Autor: anonymer user

  • Lift

    LiftEine helle Glocke mischte sich in das monotone Tippgeräusch, offenbar um die Ankunft des Aufzugs anzukündigen, dessen Türen langsam aufschwangen. Zum Vorschein kam eine weitere weiß gekleidete Dame, die jedoch im Unterschied zu jener am Empfang freundlich lächelte.

    „Welcome to Ink Inc.", sagte sie strahlend, als sie auf Mort und Evelyn zukam und ihnen die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte. Auf ihrem Namensschild prangte die Nummer 4.
    „It is a pleasure to be here.", erwiderte Evelyn nicht minder strahlend.
    „Hi", sagte Mort, da er sich nun auch zu einer Begrüßung gezwungen sah.
    „I understand you are interested in our firm?", fragte die Dame.
    Evelyn blickte zu Evelyn, die bestätigend nickte, und fing auch an.
    „Let me show you around.", sagte die Dame freundlich. „Follow me."

    Sie stiegen in den Lift, und als die Türen sich schlossen und das Gerät sich langsam in Bewegung setzte, wurde das Tippgeräusch immer leiser. Evelyn entspannte sich, doch Mort konnte sein unheilvolles Gefühl nicht abschütteln.

    Bild: crazyegg95

  • Tippen

    Schreibmaschine„Good evening miss…"
    Evelyn schielte nach dem Namensschild auf der weißen Bluse der Empfangsdame, doch da stand nur eine Zahl.
    „…two hundred fourty-three."
    243 blickte von ihrer Schreibmaschine auf, tippte jedoch weiter.
    „Khello,", sagte sie, immer noch tippend. „Khow can I khelp you?"
    „My colleague and I are doing a paper on the most important Prague-based firms for our studies. With your kind permission we would like to include your business."
    „Yeees.", meinte die Dame dazu ausdruckslos, wobei ihre Finger noch immer geräuschvoll auf den Tasten der Schreibmaschine umhersprangen.
    „Splendid", sagte Evelyn. „Would you mind answering a few questions for us?"
    Der Ausdruck der Dame veränderte sich nicht, doch sie hörte auf zu tippen. Sie drehte ein seltsames weißes Rohr, das aus dem Schreibtisch ragte, zu ihrem Mund, und sprach ein paar kurze seltsame Worte. Das Tippen verhallte langsam im Hintergrund.

    „Was hat sie gesagt?", flüsterte Mort Evelyn nervös zu.
    „Keine Ahnung", gab sie zu. „Das war nicht tschechisch."

    Das Tippen setzte wieder ein, bevor das Geräusch ganz verklungen war. Und da 243 kein weiteres Kommentar abgab, warteten die beiden, obschon es Mort irgendwie nach weglaufen zumute war.

    Bild: hugovk

  • Zweigang

    weißes SofaEvelyn analysierte den Raum ebenso und schätzte seinen Informationsgehalt auf Null. Nichts mit Broschüren, Plakaten oder Bildschirmen mit Infomercials.

    „Drei.", flüsterte sie Mort daher zu.
    Mort las auf seiner Serviette nach.

    3. Wenn keine Informationen auf unauffällige Weise zu entnehmen, nach Personen Ausschau halten. Kontaktaufnahme, sofern die Person(en) nicht erzürnt über Eindringen wirken und/oder Waffen tragen.

    Die Dame in Weiß war Mort zwar unheimlich, doch er hatte keinen Grund zur Annahme, dass sie erzürnen oder Waffen tragen könnte, und so schritt er neben Eve den weißen Teppich entlang, bis sie an der – dazu passend farblosen – Theke ankamen.

    „Sieben", murmelte sie, als die Dame vor ihnen von der Schreibmaschine aufblickte.

    7. Ich rede, du hörst zu.
    Dieser Teil des Plans sagte Mort sehr zu. Reden war nicht sein Ding.

    Bild: digiart2001

  • Eingang

    ink inc.Die Sonne war im Begriff, unterzugehen, und ließ das Gebäude rötlich erstrahlen, als Evelyn und Mort zum zweiten Mal vor seinen Eingang traten.

    „Kann es losgehen?", fragte Eve.
    Mort nickte.

    „Nummer eins!", sagte Eve.
    Mort hob die Serviette und begann, ganz oben, neben der kleinen 1. zu lesen.

    Gebäude betreten. Nach Augenschein das Interieur beurteilen. Jegliche Art von Informationen bezüglich des Zwecks des Gebäudes beachten. stand da.

    Alles klar soweit. Mort holte tief Luft und öffnete Evelyn die schwere Glastür.

    Die Eingangshalle mutete genauso modern, gläsern und hoch an, wie die Außenfassade. Morts Blick schweifte weit umher. Das ganze machte einen sterilen Eindruck und war riesig. Ein schmaler, rätselhaft weißer Teppich führte von der Tür geradewegs zu einer runden Theke, hinter der weitere glänzende Türen sehr den Anschein erweckten, Lifttüren zu sein. An der Theke stand eine Dame in Weiß, offenbar vertieft ins Tippen auf einer Schreibmaschine, deren klicken in der hohen Halle laut widerhallte.

    Nebst alledem sowie zwei an sich großen, im Verhältnis zum Raum jedoch lächerlich kleinen Topfpflanzen konnte Mort dort, wie er erstaunt bemerkte, absolut gar nichts erblicken.

    Bild: code poet

  • Evelyns Plan

    ServietteNoch heute gilt Evelyns Plan als einer der besten, die jemals zu irgendeinem beliebigen Zweck entwickelt wurden.

    Er war so durchdacht, dass für jede denkbare Konstellation im Phasenraum des Ink Inc.-Gebäudes eine eigene Lösung gefunden wurde. Vom Hauptplan spalteten sich hunderte Unterpläne ab, für-den-Fall-dass-Pläne, die untereinander hochgradig komplex verwoben waren und ineinander griffen wie ein gut geöltes Perpetuum Mobile.

    Das Problem mit diesem Plan war, dass er alles andere als einfach war. Und wenn jemand behauptet, einfache Pläne wären die besten, so hätte er zumindest in dem Fall recht, dass Mort darin eine Rolle spielen sollte.

    Kurz nachdem Evelyn begonnen hatte, schwirrte Mort der Kopf dergestalt, dass er sie um eine kurze Pause bat und begann, auf einer Serviette mitzuschreiben.

    Siebenundzwanzig Servietten später stellte er sachlich fest: „Das merke ich mir nie."
    Evelyn seufzte. Sie hatte vergessen, wie schwierig es für andere zu sein schien, eine beliebig lange Reihe unwichtiger Informationen auswendig zu lernen.
    Doch auch hierfür hatte sie einen Plan, den sie in den Hauptplan eingliederte.
    So gut war Evelyns Plan.

    Bild: todmaffin