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Über Moral, einen Mac und hoch21

3 Kommentare

Dass ich mit Michael Seemann noch nie besonders gut konnte ist kein Geheimnis. Ich habe bei ihm das Gefühl, dass er etwas tut, was ich vor Jahren gemacht habe. Mit Menschen spielen. Auf die eine oder andere Weise macht das jeder und es hilft uns uns zu verstehen, aber bei ihm habe ich einen unguten Beigeschmack, den ich noch immer nicht genau beschreiben kann.

Jetzt hat er auf Twitkrit zu Spenden für hoch21 aufgerufen. Dessen Computer ist eingegangen und gemeinsam will man ihm einen neuen kaufen. Angepeilte Spendensumme: 2500€. Ähnlich dem mittelalten Sascha Lobo hat mspro1 mit der Aussage polarisiert und einen kleinen Shitstorm losgetreten. Während viele Menschen die Aktion grundsätzlich gut finden, scheint die Summe ihnen nicht zu passen. Jetzt wird vielerorts diskutiert von auskotzend bis hochdifferenziert und ich mache auch mit. Seemann hat sein wichtigstes Ziel, Aufmerksamkeit, schon erreicht.

Verantwortungs- gegen Gesinnungsethik

Zwei Begriffe bei Max Weber wo es darum geht, ob man eine Handlung über ihre Folgen (Verantwortungsethik) oder über feststehenden Prinzipien (Gesinnungsehtik) bewertet. In der Diskussion findet man beides aus jeweils zwei Perspektiven.

Dadurch wird nicht mehr für andere Dinge gespendet. Es zieht die Spendenplattform betterplace hinunter. Stellt Einzelwohl über Gemeinwohl.
Dadurch wird es weiter tolle Tweets geben. Es wird jemanden geholfen. Es wird die Welt besser gemacht.
Spenden ist gut.
Spenden darf man nur für Menschen denen es schlecht geht.

Man merkt, dass alle Meinungen viele Dinge implizieren. Vor allem die eigenen Werte und Einstellungen zu bestimmten Dingen.

Wer bist du, um über die Handlungen anderer zu richten?

Oder: Wenn du es doof findest, mach doch was eigenes.

Wäre die Welt doch so einfach. Und sie ist so einfach. Jedenfalls für manche Menschen, die einfach etwas machen. Einfach.

Ich bin. Das gibt mir jedes Recht, das ich brauche. Alles andere sind gesellschaftliche Konventionen, die niedergeschrieben wurden oder als Konsens bestehen. Ich kritisiere die Aktion aufgrund ihrer Willkür und schlechten Kommunikation. Weil auch das einfach ist. 2500€ für ein Macbook sind lächerlich. 1500€ für ein Pro oder 1000€ für ein Air hätten auch gereicht. Ein Ubuntu Netbook wie einige in den Kommentaren fordern reicht nicht. Ein gebrauchtes Macbook jedoch schon und durch die Aktion haben sich auch schon einige gemeldet, die ihres hergeben würden.

Ich habe eine Meinung zu der Aktion und veröffentliche sie, weil ich es wichtig finde, dass man über Werte diskutiert. (Hallo Politik, ich habe euren Satz geklaut, bitte nicht abmahnen.)

Hier nutzt mspro seine und die Popularität von twitkrit um etwas angeblich Gutes zu tun. Jemanden in Not helfen. Zwei berechtigte Fragen: Warum hoch21? Warum nicht hoch21?

Menschen haben ihre Unterstützung einer Plattform (twitkrit) gegeben, die jetzt plötzlich etwas macht, das nicht zu ihren ursprünglichen Zielen gehört. Ähnlich einer Partei, die ihre Wähler enttäuscht. Zumindest einen Teil davon. Und falls jemand genug von Parteien hat. Ähnlich einer Firma, deren Produkt anders funktioniert, als es den Konsumenten gesagt wurde. Bezahlt wurde durch Aufmerksamkeit und Tweets und Zeug. twitkrit ist keine Partei und keine Firma, sondern ein Gemeinschaftsblog, der seinen Autoren und Twitter selbst, sowie bestimmten Akteuren dort Aufmerksamkeit gibt. Die Leser erhalten Unterhaltung und Inspiration. Alle Versprechen und Erwartungen laufen auf einer zweiten, nicht verbalisierten Schiene mit und diese hat mspro missachtet. Vermutlich bewusst, vielleicht hat ist er aber auch anderer Meinung, wie einige der Leser.

Durch den Hintergrund der Plattforum und mspros Popularität, worüber ihm eine gewisse Verantwortung zugeschrieben wird (mache ich auch bei unbekannten menschen. jeder ist verantwortlich für was er öffentlich macht und sollte die gesellschaft und dings im hinterkopf haben) ist es nicht jedem möglich eine solche Aktion zu machen. Man könnte daraus auch eine Arroganz mspros lesen, dass er sich diese Möglichkeit erarbeitet hat und die anderen zwar das gleiche machen können aber nicht das gleiche erreichen würden. Alleine schon, weil man bei einer gleichen Aktion im Moment eher lächeln würde als sie Ernst zu nehmen.

Es ist etwas gutes und verbessert die Welt

diplix: »jemandem etwas gutes tun zu wollen, kann nicht im sinne des beschenkten sein. was für ein absurder gedanke, einfach mal zu jemandem nett sein zu wollen. wenn das jeder machen würde, wo würde das denn hinführen?« src

Da hat er vollkommen Recht. Ich komme deshalb wieder auf die angesprochene Willkür zurück. hoch21 ist nicht der einzige Twitterer mit begrenzten finanziellen Mitteln. Aber er ist der bekannteste, bei dem man es so stark mitbekommt. Wobei ich es selbst nur am Rande mitbekam und es vor allem durch diese Aktion in den Fokus gerückt wurde.

kewagi, den ich sehr verehre und der großartige Dinge schreibt, irrt seit Tagen durch Wien auf der Suche nach einer Dusche. Wäre ich noch dort, bekäme er meinen Zweitschlüssel.

Oder Poscoleri. Nagt zwar nicht am Hungertuch, aber ist auch auf meiner Liste mit Menschen, die ich für das was sie tun bezahlen werde, sollte ich an den Punkt gelangen, dass ich mir über das nächste Jahr finanziell keine Gedanken mehr machen muss.

Es gibt noch viele weitere Beispiele. Großartige Menschen, die Dinge tun, die kein Geld bringen, aber die ich wichtig finde. Die man unterstützen sollte. Aber sie sind nicht so bekannt und somit auch nicht das gleiche Potenzial wie hoch21.

Es gibt auch keinen Grund gegen hoch21.

Weniger Geld hätte es auch getan

Für einen Computer ja, für die Aktion nicht. Immer wieder die Frage wie berechnend, die Menschen sind.

Irgendwo in den Kommentaren löst mspro auf, dass hoch21 selbst entscheiden kann, wie er das Geld nutzt. Sowas finde ich toll. Ich bin auch der Meinung, dass Arbeitslose sich von dem Geld das sie bekommen, kaufen können sollen, was sie wollen. Jemanden vorzuschreiben, wie man lebt ist schrecklich. Somit könnte er sich auch für 500€ ein gutes gebrauchtes Macbook kaufen und mit dem Rest Urlaub machen. Oder ein paar Monate entspannt leben. Oder eine Party veranstalten. Oder anderes Zeug machen, was ihm wichtig ist.

Ich schwimme nicht in Reichtum und habe mir ein 4S gekauft und schreibe dies auf einem Macbook Pro. Mir sind diese Dinge wichtiger als Urlaub, ein Auto oder Erste Klasse Tickets. Auch wichtiger als ausgehen und Kino.

Dazu empfehle ich auch den Beitrag von Torsten.

Dass dies aber nicht im ursprünglichen Beitrag rauskommt, kann man kritisieren.

Jeder soll tun was er möchte

Nein. Ich halte diese Aussage für Schwachsinn von Menschen, die sich an die Annehmlichkeiten unserer Gesellschaft gewöhnt haben.

Jeder soll tun, was er für richtig hält oder jeder soll mit Verantwortung handeln. Klingt schon wieder langweilig, finde ich in einer solchen Diskussion aber wichtig. Wir stehen in Beziehung zu vielen Menschen, der Gesellschaft und allem anderen. Auch wenn wir die Dinge auf einfache Aussagen reduzieren, die von der Mehrheit verstanden werden, sollte bewusst sein, dass dahinter mehr steckt.

Gutes tun ist gut

Eine Aussage von Helge über Spenden, die mir im Kopf geblieben ist. Bei irgendeinem Barcamp. Oder einer Diskussion. Wenn man vor der Entscheidung steht Medikamente zu kaufen, die zwanzig Leben retten oder diese sterben lässt und stattdessen einen Arzt ausbildet, sollte man den Arzt ausbilden. Ursprünglich war der Arzt ein Kühlschrank, wenn ich mich richtig erinnere. Aber es geht nur darum, dass man eben wieder im Sinne der Verantwortungsethik überlegt, welche Folgen die Handlungen haben. Beide Dinge sind gut, aber eine bringt auf lange Sicht mehr. Es ist aber auch schwerer zu kommunizieren, dass man nicht sofort hilft, sondern auf lange Sicht. Auch sind die Folgen nicht immer absehbar und es gibt Risiken. Etwa könnte der Kühlschrank kaputt gehen oder nichts bringen. Oder der Arzt könnte geldgierig werden und nur die meistbietenden behandeln. Wie ich jetzt wieder auf hoch21 zurückkomme habe ich vergessen.

Dafür oder dagegen?

Ich finde hoch21 sympathisch, kenne aber genügend Menschen, die es in meinen Augen auch verdient haben. Ich bedanke mich unregelmäßig durch Buchgeschenke bei Menschen, andere lade ich zum essen ein. Für manche bin ich einfach da und helfe so, wie sie es brauchen.

mspro finde ich nicht sympathisch und es ist schade, dass hoch21 die Aktion nicht selbst gestartet hat. Ich weiß auch, dass es schwer ist, so etwas für sich selbst zu machen. Die Aktion selbst finde ich doof.

Ich hoffe, dass hoch21 die 2500€ bekommt und dass andere folgen werden. Solidarität und bla. Aber vergesst nicht, dass noch vieles andere schief geht und wir uns um das auch kümmern sollten. Bedingungsloses Grundeinkommen wäre ein Anfang.

Update: hoch21 hat sich selbst geäußert und in einer kapitalistischen Welt würde ich ihn dafür mit Geld bewerfen wollen. Doch so verneige ich mich stumm, nehme seine Gedanken mit und hoffe ihn irgendwann auf einen Kaffee einladen zu können. Danke.

  1. Michael Seeman []

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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3 Kommentare An der Unterhaltung teilnehmen

  1. Ich finde es völlig legitim, Leute zu unterstützen, deren Arbeit ich schätze.

    Unmoralisch hingegen finde ich, dass solche Geschichten die Diskussion über schönere und wichtigere Themen zeitweise fast komplett zum Erliegen bringen. Darüber – und auch nur darüber – konnte ich mich durchaus ein wenig fremdschämen.

    P.S.: Taugt das aktuelle Geschehen auch als eine Feldstudie zur Wahrnehmung der Marke Apple? „Finanziert Hoch21 eine neue Debian-Kiste, damit er weitermachen kann!“ wäre m.E. anders rezipiert worden. Vor ein paar Wochen hätte ich das noch für völlig überzogenen Schwachsinn gehalten, aber heutzutage…

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    • P.P.S.: Die Aktion selbst finde ich in dieser Form übrigens auch ziemlich unangenehm. Hier den Bogen zum bedingungslosen Grundeinkommen zu spannen… halte ich allerdings – so sympathisch mir die Idee im Prinzip ist – für etwas weit hergeholt.

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