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Interview #unibrennt

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Ich wurde wieder einmal für eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema #unibrennt befragt. Falls es jemanden interessiert, hier das gesamte Interview. Veröffentlichung war ursprünglich nicht geplant, aber am Ende dachte ich mir, dass es nicht schaden wird.

Interview wurde via Skype geführt. Schriftlich.

Interviewer 07.09.11 12:01
kannst du dich zum einstieg bitte kurz selber vorstellen?

Luca Hammer 07.09.11 12:05
Luca Hammer, in einer woche 23 jahre alt. ich studiere seit vier jahren publizistik- und kommunikationswissenschaft, wollte eigentlich mit anfang dieses sommers fertig werden, hat aber dann doch nicht gereicht, sodass ich jetzt noch ein paar arbeiten abgeben und prüfungen schreiben muss.

ich komme ursprünglich aus tirol und bin vor 6 wochen nach deutschland zu meiner freundin gezogen. dazwischen habe ich in wien gelebt.

ich arbeite als kommunikator bei work|i|o, einem new yorker startup. während #unibrennt habe ich als mädchen für alles bei mehrblick, einer wiener ideenagentur gearbeitet. ansonsten beschäftige ich mich viel mit internet, blogge, twittere und bin bei den meisten services die so auftauchen dabei. wenn meist auch nur kurz.

Interviewer 07.09.11 12:05
okay, danke – was verbindest du mit dem begriff web2.0?

Luca Hammer 07.09.11 12:07
web 2.0 ist für mich vor allem ein marketingbegriff, geprägt durch oreilley, der sich dann selbständig gemacht hat. eigentlich werden damit nur dinge zusammengefasst, die es sowieso schon gegeben hat, aber einfacher geworden sind. am wichtigsten ist wohl dass die technik in den hintergrund rückt und die inhalte der user in den vordergrund. es geht nicht mehr darum, was ein verlag, eine zeitung, was auch immer im internet macht, sondern, was die einzelnen personen veröffentlichen und wie sie miteinander interagieren.

Interviewer 07.09.11 12:08
und was verbindest du mit dem begriff social media?

Luca Hammer 07.09.11 12:09
social media bezeichnet eigentlich genau das gleiche, ist mir persönlich aber der lieberer begriff. social sehe ich dabei nicht beim deutschen ’sozial‘ sondern stärker bei einem ‚gesellschaft‘, auch wenn es schwer ist das deutsch überhaupt auszudrücken. also fokus auf die menschen. jeder kann. technik ist eher unwichtig.

Interviewer 07.09.11 12:10
okay, spannend – letzte definitionsfrage: was verstehst du unter cyberprotest?

Luca Hammer 07.09.11 12:12
zuerst muss ich lachen. cyber ist für mich ein begriff aus den 80ern. oder 90er. jedenfalls alt. siehe cyberspace. daher fällt es mir schwer ihn zu definieren.

ich würde es also am ehesten mit protest im internet gleichsetzen, wobei die frage entsteht, ob es ein durchs internet gestützter protest ist, wie #unibrennt oder ob er rein online stattfindet, wie diverse eselsohraktionen. wobei es wenig gibt, das nur online ist.

Interviewer 07.09.11 12:14
okay – zur unterscheidung von reinem online protest und gestütztem protest kommen wir später nochmal.

Luca Hammer 07.09.11 12:14
k

Interviewer 07.09.11 12:14
welche cyber oder online-protest-seiten und angebote kennst du?

Luca Hammer 07.09.11 12:18
uhh. ähm. also. http://www.avaaz.org/ wäre wohl das populärste, wobei es eigentlich nur um unterschriften geht. ähnlich bei der petitionsplattform der deutschen regierung. solche plattformen gibt es zahlreiche, wobei fraglich ist wie sehr sie für protest genutzt werden können.

natürlich ist es protest, wenn leute mit ihrem namen für oder gegen etwas stehen. aber eben auch nicht mehr protest, als eine unterschriftenliste auf der straße zu unterschreiben. oft sogar einfacher.

ansonsten ist das meiste selbstgestrickt. oder dinge, die sich nicht auf einen zweck beschränken. wikis, foren, twitter, facebook, ustream. überall kann man protestieren. entweder nutzt man es um sich zu organisieren oder um laut zu sein.

bei konkreten protestplattformen wäre ich überfragt. jedenfalls ist mir keine bekannt, die ich als solche bezeichnen würde.

Interviewer 07.09.11 12:19
okay – dann kommen wir zum thema unibrennt, einem online-protest, bei dem du aktiv dabei warst

Luca Hammer 07.09.11 12:19
ja

Interviewer 07.09.11 12:19
was hast du bei unibrennt gemacht?

also was waren deine konkreten tätigkeiten?

Luca Hammer 07.09.11 12:21
ich habe die erste eigene website erstellt, die grundsätzlich über den gesamten protestzeitrum genutzt wurde, auch wenn das theme geändert wurde. danach habe ich mich vor allem um den livestream gekümmert. zuerst über mein handy, dann über laptop und webcam. auch hier haben später weitere leute mitgeholfen und ich mich zurückgezogen. nebenbei habe ich viel auf twitter darüber berichtet und etwas gebloggt. allerdings nur über eigene kanäle und keine dedizierten #unibrennt kanäle

Interviewer 07.09.11 12:22
okay – wie bist du dazu gekommen?

Luca Hammer 07.09.11 12:24
ich habe am donnerstag nachmittag/abend auf twitter gelesen, dass das audimax besetzt ist und war verwundert was da los ist. da ich aber noch viel zu tun hatte, bin ich erst am nächsten tag hin. war zuerst auch sehr negativ eingestellt, auch als ich ankam war es verraucht, überall müll und laute musik. wenige leute.

erst beim ersten plenum, das ich mitbekommen habe, merkte ich dass da mehr ist und wurde positiver gestimmt, sodass ich versucht habe mehr zu erfahren. später wollte ich dann auch mithelfen.

Interviewer 07.09.11 12:25
okay – jetzt wurden gleich 2 fragen auf einmal beantwortet

das heißt, du hast zuerst online davon über twitter erfahren?

Luca Hammer 07.09.11 12:25
genau

Interviewer 07.09.11 12:25
was war deine motivation, dich dann stärker einzubringen?

Luca Hammer 07.09.11 12:27
auch wenn beim plenum einige kampfprediger waren, die gegen den staat und die welt uner überhaupt gewettert haben, gab es einige, die soweit ich es damals mitbekommen habe, mehr machten, die kluge dinge sagten, wo ich an dinge erinnert wurde, über die ich mich in meinem studium schon aufgeregt habe, aber nie eine möglichkeit sah dagegen etwas zu tun. es war ein besondere atmoshphäre. man merkte, dass sich etwas tat und man wollte dabei sein. ich zumindest.

Interviewer 07.09.11 12:28
du hast vorhin gesagt, du hast dich dann wieder aus den online dingen zurückgezogen – was war der grund dafür?

Luca Hammer 07.09.11 12:31
konkret bei der website war es so, dass andere gekommen sind, die helfen wollten, aber dann recht schnell ihren eigenen kopf durchsetzen wollten. ich hatte teilweise andere ansichten, wollte aber nicht für interne streitereien sorgen. daher dachte ich mir, dass ich sie machen lasse, sie würden das schon gut machen oder selbst draufkommen, was man vielleicht anders machen sollte. und wie sich herausstellte, hat das auch ganz gut funktioniert. zwischen mir und der sogenannten IT Arbeitsgruppe gab es immer eine gewisse Spannung.

Interviewer 07.09.11 12:32
okay – du hast dann infolge weiterhin deine eigenen kanäle genutzt um zu berichten. warum gerade über twitter und blog?

Luca Hammer 07.09.11 12:34
weil ich das schon jahrelang gemacht habe. ich bin zuerst auch hin, um darüber zu twittern. es war spannend, es interessierte mich und ich bekam die rückmeldung aus meinem netzwerk, dass es sie auch interessierte. das führte ich fort, auch wenn ich mich der bewgung schon bald anschloss. teilweise äußerte ich mich auch kritisch.

für mich war es normal auf twitter und blog zu schreiben was ich erlebe und denke.

Interviewer 07.09.11 12:34
spannend – bist du derzeit noch bei #unibrennt online aktiv?

Luca Hammer 07.09.11 12:36
nein. ich bin auch der meinung, dass #unibrennt schon lange nicht mehr ist. es gibt manchmal ein aufflackern, aber das meiste sehe ich als folgebewegungen, die daraus entstanden sind. unibrennt wurde allerspätestens mit der räumung des audimax beendet. vermutlich war es aber schon zuvor tot.

Interviewer 07.09.11 12:38
okay, was mich interessieren würde, wie war das damals organisiert? also du hast ja schon die IT Arbeitsgruppe angesprochen – #unibrennt hatte ja auf dem höhepunkt eine starke dynamik online.

wie sind diese ganzen online dinge enstanden? wurde da geplant oder ist das gewachsen?

Luca Hammer 07.09.11 12:42
es gab viele arbeitsgruppen. bei den plena wurde jeweils von ihnen selbst oder über sie berichtet. am freitag hat einer gesagt, dass er versucht eine website auf die beine zu stellen und wer ihm helfen will, soll ihn da und dort nach dem plenum treffen. da bin ich hin. in der ersten nacht, waren wir zu dritt, die sich um die website kümmerten.

facebook und twitter war zu dem zeitpunkt schon eingerichtet, das wiki ist etwas später entstanden. grundsätzlich gab es viele voneinander unabhängige gruppen, die jeweils für sich gearbeitet haben. jeder hat gemacht, was er konnte und was im spaß gemacht hat. dadurch wurde auch höchste effizienz erreicht. weil eben nicht geplant wurde und die leute mussten dann machen, was jemand anderer ihnen gesagt hat, sondern sie haben selbst gemacht, was sie für richtig hielten. über plenum, website, twitter, facebook, wiki und dem infotisch wurde miteinander kommuniziert, man bekam mit was andere machten und versuchte teilweise zu kooperieren. gelang manchmal, aber nicht immer. die presse AG hat eine immer wichtigere rolle gespielt, da bei ihr neben dem infotisch viele informationen zusammengelaufen sind und verteilt wurden.

Interviewer 07.09.11 12:43
okay, sehr interessant!

was war deiner meinung nach die rolle, die das internet bei #unibrennt gespielt hat?

Luca Hammer 07.09.11 12:46
das internet war ein katalysator. es hat die reichweite von unibrennt erhöht, menschen konnten sich darüber über das thema austauschen, es verknüpfte die unterschiedlichen unis besser miteinander, leute konnten auch von zuhause mitmachen, es ermöglichte anschluss, es war großartig für journalisten, weil sie mehr mitbekamen, es ermöglichte #unibrennt dinge aus der presse richtigzustellen, weil man selbst viele menschen erreichte.

unibrennt hätte vermutlich auch ohne internet funktioniert, wäre aber wahrscheinlich nicht so groß und wichtig geworden. aber das sind alles nur annahmen.

Interviewer 07.09.11 12:47
klar – wie würdest du die rolle von social media im speziellen beschreiben?

Luca Hammer 07.09.11 12:48
ich unterscheide nicht zwischen internet und social media. jedenfalls nicht in diesem fall. alles was genutzt wurde, könnte auch als social media bezeichnet werden.

Interviewer 07.09.11 12:49
okay – du hast vorhin schon gesagt, du warst im audimax – wie warst du sonst am offline-protest beteiligt?

Luca Hammer 07.09.11 12:49
wenig. ich habe viel zeit im audimax verbracht, bin bei der einen oder anderen demo mitgegangen, aber das war es dann von den reinen offlinedingen schon.

Interviewer 07.09.11 12:50
gab es dafür bestimmte gründe?

Luca Hammer 07.09.11 12:50
es hat mich nicht interessiert, ich sah mehr sinn darin online dinge zu machen.

Interviewer 07.09.11 12:51
okay – damit nähern wir uns schön langsam dem ende des interviews

ein paar allgemeine fragen noch

wie wirkt sich social media deiner meinung nach auf die machtverhältnisse innerhalb einer gesellschaft aus?

Luca Hammer 07.09.11 12:56
es verschiebt sie. personen die damit umgehen können haben einen vorteil gegenüber jenen, die es nicht können. insgesamt hat es aber nicht mehr macht als etwa massenmedien. die zwar politik, wirtschaft, etc. beeinflussen können, aber sie weder direkt verändern noch diktieren können.

social media und internet könnte genutzt werden, um macht gleichmäßiger zu verteilen, aber dazu muss man über die bildung die bevölkerung auf ein ähnliches niveau bringen. das hat man schon bei demokratie gehofft, aktuelle wahlbeteiligungen sprechen nicht wirklich dafür. kann aber auch sein, dass die bildung versagt hat oder von der politik manipuliert wird, weil man eigentlich gar keine veränderung will. wieder alles behauptungen, dieses mal ohne jeglicher evidenz, sondern nur als beispiele, warum social media alleine keine allzugroße veränderung bringt. es ermöglicht aber anderen personengruppen als bisher veränderungen zu bewirken. das beginnt schon damit, dass sie ihre meinung besser äußern können, als bisher durch journalismus gefiltert/reflektiert.

Interviewer 07.09.11 12:57
okay, danke – abschließend noch einmal zurück zum thema online-protest:
welchen zusammenhang siehst du zwischen online-protest und offline-protest?

Luca Hammer 07.09.11 13:00
in den meisten fällen würde ich sie nicht voneinander trennen. online erfüllt die zwei funktionen organisation und verbreitung. organisation waren früher einzelne personen oder gruppen, die geplant haben etc. und verbreitung konnte man selber machen (etw. flugblätter) oder über die presse.

online utnerstützt offline und zugleich verstärkt offline online. ein livestream ohne tatsächlichen ereignis wäre ziemlich langweilig.

Interviewer 07.09.11 13:00
okay, glaubst du online-protest kann ohne offline-protest erfolg haben?

Luca Hammer 07.09.11 13:04
ja. je größer der anteil der bevälkerung ist, die online täglich nutzt, desto größer die wahrscheinlichkeit, dass online wichtiger ist. ebenso ist die politik immer öfter online. die frage ist immer was man erreichen möchte. in der regel ist es aufmerksamkeit. offline war bisher meist da, weil die leute eher darauf achten, wenn eine straße ein gebäude besetzt ist und die medien demenstsprechend darüber berichtetetn. aber wenn ich alle menschen online erreichen kann, dann kann es auch ausreichen, nur online zu sein.

da kommt man auch schon zu einem weiteren thema, das bei #unibrennt gar nicht ‚genutzt‘ wurde. Hacking. Kann teilweise als Besetzung von Websites gesehen werden und da es inzwischen AnonAustria gibt, könnte das auch anders aussehen, wenn #unibrennt heute wäre. vielleicht würde man politische webseiten außer kraft setzen, vielleicht das anmeldesystem der uni abdrehen. nachrichten in onlinemedien platzieren. wasauchimmer. möglichkeiten gäbe es viele.

Interviewer 07.09.11 13:05
gut – vorletzte frage: bist du ein politisch aktiver mensch?

Luca Hammer 07.09.11 13:07
nein. ich lese mal da, mal dort etwas. bin in der regel über politische vergänge informiert, rege mich manchmal, eher selten, auf twitter/facebook/blog über dinge auf, aber bin ansonsten nicht aktiv. bin in keiner partei, keiner parteinahen organisation.
Interviewer 07.09.11 13:07
okay, ich verstehe

zum abschluss, welchen zusammenhang siehst du zwischen social media einsatz und basisdemokratie?

Luca Hammer 07.09.11 13:09
basisdemokratie ohne internet funktioniert nur wenn alle vor ort sind. social media übernimmt aber eher eine funktion von medien, parteiorganisationen etc.

Interviewer 07.09.11 13:10
okay, das wars von meiner seite – ich danke vielmals für das aufschlussreiche interview. gibt es noch fragen von deiner seite?

Luca Hammer 07.09.11 13:10
kannst du mir die fertige arbeit zukommen lassen?

Interviewer 07.09.11 13:11
ja klar, reicht das als pdf?

Luca Hammer 07.09.11 13:11
klar

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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