekommen habe, wo man sich über den hohen Preis aufgeregt hat. Einmal wurde großartig argumentiert, dass man schließlich schon teuer nach Berlin reisen muss und die Unterkunft bezahlen.

    Noch bevor ich das Ticket bezahlen konnte, hat mich Jana als Speaker vorgeschlagen. Und das habe ich dann auch gemacht. Mehr dazu weiter unten.

    Die Vorträge haben mir heuer auch besser gefallen, obwohl ich bei weniger gewesen bin. Auch hätte ich gerne mit noch mehr Menschen geplaudert.

    Very liberal

    Jeff Jarvis und Gira Grand. Zwischen meinen Entwürfen ist der Beitrag „Das Internet ist dein Lebenslauf“. Jarvis hat über die Vorteile von Offenheit gesprochen. Warum er über seinen Prostatakrebs geschrieben hat und die der Operation folgenden Impotenz und Inkontinenz. Wie sich daraufhin andere mit den gleichen Erfahrungen gemeldet haben, wie Menschen dankbar waren, dass er so offen darüber geschrieben hat und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Aufgehängt hat er das Thema am „deutschen Penis Paradox“. Wir, ich schließe Europäer einfach mit ein, haben eine gemischte Saune, wo wir kein Problem haben unseren Intimbereich zu zeigen, was in Amerika unmöglich ist, und zugleich regen wir uns auf, dass etwa Google Streetview uns auf öffentlichen Plätzen fotografiert. Auch wenn ich mit dem Gleichnis grundsätzlich wenig anfangen kann und es mir mehr wie ein Aufmerksamkeitsding vorkommt, kann ich seine restliche Argumentation gut nachvollziehen. Wenn wir Google verbieten in der Öffentlichkeit Fotos zu machen, darf die Presse oder wir als Blogger es bald auch nicht mehr.

    Offen über Dinge zu reden, die in unserer Gesellschaft als Tabu gelten ist gut. Zum Beispiel Sexualität. Gira Grant hat sich in ihrem Vortrag damit auseinandergesetzt. Wir sind oft zu verklemmt und so kommt es dazu, dass Jugendliche nicht einmal die Basics wissen. Oder die falschen Sachen glauben. Im Internet ist es nicht sinnvoll möglich bestimmte Bereiche nur bestimmten Personengruppen zugänglich zu machen und Menschen sollten die Möglichkeit haben sich vor ihrere Volljährigkeit mit dem eigenem und anderem Geschlecht auseinanderzusetzen. Sonst nimmt man Pornofilme als Realität, weil diese teilweise einfacher verfügbar sind.

    Ich bekämpfe Privacy Bedenken durch Offenheit. Schon viele gute Erfahrungen damit gemacht und genau deshalb lasse ich mich in Zukunft auch nicht mehr so stark durch Bedenken anderer einschränken. Wenn jemand ein Problem damit hat, dass ich so bin wie ich bin, soll er nicht mit mir zusammenarbeiten, mich treffen, mit mir sprechen, wasauchimmer. Durch jede Information, die ich preis gebe, verhindere ich, dass sie jemand anders falsch veröffentlicht. Und als Dreingabe bekomme ich dadurch Vertrauen. Und ja, es gibt auch Dinge, die ich nicht online stelle. Genau genommen gar nicht so wenige.

    re:burn #unibrennt

    Jana hat mich dafür vorgeschlagen und ein weitere Personen haben eingestimmt, was mich dazu bewegt hat beim Call of Paper mitzumachen. Als ich dann die Mail bekommen habe, dass ich dabei bin, habe ich mich sehr gefreut.

    Auf den Vortrag gehe ich hier nicht weiter ein, wen es interessiert, kann ihn sich hier irgendwann anschauen und die Präsentation re:burn selbst ist auch online.

    Schon im Vorfeld hat mich der Bayrische Rundfunk für ein Fernsehinterview auf der re:publica angefragt und direkt vor Ort kam dann noch Radio fritz auf mich zu. Gibts auch alles online. Südwild und Trackback.

    Wiederholung der Geschichte

    Seit ich mich erinnern kann, hat es immer wieder Diskussionen über Werbung in Blogs gegeben. Bei der re:publica wurde ich wieder darauf hingewiesen, dass es schwierig ist von „der Blogosphäre“ zu sprechen. Es gibt inzwischen sehr viele Sub-Netzwerke, die teilweise vielleicht sogar größer sind, als die von mir wahrgenommen Blogosphäre. Eine davon sind die Modeblogs, die sich auf einem Panel über schon erwähnte Werbung unterhalten haben. Es hat sich so angefühlt wie die Diskussion, die „wir“ vor zwei bis drei Jahren geführt haben. Inzwischen ist Werbung unter bestimmten Kriterien weitgehend akzeptiert, wie auch MC Winkel in seiner Session über das Leben als Faulancer zu berichten wusste. Nicht so bei den Mode Blogs. Ich glaube auch, dass man niemanden beleheren kann oder soll, wie die Diskussion ausgehen wird, weil die Entwicklung durchgemacht werden muss. Auch um bestimmte Dinge zu verstehen. Die Argumente sind heute wie damals die gleichen.

    Ich freue mich jedoch, dass die Blogs in anderen Bereichen immer stärker werden und so ist es auch passend, dass wir bei Blögger gerade eine Fashionbloggerin vorstellen.

    Mehr als Internet

    Werner Görz hat über Geld gesprochen. Er wirkte dabei etwas wie ein Märchenonkel, ich mag seine Ideen dennoch und habe auch vieles schon so erlebt, wie er es erzählt hat. Es ging um das bedingungslose Grundeinkommen. Dass Menschen zwei Menschenbilder haben, das von sich selbst, die natürlich trotz bedingungslosen Grundeinkommen weiterarbeiten würden und das der anderen, die sich dann auf die faule Haut legen und nichts mehr tun. Über den Überfluss in dem wir leben und dass es um die Trennung von Arbeit und Einkommen geht. Einkommen ermöglicht Arbeit nicht umgekehrt. Wir sollten arbeiten, weil wir einen Sinn darin sehen, nicht weil wir müssen, um an Geld zu kommen. Es würde die Gesellschaft verändern.

    Keine Konferenz

    Auch wenn viele Themen ernst waren und dementsprechend behandeln wurden, hat es bei der re:publica genügend Unterhaltung gegeben. Royal Review 1, Twitterlesung, Laberflashmob, Catcontent, Party. Viele tolle Dinge, die für Aussenstehende meist absurd wirken. Ich habe viel gelacht.

    Die re:publica ist kein Barcamp, soll sie auch nicht sein. Sie öffnet das Thema Internet einem größeren Personenkreis, bietet den Webmenschen eine Bühne und hat dazu noch Vorträge, die sogar für regelmässige Barcampgänger interessant sind.

    Ich werde nächstes Jahr wieder dabei sein. Und du?

    Beitrag schon letzten Freitag im Zug geschrieben, aber nicht dazugekommen in online zu stellen. Andere re:views.