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Ich liebe Path

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Tausende Follower, hunderte Kontakte, große Reichweite. Ich wurde zu einem Lautsprecher. So froh ich über all die Menschen bin, die sich für die Dinge interessieren, die ich von mir gebe, so schwer machen sie es mir manchmal. Ich versuche meine öffentliche Maske nahe am Selbstbild zu halten, was schwer fällt wenn andere für genau das zerrissen werden. Jeder Mensch ist gut. In sich. Die Empathie fehlt oft, der Versuch andere zu verstehen, das akzeptieren von unterschiedlichen sein. Selbst bin ich genervt von Arbeitstwitterern. 9to5 und Persönlichkeit nur als Werkzeug, um Nähe zu generieren. Umgekehrt bekomme ich zu spüren, dass zeitweise Mitteilungsschübe Menschen abschrecken, die das Medium nicht so intensiv nutzen. Ich verwende zahlreiche Stilmittel, um mich auszudrücken und ein kleiner Abgrund kann zum großen Drama werden. Nicht alle verstehen es und ich will mich nicht ständig erklären. Es macht das Gefühl kaputt. Und die Witze. Wenige Monate nach den ersten Meldungen habe ich mich das erste Mal gespalten. Heuer ist @lucahammer hinzugekommen, um intensives Hashtag- und Eventtwittern aus den Streams ungeübter Nutzer zu entfernen.

Lange Zeit war ich Verfechter der Aussage: “Alles das ich ins Internet stelle ist für mich öffentlich.”, selbst wenn die Plattform etwas anderes behauptet. Auch Emails. Mir wäre mit Sicherheit nicht alles angenehm, wenn es öffentlich wird, aber ich könnte dazu stehen. Manche Dinge müsste ich erklären, das meiste nicht. Erklären funktioniert nur, wenn Menschen bereit sind zuzuhören. Eine dicke Schere in meinem Kopf, an der so vieles abprallt bevor ich es veröffentlichen kann.

Jede Plattform bringt durch die Leute, die mir dort konkret folgen, eigene Scheren mit. Jeder einzelne User. Manchmal ist es mir bewusster, manchmal weniger. Ich denke an Partner, Kunden, Freunde, Journalisten, Feinde, Freunde von Freunden, Familie, Kontakte von Kontakten. Ein ständiger Kampf, den ich recht gut unter Kontrolle habe. In den meisten Fällen hilft es mir, meine öffentliche Maske hat ein paar Narben, doch ist im großen und ganzen von allen Seiten nett anzusehen. Sie ähnelt mir sehr. Doch was passiert mit den kleinen Dingen? Mit denen, die im großen und ganzen keinen Platz mehr haben?

Die größte Schere bin nicht ich, sondern andere Menschen. Nicht jene, die es lesen, sondern jene mit denen ich zu tun habe. Die Privatsphäre, die ich benötige, ist klein, die von anderen nicht. Der Großteil meiner Inhalte dreht sich um mich selbst. Lediglich wenn ich mit ebenfalls sehr sichtbaren Menschen unterwegs bin, tauchen diese auch auf. Dennoch halte ich mich bedeckt, weil ich nichts veröffentlichen möchte, das sie nicht möchten und ständig nachfragen funktioniert auch nicht. Das mache ich schon bei Bildern. Verbringe ich den Tag mit dem Kind von Freunden, sieht man es auf keinem der Fotos. Treffe ich Freunde von früher, schreibe ich nicht darüber, was wir machen. Rede ich mit einer Professorin, tauchen keine Details auf. Und das ist alles gut so.

Vom kleinen Dorf in die Landeshauptstadt, später in die Bundeshauptstadt und dann ins Nachbarland. Überall tolle Menschen getroffen, die ich zurück lassen musste. Manche die mir sehr nahe stehen. Meine Familie. Im Internet Menschen kennen gelernt, die ich als Freunde bezeichne. Verstreut über Europa. Ich kann Abends nicht ins Kaffeehaus gehen und meinem besten Freund erzählen, was heute alles passiert ist. Ich sehe meine Eltern und meine Schwester drei bis viermal im Jahr. Keine Geschichten von der Arbeit und den Menschen, mit denen man zu tun hat. Lediglich meine Freundin bekommt die volle Dröhnung ab. Ich liebe es mich in langen Gesprächen zu verlieren. Mir fällt es schwer neue Menschen kennen zu lernen. Ich brauche Zeit. Viel Zeit und Menschen, die meinen Gedanken folgen wollen. Manchmal bin ich kompliziert.

Was ist Path?
Vor über einem Jahr habe ich mich angemeldet. Zu einer Zeit als ich kein eigenes iPhone besaß. Man konnte Bilder teilen. Mit maximal 50 Kontakten. Hin und wieder klickte ich darin herum. Fand es aber nicht besonders spannend. Auch konnte ich der künstlichen Verknappung nichts abgewinnnen. Ich wohnte noch in Wien und traf viele Menschen.

Ein Jahr später kam Version 2.0 heraus. Die meisten schrieben über das tolle Design. So hübsch und angenehm zu bedienen. Neben Bildern kamen neue Sharingmöglichkeiten dazu. Videos, Menschen, Orte, Musik, Gedanken und Schlaf. Hier das Erklärvideo dazu.

Ob ich da schon begeistert war, weiß ich es nicht mehr. Auch nicht, ob ich irgendwo las, was Dave Morin, der Gründer, vor hatte oder erst das Video mit Scoble sah.

Robert Scoble besuchte Path und sprach mit ihnen eine Stunde lang über 2.0 und die große Vision.

Viele kluge Überlegungen, aber am wichtigsten die Vision: “Ein privater Ort, um mit Familie und engen Freunden in Kontakt zu bleiben.”. Es war der richtige Moment für mich. Ich war gerade etwas genervt von dem ganzen Netzwerken, den tausenden Leuten auf unterschiedlichen Plattformen, jeder mit einer anderen Meinung, was geteilt werden soll und was nicht. Ich fand es anstrengend. Das erste Mal seit Jahren. Path bot sich an als Ort des Rückzugs. Das Limit wurde zwar von 50 auf 150 Personen erhöht, aber es ging immer noch darum einen Ort zu schaffen, dem man vertrauen kann. Und ich wollte vertrauen. Ich wollte dieses eine Netzwerk haben, wo ich alle Scheren ablegen und einfach posten kann.

Das Promotionvideo ist nett gemacht. Fokussiert auf das Teilen in der Familie. Leider mit etwas klassischer Rollenteilung. Aber man sieht worum es geht. Wir sind sehr mobil, haben weniger Zeit miteinander (Industriearbeiter_innen hatten es auch nicht besser) und Path möchte es ermöglichen den Tag miteinander teilen.

Wen ich als Freund zulasse
Jedes Netzwerk lebt davon mit wem man interagiert. Folgt man den falschen Leuten auf Twitter ist es extrem langweilig bis hin zu nervig.

Bei Path habe ich zum ersten Mal Leuten gesagt, wie man es nutzen soll. Dafür entschuldige ich mich. Ich bin weiterhin der Meinung, dass es jedem selbst überlassen sein sollte, wie man ein ein Tool nutzt. Zugleich habe ich eine starke Meinung zu Path und wenn mich Menschen fragen, sage ich ihnen wie ich es mache und warum ich es so für richtig halte. Das habe ich auch auf Quora getan und das fand jemand gut, weshalb es auf forbes.com gepostet wurde.

Dave Morin hat eine Vision zu Path. Es geht nicht darum möglichst viele Menschen zu erreichen, nicht darum seine Ideen zu verbreiten, nicht darum sich darzustellen. Sondern mit Familie und engen Freunden seinen Alltag zu teilen. Ich finde das toll. Damit das funktioniert, bin ich sehr vorsichtig wen ich als Freund zulasse und wen nicht. Path ist bewusst nicht auf folgen sondern auf gegenseitige Beziehungen aufgebaut. Entscheidend für mich ist Vertrauen. Im Moment bin ich mit 29 Menschen verbunden. Alle kenne ich seit mehreren Jahren, mit den meisten habe ich mich viele Male getroffen und pflege ein enges Verhältnis. Vier habe ich noch nie getroffen, aber aufgrund von längerer Bekanntschaft und gemeinsamer Kontakte ein großes Vertrauen. Manche sind mir sehr sympathisch und ich würde gerne mehr mit ihnen zu tun haben.

Meinem Vater habe ich Weihnachten ein iPad geschenkt und Path installiert. Auch wenn er selbst nicht postet, fühle es sich großartig an, wenn er einen meiner Momente herzt oder dazu lächelt (man kann aus 5 Emotionen wählen, die man abgibt). Es entsteht eine Verbundenheit, die ich bisher nicht hatte.

Path funktioniert für mich, weil eine bestimmte Grundlage vorhanden ist. Bis auf drei haben alle ein Smartphone, die ich als enge Freunde bezeichne.

Path ist wie ein privates Fotoalbum. Nicht das mit den Partyfotos, sondern das mit den Familienfotos. Als ich meine Eltern besucht habe, konnte ich durch Path scrollen und dazu erzählen, was ich in den letzten Monaten so gemacht hat. Die kleinen Momente. Path wird nicht öffentlich geteilt, ich habe es auch weder mit Facebook, noch Twitter oder foursquare verbunden, weil es für mich privat ist und auch so bleiben sollte. Dinge, die ich auf Path teile, brauchen keine Erlaubnis, weil es das Fotoalbum ist, das nur gute Freunde sehen. So wie es früher Diabende gab oder man durchs Fotoalbum blättert. Es passiert jetzt in Echtzeit, aber das ändert in meinen Augen den Hintergrund nicht.

Auf Path sehe ich plötzlich Fotos von Kindern und Freunde, die ich bisher nicht wahrgenommen habe, weil die Menschen, wie ich, auf die Privatsphäre anderer bedacht waren. Das Kind, das in der Badewanne rappt, die Grillparty oder das Familienessen. Es erzeugt eine andere Nähe und tut mir gut.

Die Freunde bei Path können fast nichts falsches posten, weil mich alles interessiert. Auch die Kleinigkeiten, die man woanders vielleicht nicht posten würde. Intime Gedanken. Ängste und Hoffnungen. Sachen, die man erst mit Freunden teilen möchte, bevor es andere erfahren. Viele haben dieses Bedürfnis wahrscheinlich nicht, weil sie sich öfter mit ihren Freunden treffen können. Bei mir funktioniert das nur teilweise. Path ist das gemeinsame Essen, wo ich alle meine Freunde einlade. Selbst wenn ich manche öfter treffe, geht es nicht mit allen. Über die Kommentare kommt man immer wieder mit den Freunden der Freunde in Kontakt und es entstehen neue Dynamiken.

Slow company
Nicht unbeteiligt bei meinem Vertrauen in Path ist Dave Morin. Ich lese und höre ihm gerne zu und stimme in den meisten Punkten mit ihm überein. Er möchte mit Path etwas langfristiges aufbauen. Die App ist nicht perfekt und es hat den einen oder anderen unangenehmen Zwischenfall in der Vergangenheit gegeben, aber man gibt sich Mühe. Ich habe ein gutes Gefühl.

Als Abschluss empfehle ich noch sein Gespräch mit Sarah Lacy beim letzen PandoMonthly, wo er über unterschiedliche Ding spricht. Eineinhalb Stunden. Ich habe es nicht bereut.



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Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite freiberuflich als Social Media Analyst und veröffentliche jährlich einen Blogbeitrag. | | | Newsletter

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  1. Mein Freundeskreis ist komisch: Von meinen engsten fünf Freunden sind vier nicht auf Facebook. Fünf besitzen kein Smartphone. Von meinen Eltern ganz zu schweigen. Deshalb habe ich Path 1 Woche benutzt und dann bemerkt, dass es für mich persönlich keinen wirklichen Mehrwert hat.

    Und irgendwie ist es auch schön, wenn man nicht nur etwas postet und auf Reaktion wartet, sondern via SMS, via Telefonat in Kontakt bleibt. (Und manchmal auch Postkarten schickt, oder sich per E-Mail zusammenredet.)

    Path selbst ist schön, gefällt mir sehr gut. Nur kann ich persönlich es nicht anders nutzen als z.B. Facebook oder Twitter.

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    • Dein Freundeskreis ist komisch, aber nicht weil er kein Smartphone hat. Das ist eher normal. Glaube ich.

      Path ersetzt für mich keine direkte Kommunikation wie SMS, Telefon oder Mail, sondern ist mehr der Raum, der mir fehlt, weil ich seltener Freunde zu mir einladen kann oder sie besuchen. Oder das gemeinsame Essen gehen. Es ist diese erzählen vom Tag, wenn man kaputt in der Bar sitzt. Das herzeigen der Fotos des letzten Ausflug. Das teilhaben lassen.

      Ich würde nicht jeden Tag eine Gruppenmail schicken, was ich gemacht habe, wie lange ich geschlafen habe, mit wem ich mich traf. Ich poste es aber auch nicht auf einer anderen Plattform. Nicht immer. Bei Path passiert nicht so viel wie wo anders, weil ich wenige Freunde habe. Ich freue mich über die Benachrichtigungen, aber an vollen Tagen komme ich auch erst am Abend dazu durch zu scrollen.

      Teilweise ersetzt es bestehende Dinge, teilweise ist es einfach etwas neues, das ich ganz großartig finde. Ich verstehe aber sehr gut, dass es bei anderen Freundeskonstellationen nicht so funktioniert und viele Menschen auch nicht das Bedürfnis nach solcher halbpassiven Kommunikation im engen Freundeskreis haben.

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  2. ich verfolge deine einträge mit grossem interesse, weil sie a) mir diese welt aufzeigen, b) jetzt z.bsp. mit path zeigen das es auch möglichkeiten gibt die private seite einzuengen. bitte mach weiter so.

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    • Das freut mich. Danke für dein Kommentar.

      Mache mit Sicherheit weiter. Nach einem Jahr mit eher wenigen Artikeln wird es heuer wieder voller hier. Glaube ich.

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  3. Pingback: Links vom 25. März 2012 | koblow.com

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