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Club 2 | Schirrmacher und Facebook

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Ich werde morgen, 28. 4., im Club 2 sein und gemeinsam mit Schirrmacher, Angelika Hager und Hubert Poppe darüber diskutieren, ob uns das Internet dumm macht. Moderation: Corinna Milborn. Da ich aus vergangene Diskussionsrunden mit Schirrmacher weiß, dass er das Gespräch gerne an sich reißt und darin recht gut ist, möchte ich mich etwas vorbereiten. Ich habe mir dafür einige Interviews angesehen, angehört und gelesen und in diesem Beitrag seine Argumente zusammengefasst. Und dazu jeweils die Gegenargumente, teilweise von mir, teilweise aus Blogposts. Kommentare erwünscht.


Bild von Magnus Manske

Ich halte Schirrmacher für einen intelligenten Menschen, anders wäre er wohl auch nicht in die Position gekommen, in der er heute ist, aber ich mag seinen Diskussionsstil nicht. Wie er seinen Diskussionspartnern Recht gibt und im Nebensatz das Gegenteil sagt. Wie er Fakten nimmt und aus ihnen falsche Schlüsse zieht. Wie er manchmal sagt, dass das Internet eigentlich gut ist, aber im Nebensatz darin den Untergang von Intuition und Menschlichkeit verkündet. Auch kommt mir hin und wieder vor, dass er sich mit bestimmten Dingen nicht so gut auskennt, wie er glaubt.

Veränderung des Gehirns

Ich habe das Gefühl, dass Schirrmacher hier immer wieder die Worte im Mund verdreht werden, vielleicht gibt er den Aussagen den Spin auch schon mit. Er beruft sich wiederholt darauf, dass sich das Gehirn aufgrund der Computer und Internetnutzung verändert, was durch die Wissenschaft auch bestätigt wird. Aber weder Forscher noch Schirrmacher, können sagen, ob es eine positive oder negative Veränderung ist. Bestimmte Bereiche des Gehirns werden weniger gebraucht, andere dafür mehr und dementsprechend entwickeln sie sich.

Das Gehirn von Taxifahreren, die ohne Navigationsgerät unterwegs sind, im Vergleich zu denen mit Navi, sei laut Forschern interessanter, sagt Schirrmacher. Das ist aber auch nur wieder eine hübsch verpackte Aussage, dass man die Auswirkungen (noch?) nicht einordnen kann. Interessant sind Zeitungen auch.

Konzentrationsverlust und Ich-Erschöpfung

Der Mensch ist nicht dafür geschaffen mehrere Dinge zugleich zu erledigen. Da kann Schirrmacher sich auf viele Studien berufen und mit einfachen Beispielen die Zustimmung von Moderation und Publikum erreichen. Doch diese Aussage alleine bringt noch nicht viel. Schirrmacher verknüpft das geschickt mit dem Internet und behauptet, dass uns dieses bzw. der Computer uns Multitasking aufzwängen, dass wir gar keine andere Möglichkeit hätten. Weiter geht es damit, dass wir am Ende des Arbeitstages sehr erschöpft sind, er bezeichnet es als Ich-Erschöpfung, womit er wiederum die Zustimmung vieler hat, und begründet es mit den ständigen sich zusammenreißen. Jedes Mal wenn man eine Mail bekommt oder jemand anruft, während man arbeitet, muss man sich zusammenreißen, nicht darauf zu reagieren, sondern weiterzuarbeiten. Dies würde uns so erschöpfen, dass viele am Abend nur noch so-genannte seichte Unterhaltung wollen.

Stop. Der Computer an sich ist ein Arbeitsgerät und schreibt uns noch nicht vor wie, wir ihn benützen. Er gibt uns bestimmte Möglichkeiten und Wege, in vielen Bereichen ist es auch nicht möglich ihn einfach abzuschalten, weil er für die Arbeit benötigt wird, aber den ständigen Unterbrechungen kann man entgegen wirken. Ich verwende zum schreiben längerer Texte etwa OmmWriter, ein Programm das alles andere am Computer ausblendet, sodass ich mich voll auf diese eine Sache, das schreiben konzentrieren kann. Unter Windows gibt es dafür Q10. Das Email-Programm kann ich abdrehen, das Telefon ausschalten. Wenn ich also bestimmte Vorkehrungen treffe, dann muss ich mich nicht ständig zusammenreißen, da ich gar nicht unterbrochen werde. Ich halte die Debatte darüber ebenso für wichtig, weil viele Menschen sich gar keine Gedanken darüber machen, wie sie arbeiten und wie sie es angenehmer gestalten können. Erschöpft ist aber auch meine Mutter, wenn sie den ganzen Tag im Kindergarten gearbeitet hat, wo sie weder Computer noch Internet hat.

Auf der anderen Seite muss ich auch erwähnen, dass es ja nicht so ist, dass man in den Unterbrechungen so unproduktiv ist. Schirrmacher zitiert eine Microsoft Studie, nach der man 25 Minuten braucht, um nach einer Unterbrechung wieder zur ursprünglichen Arbeit zurückzukehren. Das ist eine nette Zahl, wenn jemand aber unter Zeitdruck steht, eine Deadline einhalten muss, dann wird er sich diese Zeit nicht nehmen. Ich persönlich unterscheide bei der Arbeit nach der Konzentration, die ich dafür brauche, ob ich Notifications von Mail, Twitter und Facebook an lasse oder nicht. Dies bedeutet, dass sobald mir jemand ein Kommentar auf Facebook, eine Nachricht, eine Reply auf Twitter, ein Mail oder ähnliches schickt, ein Overlay rechts unten in meinen Bildschirm kommt und mich darüber informiert, was passiert ist. Damit kann ich in Sekundenbruchteilen bewerten, ob ich darauf reagiere oder nicht. Wenn nicht, ist die Ablenkung so gering, dass ich direkt weiterarbeiten kann. In der Microsoft Studie wird auch erwähnt, dass Menschen sich bei einer Unterbrechung denken, da sie schon aufgehört haben zu arbeiten, können sie auch noch kurz bei Facebook reinschauen, schließlich, und das kennen die meisten von uns1, will man immer wissen was los ist und sucht die Ablenkung. Das tritt bei mir nicht auf, weil ich durch die Benachrichtigungen schon weiß, ob es etwas neues gibt oder nicht.

Schlampiges Arbeiten

Wenn der Mensch mehrere Dinge zugleich machen, bekommen die einzelne nur eine geringere Aufmerksamkeit. Wir machen Fehler, brauchen länger und sind insgesamt unzufriedener.

Schirrmacher stellt dies als zur Ideologie gewordene Arbeitsweise hin. Auch hier bin ich ganz bei ihm, dass man sich damit beschäftigen muss. Sollte Multitasking nicht erlernbar sein, frage ich mich, wie es Journalisten schaffen zugleich ein Interview zu führen und sich dabei Notizen zu machen. Oder wie wir Autofahren können, wo wir zugleich auf den Verkehr achten müssen, lenken, Gas geben und daneben läuft oft noch das Radio.

Unterschiedliche Tätigkeiten erfordern unterschiedlich viel Konzentration. Wir können zwar Multitasking nicht lernen, aber wir können bestimmte Dinge zur Routine machen, wie es beim Autofahren passiert. Wenn wir den Körper bestimmte Dinge beibringen automatisch zu machen, haben wir den Kopf frei für andere. Nur so ist es möglich den Verkehr zu beachten, der sich ständig ändert und währenddessen das Fahrzeug zu bedienen. Dass das bei vielen Dingen am Computer schwierig ist, weil sie nicht gleichbleibend sind, stimme ich natürlich zu. Aber, wie oben erwähnt, kann ich lernen Informationshappen routiniert zu bewerten und somit beim aktuellen Gedanken, den ich im Kopf habe zu bleiben und zu Ende zu führen.

Allmächtige Algorithmen

Schirrmacher hat Angst davor und weist darauf hin, dass es bereits passiert, dass nicht mehr das menschliche Denken und seine Intuition ausschlaggebend sind, sondern Algorithmen. Nicht der Bankbeamte entscheidet darüber, ob wir einen Kredit bekommen, sondern der Computer. Es werden unterschiedliche Daten zusammengeworfen und berechnet, sodass es dem Mitarbeiter am Ende leichter fällt eine Entscheidung zu treffen. Dass der Mitarbeiter sich nicht gegen den Computer entscheidet, schließlich hätte er dann keine Ausrede, wenn etwas schief geht, erscheint auch logisch. Doch sollte man daher auf den Computer verzichten? Nein. Computer helfen uns mit großen Datenmengen umzugehen, aber wir müssen sie zu interpretieren verstehen. Und das geht nur, wenn wir uns darauf einlassen. Der Computer ist eine Unterstützung und sollte uns, wie auch Schirrmacher sagt, die Arbeit nicht komplett abnehmen. Ob der Bankbeamte einen Stapel Papiere bekommt oder ein grafisch aufbereitetes, wesentlich kompletteres Profil des Antragstellers, macht einen großen Unterschied. Wir können uns aber nicht auf den Computer verlassen.

Schirrmacher schlägt vor, dass Intuition, Bauchgefühl und wie man Urteile bildet, in der Schule unterrichtet werden soll. Finde ich einen interessanten Ansatz, wo es dann natürlich darauf ankommt, wie das in der Praxis tatsächlich aussieht.

Eine andere Sache ist, dass er möchte, dass Algorithmen in Narrationen übersetzt werden müssen. Mir fällt es schwer das vorzustellen, bin aber nicht grundsätzlich abgeneigt.

Wenn Schirrmacher sagt, dass Maschinen bestimmen, was im Netz sichtbar ist und was nicht, wobei er auf Google verweist, muss ich den Kopf schütteln. Google macht lediglich sichtbar, was Menschen gut oder schlecht finden. Eines der wichtigsten Bestandteile ist immer noch die Anzahl der Verlinkungen und die werden von Menschen gemacht. Es ist natürlich möglich Verlinkungen durch Programme zu erzeugen, aber Google versucht diese ja auch zu erkennen und ist sehr gut darin. Und die Algorithmen selbst werden ja auch von Menschen erzeugt. Womit wir beim nächsten Kritikpunkt von Schirrmacher sind.

Die Menschen würden oft gar nicht mehr verstehen, wie die Algorithmen funktionieren. Auch hier gebe ich ihm Recht. Wenn wir nicht verstehen, wie bestimmte Dinge funktionieren, haben wir ein Problem. Zugleich müssen wir nicht im Detail wissen, wie Google funktioniert, sondern nur grundlegend. Sobald wir dies kapiert haben, können wir uns auch als Arzt nicht mehr komplett auf das verlassen, was der Computer ausspuckt, sondern müssen das Ergebnis mit unserem Hausverstand, nicht dem von Billa, überprüfen. Aber es ist auch eine große Arbeitserleichterung und Google erleichtert bei der Suche im Internet extrem. Oder will Schirrmacher eine Alphabetische Liste von Websites durchgehen, wenn er etwas sucht?

„Intuition bildet man nur mit echten Menschen, nicht mit digitalen Menschen.“ (nicht wortgenau)
Diese Aussage ist in meinen Augen natürlich Unsinn, weil Menschen im Internet genauso echt sind, wie Menschen in der offlinen Welt. Die Intuition, die man dort lernt, wird vielleicht eine andere sein, aber es ist auch Intuition. Etwa wenn ich das Profil eines Menschen sehe und bewerten muss, ob das alles so sein kann oder ob es sich um ein Fake handelt. Ebenso wenn ich einen Text lese, ob der authentisch ist oder nicht. Und so weiter.

Privacy und die Cloud

Vermutlich das größte Thema der Diskussion, mit Schwerpunkt auf Facebook.

Schirrmacher sagt, dass Daten in der Wolke durch Algorithmen analysiert werden können. Etwa durch Google und den Cloudanbieter den man nützt. Da gebe ich ihm Recht, allerdings kann ich sensible Daten verschlüsseln, was eine automatische als auch eine manuelle Analyse unmöglich macht. Jedenfalls, wenn man es richtig macht. Man muss sich darüber bewusst sein, welche Daten man ins Netz stellt, aber zugleich muss sich auch die Bewertung der Menschen anhand solcher Daten entwickeln. Ich habe bestimmte Bilder auf Facebook, die ein klassischer Arbeitgeber als problematisch sehen würde, ich behaupte aber und würde das dementsprechend in einem Bewerbungsgespräch verteidigen, auch wenn ich das wohl nie haben werde, dass die Dinge nichts verwerfliches an sich sind, sondern von der Gesellschaft so bewertet werden. Nur wenige haben nie eine Nacht durchgefeiert oder sich im Fasching, ‚tschuldigung Karneval, peinlich verkleidet. Ebenso könnte ich sagen, dass ich Menschen komisch finde, die ein absolut sauberes Profil im Netz haben. Da sagt mir meine Intuition, dass da etwas nicht stimmt. Und ich glaube auch, dass es möglich ist weitgehend aus dem Netz auszusteigen und dennoch einen Job zu bekommen, wenn man begründen kann warum man das gemacht hat. Leichter wird es natürlich nicht.

Und das Profiling über mich stelle ich mir auch interessant vor, weil ich etwa zu Testzwecken, mehrere Identitäten im Netz besitze, wie ich sie auch in der offlinen Welt habe. Ich bin der Student, der Projektpartner, der Freund und noch vieles mehr. Manchmal sind da auch Dinge dabei, die sich widersprechen. Dinge, die sich über die Zeit verändern. Im Netz finde ich jedoch nur Ausschnitte von Momentaufnahmen einer Person, die ich im Kontext betrachten muss. Ich kann nun versuchen alle Einzelteile zu einem kompletten Profil übereinander zu legen, werde aber nicht ein komplettes, aktuelles Bild erhalten.

Wenn eine Frau aufgrund von Fotos auf Facebook kein Krankengeld mehr bekommt, dann muss sie die Möglichkeit haben, dies vor Gericht einzuklagen. Sollte sie die Fotos jedoch nicht erklären können, hat sie ein Problem. Würde die Krankenversicherung das gleiche machen, wenn sie anders an Beweise kommt, dass die Person nicht tatsächlich krank ist? Bestätigt wiederum ein Arzt die Krankheit, muss die Krankenversicherung verpflichtet sein, das Geld zu zahlen. Und Urlaub kann ich auch aufgrund eines Burnouts machen müssen.

„Wir in unserem Feuilleton.“ (Als Zwischen-Anekdote)

Ich kann in einem Social Network Meinungsführer identifizieren und versuchen für sein Produkt zu überzeugen. Passiert das in Zeitungen und Magazinen nicht? Ja, es wird einfacher, präziser, aber zugleich wird die Person nicht lange Meinungsführer bleiben, wenn sie nur Unsinn empfiehlt. Zu einfach ist es im Netz sich selbst zu informieren. Zu schnell entsteht ein Shitstorm.

Internet und das Denken

Wir drehen uns etwas.

Schirrmacher meint, dass wir uns besonders mit dem Internet auseinandersetzen müssen, weil es sich im Gegensatz auf die Folgen der industriellen Revolution direkt mit dem Denken zu tun hat. Da stelle ich die Gegenfrage, ob sich der Buchdruck oder das Fernsehen nicht auch auf das Denken auswirken? Die Informationsflut der Zeitungen? Wir können mit dem Internet interagieren meint Schirrmacher. Wie er seine Zeitung liest, frage ich mich. Ob er mit anderen Menschen darüber spricht, was er gelesen hat. Ob er umblättert. Aber wahrscheinlich sind das alles keine Interaktionen.

Computer im Kindergarten kann ich mir vorstellen. Aber dann bitte mit kleinkindgerechter Bedienung und Software. Ich finde es gut, wenn Kinder verstehen wie Computer funktionieren. Warum nicht in der Volksschule selbst einen zusammenbauen und zugleich die Grundlagen der Programmierung lernen? Man lernt Gedichte zu interpretieren, in Österreich ist Programmcode als Literatur geschützt. Warum nicht lernen Code zu interpretieren? Man muss nicht eine Masse an Informatikern heranzüchten, aber wir werden ja auch nicht von Dichtern überschwemmt. Ich sehe da sehr viel Potential, wenn man es richtig macht. Computer haben eine so wichtige Position in unserer Gesellschaft, deshalb sollten alle verstehen, wie sie funktionieren.

Die Aussage, dass sie im Kindergarten keinen Sinn haben, weil sich die Technologie zu schnell verändert, ist ja auch Schwachsinn. Dann dürfte man nur noch jahrelang etablierte Dinge unterrichten. Man muss aufpassen, dass in der Zeit von Persönlichkeitsprägung und so weiter nicht das falsche an die Kinder kommt, aber grundsätzliche Anlehnung wird nicht funktionieren. Und bekommen die Kinder es nicht in der Schule mit, dann woanders.

Fazit

Wir müssen die Möglichkeit haben Einspruch zu erheben, wenn Computer über uns entscheiden.
Auch diese Aussage stammt von Schirrmacher und ist in meinen Augen vollkommen richtig. Die Frage ist wie man dies erreichen kann.

Links
Radio-Interview bei SR, Fragen an den Autor
Weltenkampf – Dahlmann
Älteres Interview mit Schirrmacher gefunden bei wirres
Payback Rezension von Wittenbrink
von Peter Glaser
von Jörg Wittkewitz
Die Angsto vor der Moderne – Dahlmann
Wie Schirrmacher sich seine Experten aufbläst
Leben im Schwarm Vortrag und Podiumsdiskussion
Frank Schirrmacher Mega Mixtape diverse Interviews mit ihm

Falls ihr dem ganzen noch etwas beizufügen habt, freut mich das. Einfach in die Kommentare damit. Ich werde zumindest vor der Sendung einen Livestream machen und möglicherweise auch währenddessen. Ihr könnt mich auch über Twitter erreichen.

Und wer in Wien ist kann schon um 18:00 Uhr zur Podiumsdiskussion, ohne mir, mit Schirrmacher kommen.

  1. Ja, ich kopiere die Schirrmacher-Taktik. []

Veröffentlicht von

Social Media Analyst und Autor eines Blogbeitrags pro Jahr. | | Newsletter

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