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Fakes auf Twitter und der Schaden, den sie verursachen

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Auf Twitter gibt es ständig Fakes. Also Accounts, die behaupten jemand anders zu sein, als sie tatsächlich sind. Dabei handelt es sich nicht um ein Twitter-Phänomen. Nicht einmal ein Internet-Phänomen. Offline ist es meist einfacher anderen etwas vorzumachen, weil es keine ad-hoc Möglichkeit gibt sich frühere Aussagen der Person anzuschauen. Aber darüber möchte ich nicht schreiben. Ausnahmsweise auch nicht über Fakes, die zu politischen Zwecken eingesetzt werden. Mir geht es um Fakes, die sich es in erster Linie Aufmerksamkeit erschwindeln.

Auslöser für diesen Beitrag ist ein konkreter Fall, den ich als Beispiel nutzen werde. Der Account war etwa ein halbes Jahr auf Twitter, bevor er sich gelöscht hat. Zu Beginn war es nur ein Schicksalsschlag, über den sehr offen getwittert wurde. Mit der Zeit häuften sich die einschneidenden Erlebnisse bis selbst langzeitige Follower zu zweifeln begannen. Am Ende lag die angebliche Accountinhaberin im Koma und ihre Mutter hat über ihren Account die Follower auf dem Laufenden gehalten. Es ähnelte eher einer Nachmittags-TV-Dramaserie als an echte Erlebnisse.

Bis heute ist es nicht klar, ob nur manche Erlebnisse erfunden oder ausgeschmückt wurden oder die Protagonistin komplett ausgedacht war. Dass das „Finale“ so nicht stattgefunden hat, wurde vor der Accountschließung zugegeben. Ich selbst habe nur die letzten Tage des Accounts mitbekommen und die vorherigen 10k Tweets überblicksmäßig angeschaut. Die Handlungen und Personen erschienen in sich konsistent. Immer wieder Referenzen auf unterschiedliche Dinge, die schon erzählt wurden; Keine Personen, die plötzlich weg waren oder andere Eigenschaften hatten. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Person hinter dem Account existiert und viele Tweets auf echten Erlebnissen basieren, aber meist stark ausgeschmückt wurden. Insgesamt wurde viel Aufwand betrieben und Zeit in den Account investiert.

Und damit sind wir bei einem zentralen Problem von Fakes:

Was wenn es kein Fake ist? Was wenn der Mensch hinter dem Fake psychische Probleme hat?

Die einzelnen Geschichten des Accounts waren glaubwürdig. Teilweise sind sie schon vielen Personen zugestoßen. Schwere Schickschalsschläge, für die die Person nichts kann. Wer möchte das in Frage stellen? Selbst wenn es unrealistisch ist, dass einer Person so viele Dinge zustoßen, gibt es wenig Gründe es öffentlich zu hinterfragen. Im besten Fall deckt man eine Lüge auf, die oberflächlich keinen Schaden angerichtet hat. Im schlechtesten Fall hat man die schreckliche Situation einer Person noch schlimmer gemacht.

Es ist wichtig Betroffenen von Gewalt zu glauben.

Ich habe die tiefe Überzeugung (vielleicht ist es meine Ersatz-Religion), dass alle Menschen Probleme haben. Diese Probleme sind sehr unterschiedlich (vom Kampf ums Überleben bis zu Orientierungslosigkeit weil man alles hat aber das alleine nicht glücklich macht) und jede_r geht anders damit um.

Emotionaler Schaden

Das bedeutet nicht, dass man alle Taten verzeihen kann oder soll. Im konkreten Fall ist durchaus ein Schaden entstanden. Tausende Menschen sind belogen worden. Ihre Empathie wurde missbraucht. Die Person hat Zuspruch erhalten, den sonst vielleicht jemand anders bekommen hätte. Jemand, der ihn nötiger gehabt hätte? Eine Person, die nicht so laut war. Auch wenn kein finanzieller Schaden entstanden ist, ein emotionaler ist da.

Mitverantwortung von „Schmunzeltwitter“

Ich glaube, dass die gesamte Schmunzeltwitterbubble mitverantwortlich ist. Vielleicht sogar Menschen im Allgemeinen. Storytelling my ass. Jedes kleine Erlebnis muss so ausgeschmückt werden, dass es einen Spannungsbogen hat. Dann hagelt es Favs und Zuspruch. Ähnliches passiert in Doku-Soaps und wahrscheinlich weiteren Medienformaten. Man nimmt Dinge, die tatsächlich passiert sind, inszeniert sie aber so, dass sie besonders emotional sind. Die Menschen mitreißen.

„Paulanergarten!“

Die Folge ist eine Entfremdung. Statt Menschen grundsätzlich zu glauben, wird im ersten Moment alles in Frage gestellt. Auf Twitter sieht das so aus, dass mit „Paulanergarten!“ geantwortet wird, wenn jemand ein Erlebnis teilt. Es handelt sich dabei um nichts anderes als eine Umschreibung von „Das hat so nicht statt gefunden. Du lügst!“ in Form eines Popkultur-Verweises auf Paulaner-Werbespots. Es führt dazu, dass Menschen weniger teilen. Eltern schreiben nicht mehr über lustige Aussagen ihrer Kinder, Betroffene von Diskriminierung schreiben nicht mehr, was sie erlebt haben.

Eine gewisse Skepsis ist in den meisten Lebenslagen sinnvoll. Manchmal sollte man sich aber fragen, ob es einen Unterschied macht, ob etwas genau so passiert ist oder nicht. War ein Tweet als Witz gedacht, kann man ihn auch ignorieren. In anderen Fällen sollte man sich erst mit dem Kontext beschäftigen bevor man wildfremden Menschen vorwirft zu lügen. Bei Grenzfällen würde ich eher eine Lüge unwidersprochen lassen, als eine Person zu verletzen.

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite freiberuflich als Social Media Analyst und veröffentliche jährlich einen Blogbeitrag. | | | Newsletter

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