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Es ist soweit die Besucherzahlen des Blogs sind wieder auf dem Niveau von 2007, als ich mit dem Bloggen begann. Oder war es 2006? Ich könnte im Archiv nachschauen, aber es macht keinen signifikanten Unterschied. Jedenfalls hat sich damals niemand für die Dinge interessiert, die ich so schrub. Zumindest habe ich mir das eingebildet und dafür über alles und jeden schreiben können. Auch wenn ich schon damals versucht habe identifizierbare Merkmale der in den Texten vorkommenden Personen zu verwischen. Zwischendurch gab es immer wieder minimal literarisches und wenn ich meinen fiebernden Erinnerungen trauen darf, hat es gar nie einen so konkreten Unterschied gegeben. Ich würde wieder gerne über alles und jeden schreiben. Ohne dieser ekeligen Schere im Kopf, die sich ständig verheddert und mir dann ins Fleisch schneidet. Plötzlich das Bilder dieser Lebensfadenspinnerinnen. Aber das klappt nicht mehr. Ein Grund ist sicherlich dieses digitale Leben. Etwas wofür ich immer gekämpft habe. Dass es doch keinen Unterschied zwischen online und offline ist. Dass das etwas ganz anderes ist als real und virtuell. Dass virtuell nicht sofort fiktiv ist und so weiter. Das finde ich immer noch so. Aber dadurch, dass mein gesamter Freundeskreis auch meinen Blog liest, traue ich mich nicht mehr über Dinge zu schreiben, über die ich damals schrieb. Dabei wären es meist gar keine schlimmen Dinge. Aber halt Dinge, in denen sich Menschen wiedererkennen. Manchmal, weil sie von ihnen handeln und manchmal, weil sie sich darin wiederfinden wollen und ich das gar nicht so geplant habe. Gewollt habe. Oder so. Ein bisschen hat es auch mit Gesellschaft und was diese für verantwortungsvolles Handeln hält, zu tun. Ich habe tatsächlich Angst, dass bestimmte Aussagen und Veröffentlichungen zu unangenehmen Gesprächen bis hin zu realen Folgen für mich und meine Familie führen könnten. Selbstzensur par excellence. Die Geschichten aus der Uni. Die mit der Frau und dem Kind. Die aus dem Bus. Vielleicht ist es aber auch nur eine Ausrede. Weil ich glaube, dass von mir bestimmte Texte erwartet werden und ich daher alle anderen nicht mehr schreibe. Oder ich bin einfach faul, mein Kopf aber zu eitel, das einfach zu sagen. Stattdessen werden Gedankenkonstrukte erschaffen, die so tun als wären sie etwas schlimmeres, aber es schaffen Sympathie zu erhaschen anstatt der Abneigung, die es sonst gäbe. Aber jetzt liest mich ja niemand mehr. Und ich kann mir wieder alles zutrauen. Als nächstes schließe ich noch Google aus und jegliche Hemmung geht verloren. Eher nicht. Aber der Gedanke ist nett.

Gestern Nacht habe ich ein Kommentar bekommen. Von einer Person, die ich sehr schätze. Es tat sehr gut. Dabei wusste ich gar nicht.

Zeit ist auch großes Thema. Zeit und Energie. Meine Ärztin hat mir Thyroxin verschrieben. Gegen den Motivations- und Kraftabfall am Nachmittag. Es hilft. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Ein Kind zu haben verbraucht unglaublich viel Energie. Und es wirkt sich in jegliche Entscheidung aus. Beinahe in jeden Gedanken. Tagebuchbloggen wäre super. Aber das muss ich erst mit meiner Frau absprechen. Weil einfach so, finde ich es schwierig. Auch danach ist es noch schwierig. Dinge von mir selbst preiszugeben, fällt mir leicht. Dinge von anderen Menschen preiszugeben, fast unmöglich, wenn sie nicht genau in einem Kontext entstanden sind, in dem eine Veröffentlichung das Ziel war. Früher habe ich es in Geschichten gepackt. Ein bisschen von da, ein bisschen von dort, ein bisschen Fantasie, zusammengekleistert mit Worten und schon waren alle glücklich. Also zumindest ich. Aber egal wie ich es verpacke, meine Familie bestimmt mein Leben so stark, dass es nicht möglich ist keine Rückschlüsse. Und wenn kein Prädikat einfällt, kann man es auch einfach weglassen.

Der Winter schleicht sich wieder herein. Ich höre Musik und erfreue mich am Klappern der Tastatur.

Menschen, die mir wichtig sind. Menschen, denen ich mich nahe fühle. Menschen, die das teilweise gar nicht so genau wissen, weshalb ich mir Sorgen mache aufdringlich zu wirken. Ich sollte mehr Emails schreiben. Vielleicht auch einmal anrufen. Ich sehe euch online. Ich finde das Gefühl schön, dass ihr irgendwie da seid. Warum hat sich das Persönliche langsam aus dem Blog verzogen. Das Persönliche, das früher so wichtig war. Das Persönliche, das den Unterschied gemacht hat und was ich bei den anderen immer so toll gefunden habe. Manche glauben, dass es angreifbar macht. Ich glaube das auch. Zugleich ist es kraftvoll und kräftigend. Ich vermisse die gemeinsame Zeit. Dabei schaffe ich es nicht einmal ausreichend gemeinsame Zeit mit meiner Frau zu haben. Ich wiederhole mich. Und mein Schreibtisch ist eine Spur zu hoch. Das sollte sich wieder legen, wenn ich einen Bürostuhl habe. Bis dahin lege ich die Tastatur auf meinen Schoss, um angenehmer schreiben zu können. Sie leuchtet blau. Bis die Sonne aufging, saßen wir im Auto. Lagen im Bett und sprachen über all die Dinge, die einem nur nachts um vier in den Kopf geraten, weil alles andere schon schläft. Spätabends nahmst du mich in deine Wohnung auf und dann war wieder alles wie früher. Eine Eisschokolade in einer Stadt, deren Namen ich absichtlich falsch ausspreche. Du saßt auf meinem Fensterbrett bevor du zum Interview musstest. Wir schrieben uns lange Emails und trafen uns nur ein einziges Mal, mit viel zu vielen Menschen um uns herum. Du hast an mich geglaubt. Im Auto mit lauter Musik. Und jetzt ist da dieses Leben und diese Verantwortung und das Gefühl, dass am Ende kein Platz mehr für mich ist. Menschen nehmen sich das Leben. Und es geht mir manchmal zu nahe. Es kann nicht nahe genug sein. Auch wenn sie mich nicht kannten. Ich wünsche euch allen mehr Kraft als ihr braucht. Mehr Energie als ihr verbrauchen könnt. Und ich freue mich darauf, mich wieder mit euch auszutauschen. Ihr, die wisst, dass ihr gemeint seid, und ihr, die es nicht wisst.

Nicht zu sehr darüber nachdenken, was sich die Menschen denken, wenn sie es lesen. Mehr darüber nachdenken, was ich nicht denke, wenn ich es nicht schreibe. Weil es nichts ist. Und jeder Gedanke manifestiert sich in der Tastatur. Oft weiß ich nicht, was im nächsten Absatz kommt. Manchmal nicht einmal den nächsten Satz oder das nächste Wort. Genau das ist es, was mich fasziniert. Sich leiten lassen. Von den Fingern, die all die Gedanken aus den Tiefen des Gehirns hervorbringen können. Wertesysteme. Was mir wichtig ist und was anderen wichtig ist. Empathie. Wahrheit gibt es nicht und den richtigen Weg auch nicht. Ich bin wir. Und wir sind schon lange nicht mehr alleine. In zehn Minuten die nächste Tablette. Damit es so klingt als würde ich mir Dinge einwerfen, die so viel mehr können, als die Tablette es jemals könnte. Jedes Bier hat mehr Persönlichkeitsänderungspotential. Wenn ich trinke bekomme ich Kopfschmerzen. Irgendwann war ich einmal auf einer Feier und schrieb Dinge in meinen Notizblock. Dann steckte ich jemanden einen Zettel zu, dass ich die Person gut fand. Das fühlt sich komisch an. Aber der Gedanke sprudelte soeben hoch. Hängt recht nah am Alkohol und den Veränderungen dran. Witziges elektrisches Netzwerk, das mal da blitzt und mal dort. Ich bin der, der es aufbaut und verändert. Es ist es, das mich zu dem macht, was ich bin. Meine Intuition, mein Wissen und meine Fähigkeit. Draußen ist kein Regen. Drinnen keine Sonne. Aber die Tastatur leuchtet und das passt mir so ganz gut.

Ich muss meine Texte nicht verteidigen. Es ist nur mein Blog. Nur mein Ort, wo ich alle Menschen, die es interessiert, einlade am Chaos teilzuhaben, das in mir brodelt. Winzige Einblicke. Manchmal Anknüpfungspunkte, manchmal Hilfeschreie, meist aber nur Tastenanschläge, die sich unsicher sind, ob sie nur für mich oder für die ganze Welt gedacht sind. Wir lachen. Die Veränderung ist es, die mir Spaß macht, alles andere ist nichts. Alles andere ist Stillstand. Egal wie schnell man sich bewegt. Stillstand ist etwas schönes. Ich zittere. Ein Würfel aus dem Kabel wachsen, eine Taube, die sich ins Bad verirrt und ein Kaktus im Winter. Nur nicht daran denken, was noch zu tun ist. Zu spät. Die Musik läuft auch mehr schlecht als recht. War immer sein Ding. Morgen sitze ich wieder in der Uni. Der Plan sieht vor, dass ich die Veranstaltung besuche. Ich habe mir inhaltlich bestimmte Dinge erwartet und dabei ignoriert, dass ich schon viel zu viele Semester dabei bin. Dass man in drei Jahren nicht gleich viel ausprobieren kann wie in sechs. Dass es dem Formular egal ist, was ich schon alles kann, wenn es nur diese eine Veranstaltung kennt. Der Zentralrechner sagt, dass es nur so geht und nicht anders. Wir können gar nicht mehr auf Individuen eingehen, weil dann möchten alle wieder Individuen sein und das ist für die aufwendig und für uns. Jetzt definieren wir Absolventen. Jeder Studiengang eine eine eigene Definition und es gibt sogar eine allgemeine Definition. Und du versuchst jetzt lieber dich so zu modellieren, damit du in die Definition passt, ansonsten klappt das nicht. Man kann nur fair sein, wenn alle gleich sind. Man kann nur fair sein, wenn man nur bestimmte Eigenschaften beachtet. Weil man sich ansonsten auf Gefühle und Einzelurteile angewiesen wäre. Und sind nicht vergleichbar. So viel Grau, dass man sich wünscht, man wäre kein Zeitdieb. Und wenn ich reich wäre, dann wäre es anders, aber trotzdem gleich. Plötzlich werden Entscheidungen nicht nach Interesse und Leidenschaft, sondern nach relativer Sicherheit und empfundener Einfachheit getroffen. Draußen schreien sie, man solle die Komfort-Zone verlassen. Innen schreie ich, dass ich schon froh wäre, wenn ich zumindest die einmal finden würde. Und wenn ich sie gefunden hätte, sie sicherlich nicht so schnell wieder verlassen würde. Weil Komfort für mich durchaus wünschenswert ist. Außerdem kann ich die hohe Lautstärke nicht so gut ertragen und es wäre auch schön, wenn es allen gut ginge. Alles wofür es sich zu kämpfen lohnt. Und Kämpfen ist manchmal auch das Suchen von Wegen und Orten.

Räume schaffen. Ich sollte so viel lesen. Ich möchte so viel lesen. Ich vergeude so viel Zeit mit einfacheren Dingen, weil ich Angst habe zu vergessen und weil das alles auch recht kompliziert ist und die Sätze unnötigerweise immer länger werden, wo ich doch sonst so auf Kürze aus bin und oft früher abbreche, als es für andere verständlich ist. Ich will eine Woche nur für mich. Und eine nur für dich. Und eine nur für das Kind. Und ein Haus am Meer. Mit tollem Blick und Kamin. Und dann Lesen wir uns gegenseitig tolle Dinge vor. Und ich ziehe mich alle paar Wochen für mehrere Tage zurück, um zu schreiben. Ich möchte Dinge entwickeln. Und Anerkennung bekommen. Ich möchte andere unterstützen können und unerkannt bleiben. Dazwischen möchte ich mit dem Kind spielen und wissen, was ich möchte. Und was möglich ist. Und wo ich mich wohl fühle. Und wann. Und warum. Und überhaupt. Oder so. Ich mache es mir gerne einfach, auch wenn es eigentlich gar nicht einfach ist. Und ich schreibe schneller als die Gedanken Sinn machen. Übrig bleiben nur Assoziationen, die gerade aufblitzen. Das ist auch in Ordnung. Weil ich schon schrieb, dass es kein Ziel.

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite freiberuflich als Social Media Analyst und veröffentliche jährlich einen Blogbeitrag. | | | Newsletter

2 Kommentare An der Unterhaltung teilnehmen

  1. zeit ist da
    genug zeit
    aber Prioritäten setzen ist schwer
    dinge wegschieben, die lästig sind
    und sie damit noch lästiger werden lassen
    und größer
    als ihnen zusteht
    alles nach der reihe
    das Lästige aufarbeiten
    dazwischen ohne schlechtes gewissen zeit für genussvolle Dinge nehmen, zeit miteinander verbringen
    zeit ohne grenzen
    zeitenlos
    und gleichZEITig den Boden unter den Füßen behalten
    nimm dir zeit
    soviel du magst
    für dich, deine Familie, die Liebe, die Träume, deine FreundInnen und alle, die dir wichtig sind
    im Jetzt

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