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Ich 2.0 | Blogparade twenty.twenty

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Gedanken zur Identität im Web. Welche Gefahren es mit sich bringt und warum sie gar nicht so neu sind, wie viele behaupten. Von Freunden, Followern, Kontakten und Stalkern. Ein kleines Geheimnis und einige Wünsche für die Zukunft.

twenty.twenty

Eine neue Veranstaltungsreihe, die sich mit der Zukunft beschäftigt. Mit dem Jahr 2020, um das ganze greifbarer zu machen. Da bin ich 32, Herr Doktor und nicht mehr der junge Herr Kollege. Vielleicht. Jedenfalls geht es bei twenty.twenty um die Zukunft und wer mich kennt, weiß dass ich mich mit Zukunftsprognosen zurückhalte, was aber nicht heißt, dass man sich nicht damit beschäftigen sollte. Indem wir uns jetzt Gedanken dazu machen, Wünsche und Ängste aussprechen können wir die Zukunft selbst gestalten. Zu einem Teil zumindest. Daher habe ich zugesagt, als man mich für das twenty.twenty Gremium angefragt hat. Da ich als einer der letzten hinzu gekommen bin, war ich im Vorbereitungsprozess des ersten Events nicht besonders eingebunden, finde das Thema aber umso spannender. Die Frage nach Identität in der Zukunft. Keynote Speaker ist übrigens Geert Lovink.

Den Verlosungsprozess für die Plätze beim Event finde ich persönlich zu intransparent und werde das mit den Verantwortlichen besprechen, damit es da in Zukunft ein sauberes System gibt, das jeder versteht.

Blogparade
Da man nicht nur durch punktuelle Veranstaltungen ein paar wenige sprechen lassen möchte, gibt es im Vorfeld mehrere Möglichkeiten beim Thema mitzudiskutieren und auch beim Event wird es Twitterwalls für die Einbindung des Publikums über den Hashtag #future2020. Weiters bietet sich sicherlich die Facebook Page an, um sich einzubringen oder wie ich es mache im Rahmen der Blogparade im eigenem Blog etwas veröffentlichen. Als Fragestellung steht bei twenty.twenty „Wann ist man jemand im Web?“, ich sehe das aber recht offen.

Ich 2.0 – Veränderung von Identität

Offline – Online

Das Internet bringt viele Veränderungen mit sich, dennoch gab es die meisten Fragestellungen, die uns jetzt beschäftigen schon früher. Oft werde ich gefragt, wie man im Web Privates und Berufliches trennen soll. Oder ob das überhaupt sinnvoll ist. Dass man mit Arbeitskollegen befreundet ist, würde ich nicht als besonders neu bezeichnen. Die hat man auch früher zu sich nach Hause eingeladen und dort trafen sie plötzlich auf das private Umfeld, sie sahen Fotos an den Wänden, lernten die Familie kennen und tauschten sich wahrscheinlich mit dem einem oder anderem Freund aus. Ich erinnere mich gut daran, als ich das erste Mal langjährige Freunde eines Projektpartners kennen lernte und etwas in der Vergangenheit von ihm stöberte, um herauszufinden, ob er auch privat so ist, wie er sich gab und wie er früher war. Ein großer Unterschied im Web ist, dass es auch für Personen, mit denen man nicht so viel zu tun hat oder sich nicht so gut versteht, es recht einfach haben an privates Material zu kommen. Jedenfalls, wenn man, so wie ich, das meiste öffentlich macht. Die Frage ist, was dies für mich und die Beziehung zu diesen Personen bedeutet.

Da es immer mehr Menschen gibt, die viele Dinge von sich online stellen, bleibt es meist bei einem kurzen drüberschauen, dem Versuch die Person einzuschätzen, vergleichbar mit einer ersten Kontaktaufnahme, wo man kurz erzählt, wer man ist, was man früher gemacht hat und was man jetzt macht. Mit dem Unterschied, dass man im Gespräch schnell einmal Dinge aufhübschen oder verheimlichen kann. Online ist es für alle gleich, aber das heißt noch nicht, dass dort alles richtig ist, was Personen veröffentlichen.

Menschen mit denen man befreundet ist oder sich auch nur gut findet, haben die Möglichkeit sehr einfach in Kontakt zu bleiben. Auf Twitter folgen, auf Facebook befrienden oder den Blog abonnieren. Schon bekommt man tagesaktuell mit was ich mache. Das ist großartig, weil man so mit mehr tollen Menschen in Verbindung bleiben kann und zugleich jeder selbst entscheiden kann wie viel er mitbekommen möchte. Ich dränge niemanden etwas auf, sondern sie können es sich holen. Schrecklich finde ich Menschen, besonders bei diversen Veranstaltungen, die einem immer erzählen müssen, was sie denn gerade machen, was sie früher gemacht haben und warum ich sie total super finden muss. Manchmal ist es interessant, in den meisten Fällen nur nervig und könnte ich da auf unfollow drücken, würde ich es tun. Doch von einem Gespräch wegzugehen ist unhöflich und so bleibe ich etwas und verabschiede mich dann freundlich. Im Web ist es besser zu handhaben. Die Menschen wissen, dass es nicht möglich ist allen zu folgen und jeden Blog zu lesen und daher ist man niemanden böse, weil er nicht mehr folgt oder mitliest.

Ein Problem sind Menschen, die einem nicht gut gestimmt sind. Oder zu gut. Also alles von beruflichen Konkurrenten bis hin zu Stalkern. Für die ist das öffentliche Auftreten der Person im Web ein Paradies. Menschen machen Fehler und viele davon sind auch online dokumentiert, oft muss es nicht einmal ein Fehler sondern nur ein für die jeweilige Gruppe unpassendes Auftreten sein. Etwa die Lehrerin bei einer ausgelassenen Party oder die Angebetete mit einem mehrdeutigen Status-Update. Die Schüler schicken die Fotos dann gleich mal an den Rektor oder basteln eine waghalsige Story herum, um es in der Schülerzeitung abzudrucken. Der Stalker fühlt sich durch das mehrdeutige Statusupdate, vermutlich war es für den Freund bestimmt, bestätigt und wird noch hartnäckiger. Bei den Schülern kommt es nun auf den Rektor an, wie gut ist das Verhältnis zur betroffenen Lehrerin, wird das Internet als gemischter Raum aus privat und beruflich gesehen, wird das Bild als rufschädigend für die Schule empfunden. Je nachdem reichen die Folgen von einer witzigen Zwischenbemerkung, was die Schüler glauben, damit erreichen zu können bis hin zur Kündigung. Ich bin der Meinung, dass solche Dinge als normal abgetan werden müssen, solange sie gewisse Grenzen nicht überschreiten. Menschen feiern Partys und Fotos werden online ausgetauscht. Solange die Party nicht in der Schule stattgefunden hat oder die Lehrerin es nicht schafft weiterhin eine Respektsperson für die Schüler zu sein, muss der Fall nicht weiter verfolgt werden. Beim Stalker ist das schon viel schwieriger. Die Polizei ist der Meinung, dass man sofort jegliche Onlineaktivitäten einstellen soll, was in meinen Augen einem „dann melden sie halt das Telefon ab und gehen nicht mehr vors Haus“ gleich kommt. Das Internet ist ein Raum, um sich mit anderen Menschen, mit Freunden und Kontakten, auszutauschen. Einfach abdrehen geht da nicht. Wirkliche Lösung gibt es nicht dafür, offline könnte man eine gerichtliche Verfügung erwirken, dass der Stalker sich weder der Person nähern noch sie kontaktieren darf. Dies würde auch digitale Kontaktaufnahmen verbieten, ist jedoch oft schwer nachverfolgbar. Doch ohne offlinem Zwischenfall, dazu zählen auch viele Anrufe, herumlungern vor der Wohnung und ähnliches, schreitet die Polizei oft nicht ein. Selbst wenn Stalker im Web ebenso eine große psychische Belastung darstellen. Hier wünsche ich mir, dass sich Gesetz und Gerichte vor 2020 anpassen.

Multiple Identitäten

Geert Lovink glaubt, dass sich unsere Persönlichkeiten noch weiter aufspalten werden.1 Ich sehe das ähnlich und anders. Ich behaupte immer, dass meine Offline- und Online-Identität die gleiche ist. Was nicht ganz richtig ist. Vor einigen Jahren habe ich zahlreiche Experimente mit unterschiedlichen Identitäten im Web gemacht. Welche Bilder werden eher geklickt, wie muss man Leute ansprechen um dieses oder jenes zu erreichen, wie fängt man einen Streit an und wie beendet man ihn am besten. Am Ende habe ich den Personen meist gesagt, dass ich nicht ganz ich bin, was viele sicherlich verunsichert hat, weil es auch zeigte wie leicht es ist im Web jemand anders zu sein. Im Web? Inzwischen ist es wahrscheinlich einfacher offline jemand anders zu sein. Man zieht sich anders an, erzählt eine neue Geschichte seiner Vergangenheit und trifft neue Leute. Das Web ist inzwischen voller Verbindungen zwischen Menschen und Beziehungen wurden über Jahre aufgebaut, sodass ich Kontakte habe, denen ich vertraue, weil sie mich über lange Zeit nicht enttäuscht haben und über diese kann ich recht schnell erfahren, ob eine Person die ist, für die sie sich ausgibt oder nicht. Das funktioniert auch für Personen zu denen man keine Verbindungen hat, indem man sich deren Umfeld anschaut. Somit bekommt man oft ein sehr gutes Bild. Aber auch heute habe ich noch weitere Identitäten im Web. Diese haben jedoch keine erfundenen Elemente mehr, sondern betonen nur andere Seiten von mir. Auch diese haben sich Vertrauen zu Menschen aufgebaut und werden daher respektiert.

Das führt zur Frage, ob es falsch ist mehrere Identitäten zu haben. Ich bin mit allen ehrlich, aber spreche jeweils über einen Teil von mir nicht. Viele, die mich kennen und das lesen werden ein bisschen geschockt sein. Sich fragen, ob sie mir noch trauen können. Und ich bitte euch wirklich, gut drüber nachzudenken. Ich habe euch nicht enttäuscht und nicht angelogen. Dass ich mehr bin, als ihr kennt ist kein Grund mir zu mistrauen. Es gibt auch ein paar Menschen, die meine übrigen Identitäten kennen. Vielleicht ist es irgendwann möglich sie zu einer zu machen, weil die Menschen nicht mehr voller Vorurteile sind, weil sie die eine oder andere Sache über jemanden wissen. Ich wünsche mir Ehrlichkeit und Verständnis. Und nein, das ist alles gar nicht so schlimm, wie es jetzt vielleicht klingt und ihr könnt mir auch gern ein Mail schicken, wenn ihr mehr wissen wollte oder noch besser euch mit mir persönlich treffen.

Jetzt ihr

Ich könnte noch lange weiter schreiben, doch ich mache hier erst einmal einen Schnitt und bin auf eure Gedanken dazu gespannt. Besonders nach der Frage, ob mehrere Identitäten schlecht sind und wie ihr das handhabt. Gerne in den Kommentaren oder in euren Blogs.

  1. Ob er es tatsächlich meint oder es nur bei twenty.twenty steht weiß ich nicht. Woanders steht, dass er meint, dass die vielen anonymen Persönlichkeiten aus der Internet-Anfangszeit der Vergangenheit angehören. []

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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  1. Sehr interessante Gedanken. Ich werde zwar darauf in meinem Blog noch was längeres schreiben, aber nur ganz kurz: ich habe – vielleicht im Gegensatz zu viele anderen – momentan das Gefühl, dass on- und offline irgendwie miteinander verschwimmen. Es ist nicht mehr etwas Trennbares. Dass Online-ige gehört meistens zu einem dazu. Ich weiß, das hört sich vielleicht blöd an, aber ich glaube, dass die allerwenigsten wirklich „anders“ im Web sind, als offline. Natürlich gibt es einige, die halt weniger Fotos (oder gar keine) von sich hochladen. Oder jene, die nur über Berufliches schreiben. Aber ist das nicht auch Teil einer Identität? Nämlich wirklich EINER Identität? Ich sehe das zumindest so. Also ich traue mich von mir zu behaupten, dass ich offline so bin wie online und das beides zu mir dazugehört.

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    • Sehe das ähnlich. Man hat auch gar keine Zeit mehrere Identitäten voll zu betreuen. Dennoch hat man sowohl offline als auch online hin und wieder Abwandlungen seines Ichs. Teilweise weil man gerade darauf Lust hat, aber manchmal auch, weil einem andere etwas überstülpen und man zu müde ist sich dagegen zu wehren.

      Für uns ist diese Verbindung selbstverständlich, gerade weil man on- und offline mit den gleichen Menschen zu tun hat. Es würde recht schnell auffallen, wenn man online ganz anders ist. Bei mir unterscheidet es sich wohl am stärksten dadurch, dass ich online wesentlich mehr sage. Offline bin ich da eher ruhig, höre viel zu und werfe nur hin und wieder was ein. Hängt stark mit diesem, ich will niemanden etwas aufdrücken Gefühl zusammen, das ich oft habe.

      Und ja, die Identitäten, auch wenn sie unterschiedlich scheinen, sind eigentlich eine. Nur weil ich einmal sehr viel online gespielt habe und dafür eigenen Nick und alles hatte, heißt das noch lange nicht, dass ich das wo anders verneinen würde. Nur dass ich als Spieler vor allem über spielbezogene Themen spreche und woanders über andere Dinge. Etwa Arbeit oder Blogs oder was auch immer. Hier im Blog kommen vermutlich die meisten Dinge zusammen.

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  2. Wie Luca schon sagte, sind die verschiedenen online Identitäten eines Menschen sind oft nur Facetten seiner Persönlichkeit.
    Mit genügend Zeit kann man bei jedem Menschen erleben, das er widersprüchliche Dinge von sich gibt. Genauso sind Identitäten eben nur Ausdruck der unterschiedlichen Facetten einer Persönlichkeit. Das hat, meiner Meinung nach, noch nichts mit Ehrlichkeit oder Vertrauenswürdigkeit zu tun.

    Die spannende Frage ist, ob man den roten Faden hinter den Identitäten nachvollziehbar macht, oder doch lieber obskur hält. Es kann triftige Gründe dafür geben Identitäten „anonym“ von einander zu halten (Siehe Blogger in Iran), es kann aber auch persönliche Gründe geben (Nicht jeder will seine politische Meinung öffentlich machen). Letztlich macht die Anonymität der neuen Medien die Frage des roten Fadens zwischen den Identitäten selbst zu einer Ausdrucksform.

    Es hat immer und wird immer künstliche Identitäten geben. Identitäten die nicht wirklich existieren aber aus verschiedensten Gründen aufrecht erhalten werden. Aber das braucht in den neuen Medien, wenn es denn überzeugend sein soll, sehr viel Zeit und Energie. Früher war Identitätsmanagement eine Fertigkeit weniger Menschen (Künstler, Spione, Betrüger, etc.). Heutzutage wird es zu einer Grundlage und Fertigkeit für Alle die sich in den neuen Medien bewegen.

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  3. das klingt für mich jetzt viel differenzierter, als noch vor ein paar monaten. ich sehe eine entwicklung, die mir gefällt ;-)

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  7. Pingback: Beitrag von Nuri Nurbachsch zur Ich 2.0-Blogparade | twenty twenty

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  9. Hey hey – ich bin ein Neuling auf dieser Seite und frage mich grad ob das alles hier einen kulturwissenschaftlichen Hintergrund hat – mir kommt es nämlich ein wenig so vor …

    Grüße!

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  10. Stimme absolut allem zu. Ein Punk geht mir aber ncoh unter:
    Anders als in den USA & sonst wo in der Welt ist eine bekannte Internet-Identität, die auch dort nativ geursprungt ist, einer bekannten Offlineidentität, die sich auf das Internet einlässt extrem unterlegen.
    Sprich, mir geht es um die Frage: was bringt im österreichischen Raum eine Onlineidentität überhaupt? Hat es da nicht mehr Sinn, einen Offlineanchorman zu suchen?

    Natürlich kommt da bald ein Umschwung, aber bis dato schon sehr hinterwältlerisch mEn.
    Jedenfalls: je authentischer ein Avatar vorgibt zu sein, desto mehr wird sich eine starke Identität entwickeln (schöner no-na-Satz noch)

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    • : was bringt im österreichischen Raum eine Onlineidentität überhaupt?
      : Hat es da nicht mehr Sinn, einen Offlineanchorman zu suchen?

      Die Frage suggeriert meiner Meinung, dass es „um etwas“ geht, dass man sich im Web aufhält, um dort etwas zu erreichen. Vielleicht auch, um dort jemand zu sein.
      Meiner Beobachtung nach ist aber gerade das einer der entscheidenenden Fehler, die man im Web so machen kann.
      Web-Credibilty bildet sich imho eher aus Können als auch Wollen.

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