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Das kleine Publikum

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Erinnert ihr euch noch, wie oft ich darübe schrieb, dass ich in erster Linie für mich selbst schreibe, dass der Akt des Schreibens mir hilft Gedanken zu fokussieren und Überlegungen zu Ende zu führen? Es kam mir heute wieder in den Sinn als ich auf Facebook war und über dessen Untergang gesprochen wurde. Mal wieder. Unsinn. Es geht um das Gefühl, dass man auf Facebook und Twitter ein Publikum aufgebaut hat. Oder es dort zumindest ein paar Menschen gibt, die sich dafür interessieren, was man von sich gibt. Und deshalb nutzt man die jeweilige Plattform. Ist ja schon da. Ist praktisch. Kann man machen.

Ich würde lügen, wenn ich schreiben würde, dass ich mich nicht freue gelesen zu werden. Ich schaue auch immer wieder in die Statistik und weiß, dass ich zahlreiche Beiträge hab, die nur eine zweistellige Zahl an Menschen erreichen. Trotz 100k Besuchern im Jahr. Nicht alles interessiert alle. Feedreader waren früher etwas für technisch versierte und scheinen heute weiter in die Niche gerückt zu sein. Feedly meint, dass mich dort 95 Personen abonniert haben. Also den Blog. Ich selbst habe etwa 200 Feeds abonniert. Davon lese ich von etwa 50 jeden Beitrag. Also komme ich übern Daumen auf etwa 20 regelmäßige Leser und ich halte diese Zahl für realistisch. Besucher gibt es viel mehr. Ein Beitrag, der einmal die Runde auf Facebook und Twitter macht oder einer, der bei Google an erster Stelle steht.

Sieht es bei den 1000 Kontakten auf Facebook oder den 5000 Followern auf Twitter anders aus? Werden dort meine Tweets und Postings von mehr Menschen gelesen? Wenn ich die Interaktion betrachte, stelle ich das in Frage. Meist sind es gleichen Personen, die mit mir interagieren. Es gibt etwas mehr Streuung und ich werde dort vermutlich von mehr als 20 Personen effektiv gelesen, aber es ändert wenig am Umstand, dass die Reichweite des einzelnen Postings gering ist. Schon lange nicht mehr gemacht, aber 50-100 Klicks waren Durchschnitt für Links.

Bei den 20 Bloglesern bin ich mir sehr sicher, dass sie meine Beiträge auch woanders lesen würden. Bei den Personen auf Facebook und Twitter sieht es etwas anders aus. Vor allem, weil die meisten Beifang sind. Personen, mit denen ich irgendwie in Kontakt kam, man fand sich gegenseitig oder einseitig interessant, vielleicht gab es etwas Kommunikationsgeplänkel und das war es dann. Hin und wieder sieht man einen Beitrag. Manches findet man gut, manches nervt, dann fliegt die Person wieder raus. Schwache Verbindungen nennt man das, wenn ich mich richtig erinnere. Sind nützlich, aber nicht unersetzbar. Über die Zeit vergisst man die Person und wenn man nicht immer wieder erinnert wird, warum man sie gut findet, ist das Interesse irgendwann ganz weg und es ist nur noch Gewohnheit, weshalb man sie nicht rauswirft. Gesichter, die man seit Jahren immer wieder gesehen hat. Fühlt sich komisch an, sie zu entfolgen. Dabei sind gerade schwache Knoten etwas sehr fluides, da es von beiden Seiten wenig Commitement braucht die Verbindung herzustellen. Also sammelt man. Und hat irgendwann einen Haufen Menschen, die man nett findet, aber die sonst nicht viel bedeuteten. Natürlich kann sich das ändern. Beziehungen ändern sich ständig, manche werden stärker, manche schwächer.

Auf Facebook kann man längere Gedankenzusammenhänge posten, auf Twitter nicht. Auf beiden Plattformen fehlt ein gut zugängliches Archiv. Bei Twitter allgemein und bei Facebook die Sortier- und Suchmöglichkeiten. Graph Search hat zwar die Möglichkeit Personen, Pages, Bilder und Gruppen zu suchen stark verbessert, aber nach Postings kann man gar nicht mehr suchen.

Reichweite hängt nicht mehr nur vom eigenem Netzwerk ab. Reichweite entsteht leichter viral. Im englischsprachigen Raum durch reddit oder hackernews wesentlich intensiver. Branding spielt für die Viralität insofern eine Rolle, weil Menschen Inhalte weiterverbreiten bevor sie sie gelesen haben, was am besten funktioniert, wenn sie der Meinung des Titels sind und der Autor_in vertrauen, dass sie gut schreiben kann. Nenne ich auch gerne falsche Reichweite. Zugleich führt sie zur echter Reichweite, wenn sie Menschen erreicht, die den Text komplett lesen. Und wir sind wieder bei den Besuchern. Leser sind quasi die Anzahl der Versuche, die ich zum Starten der Viralität habe. Dinge auf Viralität auslegen halte ich für falsch. Zugleich halte ich es für falsch Artikel nicht gut lesbar und teilbar zu machen. Ein Titel, der sagt, was im Artikel steht, ist ideal. Habe ich von René gelernt.

Wo ich den Artikel veröffentliche ist zweitrangig. Leser sind zweitrangig. Viralität ist drittrangig.

Schreiben ist wichtig.

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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  1. „Über die Zeit vergisst man die Person und wenn man nicht immer wieder erinnert wird, warum man sie gut findet, ist das Interesse irgendwann ganz weg und es ist nur noch Gewohnheit, weshalb man sie nicht rauswirft.“

    Sehr eigenartig wenn man merkt, dass man ent-followed wurde und dann so etwas liest. Irgendwie traurig =(

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  2. Interessanter Post / Beitrag oder wie man das am besten ausdrücken will. ;)

    Auf jeden Fall ein interessanter Blickwinkel auf Besucher / Leser (d)eines Blogs, oder sollte man eher sagen „Pseudo-Leser“? Besucher sind ja nicht zwangsläufig auch Leser, die wirklich am Blog hängen bleiben und die Beiträge / Posts mit Interesse verfolgen.

    Dein Post regt zum nachdenken an, so mal man sich nicht immer wirklich Gedanken darüber macht, wieviele der jeweiligen Besucher auch wirklich Leser sind oder eben solche werden. Der Schein der zahlreichen „Besucher“ überstrahlt meist die reale, verhältnismäßig kleine (treue) Leserschaft.

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