Schlagwort: Universität

  • Hashtags: Einführung und Praktiken

    Hashtags: Einführung und Praktiken

    Ich habe diese Woche an der Universität Paderborn im Rahmen des Seminar „Popkulturelle Praktiken des Internets“ einen kleine Präsentation zu Hashtags gesprochen. Weil ich es im Vorfeld versprochen habe und ich sowieso finde, dass man viel mehr in dieses Internet schreiben sollte, hier die schriftliche Version davon. Und für alle Menschen, die nicht so gerne lesen sondern mir lieber zuhören und -sehen habe ich den Vortrag zuhause nachgestellt. Etwa dreißig Minuten. Redundanz yay.

    Hashtags gibt es es Twitter, Facebook, Instagram und auf zahlreichen anderen Services. Tags als solche sind aber noch viel weiter verbreitet. Etwa bei Blogs als zusätzliche Einsortierung neben Kategorien, beim Bookmarking und auch bei ganz normalen Dokumenten. Unter Windows heißen sie etwa Markierungen, was auch schon etwas auf die Problematik des Wortes Tag hinweist, da es sowohl Schlagwort als auch Markierung bedeuten kann.

    Ausarbeitung des Begriffes

    Im Reader zum Seminar gab es zwei Texte (Müller-Prove, Matthias (2008): „Modell und Anwendungsperspektive des Social Tagging“. In: Birgit Gaiser/Thorsten HampeI/Stefanie Panke (Hg.), Good Tags – Bad Tags: Social Tagging in der Wissensorganisation. Münster et al.: Waxmann, S. 15-22.)
    und (Panke, Stefanie/Gaiser, Birgit (2008): “ ‚With my head up in the clouds‘ — Social Tagging aus Nutzersicht“. In: Birgit Gaiser/Thorsten HampeI/Stefanie Panke (Hg.), Good Tags – Bad Tags: Social Tagging in der Wissensorganisation Münster et al.: Waxmann, S. 23-35). Matthias Müller-Prove beschreibt „Tagging als elektronisches Äquivalent des Post-Its“. Das ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen, was auch damit zu tun hat, dass es nur ein Fragment des ganzen Textes ist. Mit einem vollkommen unzureichenden Blick auf Tagging in anderen Bereichen möchte ich versuchen die Bedeutung von Tags im Sinne von Hashtags besser herauszuarbeiten.

    Price-Tags, also Preisschilder, kommen an Müller-Proves Beschreibung gut ran. Ein kleines Schild mit ein bisschen Zusatzinformation zum Ding, an dem es klebt. Ein Dog-Tag, wie man ihn aus dem Militär kennt, hat schon eine spezifischere Bedeutung. Es geht um die Identifizierung der Träger_in. Gleich wie bei den Dog-Tags, die Hunde tragen. Und dann gibt es noch HTML-Tags. Diese zeichnen einen Inhalt aus. Sie geben ihm eine andere Bedeutung, als wenn der Inhalt ohne dem Tag da wäre. Aus einem Wort kann so ein Titel werden. Oder es kann etwas besonders betont werden. Und so weiter.

    Zetelkasten des Romanist Hans Robert Jauß. Mittelalterliche Tierdichtung Foto: DLA Marbach
    Zetelkasten des Romanist Hans Robert Jauß. Mittelalterliche Tierdichtung
    Foto: DLA Marbach

    Tagging gibt es auch als Praxis des Wissensmanagements. Etwa beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit kann man einen Zettelkasten anlegen. Im Zettelkasten befinden sich Registerblätter mit den Schlagworten bzw. Tags und dann werden entsprechende Textstellen und/oder Fundstücke dort einsortiert. Jedoch nicht die Dinge selbst, sondern Verweise darauf. Ein Zettelkasten ist somit der Tag-Wolke eines Blogs sehr ähnlich. Man sieht sofort bei welchen Begriffen die meisten Verweise sind und kann über sie relativ einfach wieder zu den ursprünglichen Dingen kommen. Heute gibt es Zettelkästen digital und zahlreiche Tools, die ähnliche Funktionen aufweisen.

    Auch Bibliotheken setzen auf Schlagwortkataloge. Ein Buch kann nur an einer Stelle im Regal stehen, aber ist wahrscheinlich in mehreren Bereichen relevant. Im Schlagwortkatalog kann es mehrmals auftauchen, weil es sich auch hier um Verweise handelt.

    Zusammenfassend würde ich die Bedeutung des Tags bei Hashatsg mit Markierung, Identifizierung und Kategorisierung festlegen.

    Die Raute

    Die Erfindung von Hashtags wird Chris Messina zugeschrieben. Ein Tweet vom 23. August 2007 ist dabei das erste öffentliche Dokument dazu. Im weiteren Verlauf wurde die Nutzung auf Twitter und diversen Blogs ausverhandelt. Stowe Boyd und viele anderen waren beteiligt. Das ist eine nette Erfinder-Geschichte, aber wie wir wissen, passieren solche Dinge selten im leeren Raum. Vor allem wird es erst durch die breite Nutzung zur allgemeingültigen Praktik. Zwei Monate vor dem Tweet von Messina ist Pownce gestartet. Ebenfalls ein Mikrobloggingservice, gegründet von Kevin Rose, Leah Culver und Daniel Burka. Dort konnte man Nachrichten an bestimmte Gruppen posten. Jaiku, welches etwa ein Monat vor Twitter gegründet wurde, hat etwa zwei Monate vor dem Tweet ein Feature veröffentlicht: Channels. Man schreibt an den Beginn der Nachricht einen Begriff mit führendem # und die Nachricht wird automatisch im Channel #Begriff veröffentlicht. Dies könnten wiederum auf Channels bei IRC zurückgeführt werden, welche ebenfalls aus ‚#‘ und dem Namen bestehen. Messina gibt Jaiku auch als Inspirationsquelle an und sein erster Vorschlag übernimmt die dortige Funktionsweise 1 zu 1: ‚#barcamp [msg]‘.

    Rein technisch hätte es keine Raute sein müssen. Jedes Sonderzeichen würde funktionieren, um Begriffe zu erweitern. Durch die Nutzung bekommen diese dann eine neue Bedeutung und man kann speziell nach ihnen Suchen. Würde eine Suche nach dem Begriff ‚lost‘ zahlreiche Ergebnisse aus unterschiedlichsten Kontexten bringen, bekommt man aus der Kombination ‚#lost‘ eine ganz andere Auswahl. Sucht man zum richtigen Zeitpunkt, dann sind das hauptsächlich Tweets zur Fernsehserien Lost. Früher™ nutzte man den Drittanbieter Summize zum Suchen. Weil dieser so großartig funktionierte, wurde er später von Twitter gekauft und in das Service integriert.

    Erst seit 2009 verlinkt Twitter Hashtags in Tweet automatisch, sodass man nur darauf klicken muss, um weitere Tweets mit dem selben Hashtag zu finden. Drittanbieter haben solche Funktionen schon früher gehabt.

    Hashtagpraxis

    In der Vorbereitung zum Vortrag und diesen Artikel habe ich mich mit anderen Nutzer_innen ausgetauscht und Hashtags gesammelt, um den Versuch zu Starten, die Nutzung zu kategorisieren. Mit der Zeit haben sich zwei Möglichkeiten als nützlich herausgestellt. Einmal nach Zweck des Hashtags, also warum ein Hashtag in einem Tweet verwendet wird, und einmal nach Art des Hashtags, also wie er verwendet wird.

    Zweck des Hashtags

    zweck des hashtags

    Es ist unmöglich den Zweck eines Hashtags alleine aus dem Hashtag zu ziehen, man braucht die Tweets, in denen er verwendet wird dazu. Und selbst dann ist es nicht immer möglich auf die Motive der Autor_in zu schließen. Dennoch hilft es bei einer grundsätzlichen Einordnung.

    Ich konnte drei grundsätzliche Zwecke feststellen. Diese überschneiden sich in fast allen Fällen und es kommt somit zu Aussagen, dass ein bestimmter Hashtag eher so oder eher so genutzt wird.

    Hashtags werden genutzt, um ein bestimmtes Publikum zu erreichen. In vielen Fällen soll ein größeres Publikum erreicht werden, oft geht es aber auch darum ein sehr bestimmtes Publikum zu erreichen, etwa bei Hashtags von kleineren Personengruppen, die sich über den Hashtag miteinander vernetzen.

    Über Hashtags wird der Inhalt der Nachricht durch die Autor_in eingeordnet. Etwa indem der Inhalt explizit beschrieben wird (häufig bei Instagram) oder er in eine bestimmte Kategorie eingeordnet wird.

    Schließlich können Hashtags auch Kontext / Interpretationshilfe liefern, der den Leser_innen hilft den Inhalt zu interpretieren.

    In der Präsentation habe ich folgende Hashtags genutzt, um das Einordnen vorzuführen: #tatort #rp15 #igersAustria #ff #informatikfilme #nicht #bchh #nonmention #food #kuchen #ironie #inabudhabi #deinnrw „#betonung“ #foodporn #happy #backen #dataviz #unibrennt #nachspeise #text #video #merkel .

    Jeder Hashtag kann je nach Tweet unterschiedlich zwischen den drei Bereichen verortet werden. In vielen Fällen gibt es aber eine Durchschnittsposition. Während #igersaustria, die Kurzform für Instagrammers Austria, in erster Linie genutzt wird, um ein bestimmtes Publikum zu erreichen, ist #happy eine Zusatzinformation, um einen Inhalt besser interpretieren zu können, man wird aber darüber nur selten mehr Menschen erreichen.

    Art des Hashtags

    Arten von Hashtags

    Meine Liste an Arten ist lange nicht vollständig und auch nicht trennscharf. Auch die Größen und Positionen der Kreise sind eher beliebig. Falls ich Zeit finde, werde ich daran weiterarbeiten. Vielleicht können sie auch jemand anders als Grundlage dienen.

    Veranstaltung / Ereignis

    Der wahrscheinlich populärste Bereich. Vielleicht müsste man ihn weiter teilen. Es gibt physische Veranstaltungen wie #rp15 (Konferenz re:publica 2015), #bchh (Barcamp Hamburg) und andere, aber auch virtuelle Ereignisse wie #tatort (gemeinsames Tatort-Schauen und kommentieren). Medienereignisse haben auch oft Hashtags wie #NSAUA (NSA Untersuchungsausschuss).

    Thema

    Der vielleicht schwammigste Bereich. Auch #tatort ist ein Thema. Oder #nsaua. Ich meine damit vor allem generische Themen wie #food, , #dataviz, #kuchen, #laufen. Hashtags, die lediglich als Kategorie agieren.

    Ort

    Ähnlich wie Thema, aber etwas spezifischer. , , .

    Name

    Ebenfalls ein Unterbereich von Thema. #merkel, #williams, #luca.

    Gruppe

    Die Vernetzung der Personen, die den Hashtag nutzen steht im Mittelpunkt. #igersAustria (Instagrammers Austria), #rp15at (Österreicher_innen auf der re:publica 2015).

    Meme

    Meme sind meist zeitlich beschränkt. Auf Twitter dauern sie selten länger als ein paar Tage. Hashtags wie #informatikfilme (Filmtitel werden so abgeändet, dass sie im Zusammenhang mit Informatik witzig sind). Meme können sich aber aus dem ursprünglichen Kontext lösen und dauerhafte Plätze bekommen. Etwa #ff (Follow Friday, am Freitag werden folgenswerte Accounts damit empfohlen) oder #foodporn (zur Beschreibung von „geilem“ Essen).

    Emotion

    Hashtags können auch genutzt werden, um eine Stimmung explizit zu machen. Manchmal weil sie aus dem Inhalt alleine nicht hervorgeht oder um sie noch zu verstärken. #happy, #sad, #funny, #feelingweird.

    Marketing-Kampagne

    Organisationen nutzen Hashtags gerne für Kampagnen. Für einfacheres Tracking und ein Gefühl von Viralität. Meist mit der Aufforderung an die Nutzer_innen bestimmte Inhalte damit zu taggen. #inabudhabi, #deinNRW.

    Gesellschaftspolitische Kampagne

    Hashtags werden natürlich auch für gesellschaftspolitische Kampagnen genutzt. #unibrennt (Universitätsbesettzung und Kampagne für bessere Bildung), #stuttgart21 (gegen das Banhofsprojekt) oder #notbuyingit (Aufmerksam machen auf Sexismus und Boykott).

    Unterton / Kontext

    Ein Bereich, den ich sehr spannend finde, der aber auch schwer greifbar ist. Hashtags, die dem Inhalt unter Umständen eine vollkommen andere Bedeutung geben oder etwas betonen oder eine Haltung offenlegen. #nicht und #ironie (explizit machen, dass es anders gemeint ist), und #win (besonders schlecht oder besonders gut). Hier fällt auch das verhastaggen von einzelnen Worten in einer Nachricht hinein, was schwer ohne Beispiel beschreibbar ist. „Luca macht #alles falsch“. #nonmention (Der Tweet handelt von einer bestimmten Person, die aber extra nicht genannt wird. Der Hashtag macht das explizit.)

    Technisch

    Hiervon gibt es nur sehr wenige. Hashtags, die nur dazu genutzt werden, damit ein Inhalt automatisch weiterverarbeitet wird. #fb (eine App, etwa selective tweets, postet den Tweet automatisch auf Facebook), #dbl (Deutsche Bahn Locator. Das Service extrahiert aus Tweets mit dem Hashtag Zugnummern und benachrichtigt Personen, wenn sie im gleichen Zug sitzen.)

    Video des nachgestellten Vortrags

  • Reflexion #uemicro

    Ich habe im Wintersemester 09/10 im Rahmen meines Studiums der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Lehrveranstaltung „Übung Kommunikationsforschung“ von Axel Maireder zum Schwerpunkt Mikroblogging an der Universität teilgenommen. Dies ist die letzte Aufgabe, die an die Studierenden gestellt wurde und ich möchte sie öffentlich beantworten, da ich glaube, dass es auch für andere interessant sein könnte und ich sowieso gerne öffentlich schreibe. Scheint mir meist auch sinnvoller. Und vielleicht hat ja gleich jemand Feedback für mich.

    Die gesamte Forschung wird wahrscheinlich noch veröffentlicht ((Gruppe Internetforschung lohnt sich im Auge zu behalten: http://internetforschung.wordpress.com/)). Ich werde daher nur einen kleinen Überblick geben, was wir gemacht haben und dann die letzte Aufgabe, eine Reflexion, angehen.

    Übung Kommunikationsforschung

    Wir haben uns Mikroblogging (Statusupdates) auf Twitter und Facebook angeschaut. Wobei es schon zu Beginn angezweifelt wurde, ob und in wie weit Facebook sinnvoll ist. Nach einer gemeinsamen Recherche zum Thema, die in einem leider privaten Wiki gesammelt wurde, wurden Gruppen aus zu ungefähren gleichen Anteilen erfahrenen und weniger erfahrenen Usern gebildet, die sich mit speziellen Forschungsproblemen beschäftigt haben. Sampling Facebook, Sampling Twitter, Themenanalyse, Diskursanalyse, Stil- und Strukturanalyse und Nutzeranalyse. Nachdem die Ergebnisse, es ging lediglich um Methoden und einen kleinen Pretest, gegenseitig präsentiert wurden, haben sich erneut Gruppen gebildet, dieses Mal frei nach der Entscheidung der Studierenden. Diese haben nun ein Codebuch für ihren jeweiligen Bereich ausgearbeitet. Top 100 Twitterer, Tweetauswahl, Pinnwand, Stream und meine Gruppe „Die Hashtaggeschichte“. Man könnte auch sagen Themenanalyse, aber würde in nach meinem Empfinden zu weit gehen, da wir uns auf die Hashtags beschränkt haben. Während die Codebücher der anderen Gruppen dann vereint wurden und sich die Gruppenmitglieder an die Analyse gemach haben, haben wir eine Vollerhebung der Hashtags der österreichischen Top 100 User ((nach http://twittercharts.at/)) für einen Zeitraum von zwei Wochen durchgeführt und in Folge analysiert.

    Da neben mir noch ein paar Intensivuser von Twitter bei der Übung waren hat sich auch schnell das Hashtag #uemicro etabliert, über welches innerhalb und nach außen kommuniziert wurde. Leider ist nur noch ein kleiner Teil der Tweets auffindbar.

    Reflexion

    Die Fragen wurden vom Lehrveranstaltungsleiter vorgegeben. Gewünschte Länge Länge 6000 – 9000 Zeichen.

    Welche methodologischen Herausforderungen sind bei der Erforschung von Microblogging zu beachten? Welche methodischen Probleme ergeben sich?

    Private Accounts
    Man kann sich in der materiellen Welt nicht einfach in das Wohnzimmer von jemanden setzen und das gleiche gilt für den digitalen Raum. Gerade bei Facebook ist es ein Problem, dass es nahezu unmöglich ist an die Daten heranzukommen solange man sich nur erlaubten Mitteln bedient. Es gab Ideen von Fake-Usern und von dem Erbitten von Daten der Freunde von Freunden. Ersteres ist von Facebook verboten und würde mit großer Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass man nur an User kommt, die von sich aus sehr offen sind und Freundschaftsanfragen von fremden Personen schnell annehmen. Die zweite Methode stelle ich ethisch in Frage. Ich würde daher auch niemals zustimmen, dass jemand die Updates meiner Freunde untersuchen darf ohne dass diese darüber informiert wurden. Sie glauben sich in einer privaten Umgebung und vertrauen mir, dass ich ihre Informationen nicht einfach weitergebe. Sinnvoller würde ich es finden, wenn man eine App programmiert, der User Zugriff auf ihren Statusfeed geben nachdem sie darüber informiert wurden was damit gemacht wird. Somit liesen sich auch vollständigere Datensätze erreichen. Doch hier zeigt sich auch schon was in der Forschung im digitalen Raum eine immer wichtigere Rolle einnehmen wird, wenn man quantitativ forschen will: Programmierkenntnisse.

    Im Gegensatz zu Facebook sind die meisten Accounts bei Twitter öffentlich und daher ist es nach meiner Meinung auch nicht nötig explizit darauf hinzuweisen, dass man die Tweets für die Forschung verwendet. Über die API ((Programmieren…)) ermöglicht Twitter einen recht guten Zugriff auf die Daten. Aber auch hier gibt es protected Accounts. Geht es bei der Forschung nicht gerade um solche geschlossene Gruppen sondern um den öffentlichen Diskurs auf Twitter, wie bei uns, kann man sie vernachlässigen.

    Grundgesamtheit
    Durch die Werbe-Konsole von Facebook lässt sich sehr genau, soweit die User die Daten angegeben haben, feststellen wie viele User mit welchen Eigenschaften auf Facebook vertreten sind. Jedoch hilft das der Forschung nur begrenzt weiter, weil man die User nicht erreichen kann. Außer durch eine Werbeanzeige. Spätestens jetzt sollte man sich eingestehen, dass man Facebook als solches nicht erfassen kann und sich auf einzelne Phänomene beschränken. Oder wenn man bekannt/groß/mächtig/reich genug ist, einmal bei Facebook anklopfen und fragen, ob man für sie forschen darf und dafür Zugriff auf die Daten bekommt. Facebook beschäftigt sich auch selbst damit: Top 15 Status Terms 2009

    Twitter. Vergiss es. Twitter reicht ein Nickname und eine Mailadresse, die nicht veröffentlicht. Alternativ auch eine Telefonnummer. Statt des Nicknames. Alles andere ist optional und sehr viele Personen geben auch nicht mehr an. Selbst bei Personen, die eine Location angegeben haben, kann man nicht sicher sein, ob sie richtig ist. Siehe Teheran. Ein Pretest von mir hat gezeigt, dass auch oft erfundene Namen angegeben werden. Zahlen zu den Userzahlen von Twitter in Österreich können nicht ernst genommen werden. Es gibt Annäherung und unsere Methode mit der Umkreissuche zu arbeiten, um mehr Orte erfassen zu können, war sicherlich klug. Doch dann ist schon die nächste Frage, ob man nur aktive User zählt und was dies bedeutet. Mit der neuen Möglichkeit, dass jeder Tweet einen Ort als Metainformation besitzt könnte man wieder Aussagen treffen, jedoch vernachlässigt man die riesige Gruppe, die kein Smartphone mit Location-fähigen Twitter Client benutzen. Auch hier hat Twitter selbst als einziger die Möglichkeit ziemlich genaue Angaben zu machen indem sie mit der Geolocation der IP-Adressen der User arbeiten.

    Sampling
    Ohne Grundgesamtheit kein sinnvolles Sampling nach klassischen Methoden.

    Welche, zum durchgeführten Forschungsprogramm alternativen methodischen Settings und Vorgehensweisen wären geeignet, einige dieser Herausforderungen zu meistern?

    Facebook hat viele Daten über die Personen, aber man kommt nicht an sie ran. Bei Twitter hat man auf fast alles Zugriff, aber es gibt fast keine Daten zu den Usern. Jedoch ihre Tweets und mit denen lässt sich wunderbar arbeiten. Wenn man programmieren kann oder viele, viele Studierende hat, die die Daten auswerten. Daher werde ich mich im folgenden auf Twitter beschränken.

    Der Versuch Österreich als ganzes zu erfassen ist aktuell zum scheitern verurteilt. Man bekommt nur grobe Annäherungen. Das Ergebnis ist Murks. Vielleicht reicht einem das. Für mich bedeuten die Erfahrungen in der Lehrveranstaltung, dass man umdenken und endlich diese gedachten Ländergrenzen aufgeben muss. Wir bilden uns Relevanz durch Nähe ein. Doch es funktioniert nicht. Twitter kennt keine regionalen Grenzen. Viel mehr gibt es Sprachbarrieren und thematische Verteilungen, die entscheidend für die Menschen sind. Netzwerkanalyse, Netzwerkanalyse, Netzwerkanalyse. Sobald wir die digitalen Gruppen erfassen können, haben wir die Möglichkeit mehr über sie zu erfahren. (Besonders zu diesem Punkt freue ich mich über Feedback und andere Sichtweisen.)

    Um mit den enormen Datenmengen von Twitter umzugehen, sollte man einerseits verstehen, was die einzelnen Datensätze bedeuten und sie dann mithilfe von Code analysieren. Gerade Visualisierung könnte hier eine wichtige Rolle spielen. Wir arbeiten mit Verteilungen und Verknüpfungen. Twitter-Friends von Benedikt Köhler kann ich nur jedem empfehlen.

    Was gilt es bei der Erstellung eines quantitativen Codebuches insbesondere zu beachten? Wo sehen Sie die diesbezüglich schwierigsten Herausforderungen? Welche Probleme können auftreten und wie können diese Probleme beseitigt werden?

    Gerade bei Twitter sehe ich das Problem, dass Ironie eine sehr große Rolle spielt und es gerade für Personen, die sich bisher nicht in Twitter bewegt haben, oft nicht erkennbar ist, was die Bedeutung eines speziellen Tweets ist. Mehr qualitative Elemente. Sonst sehe ich keine Lösung.

    Und für alles andere empfehle ich irgendein Standardwerk ((Affiliate-Link)).

    Wie beurteilen sie den Ablauf des Forschungsprozesses innerhalb der Übung? Welche Herausforderungen und Probleme haben sich, abseits der methodischen die oben beschrieben wurden, im Zuge der Arbeit ergeben, insbesondere innerhalb der Teams, aber auch bzgl. des zeitlichen Ablaufs, bzgl. des Inputs meinerseits, etc.

    Ich habe einiges gelernt bei der Übung. Was bei der Forschung alles schief laufen kann und, was ich gleich spannend finde, wie andere Studierende das Social Web nutzen und verstehen sowie wie sie zur Forschung und zum Studium allgemein stehen. Ich kann mich an eine Situation erinnern, als sich meine Gruppe in einem Café getroffen hat und ich mich in Small Talk versucht habe. Mir wurde erzählt, wie in anderen Lehrveranstaltungen schamlos gefälscht wurden. Man hat nicht die Ergebnisse etwas anders vorgestellt, sondern sie frei erfunden. Kein einziger Feldeinsatz. Warum auch, man weiß ja selbst besser wie die Menschen sind, da kann man auch ruhig fünfzig Fragebögen selbst ausfüllen. Andere lassen das schließlich von ihren Freunden machen, das sei auch nicht besser. Ich war zu perplex um direkt zu reagieren. Aber ich weiß jetzt wie fucked up mein Studium tatsächlich ist. Doch zurück zur Lehrveranstaltung #uemicro.

    Zu Beginn war alles sehr offen, die Studierenden wurden gefordert ihre Interessen auszudrücken, doch diese haben beinahe darum gefleht Vorgaben zu bekommen. „Wir wissen ja gar nicht was wir machen sollen. Was jetzt geforscht wird.“ Doch ich war nicht besser, bin nicht aufgestanden und habe gesagt, dass ich genau das und das machen will. Vielleicht muss man es uns noch klarer aufs Auge drücken, dass wir uns entscheiden sollen. Oder man lässt es und gibt etwas fertiges vor.

    Ich habe es spannend gefunden, wie es sich entwickelt hat. Glaube, dass einige interessante Ergebnisse dabei sind und weiß zugleich, dass mein Anteil nicht so groß ist wie er sein sollte. Ich habe meine zweite Gruppe, die mit den Hashtags, ziemlich im Stich gelassen gegen Ende hin, weil ich andere Dinge zu tun hatte, meine Zeit sich nicht so dehnen ließ, wie ich es gerne gemacht hätte.

    Die Arbeit im Wiki war gut, die Online-Chat-Session zum vergessen. Wenn das Team nicht aufeinander eingestimmt ist, dann braucht es mehr als bloß Text. Vielleicht hätte eine Telefonkonferenz geholfen.

    Die Einzelsessions für meine Gruppe waren großartig. Direktes Feedback und Diskussion. Jedoch sind die anderen Gruppen, soweit ich es weiß nicht in diesen Genuss gekommen. Zwei Mal im Semester sollte man die Möglichkeit haben in Gruppen von maximal 8 Personen mit dem Lehrveranstaltungsleiter zu diskutieren, über den Fortschritt reden, Probleme und die nächsten Schritte. In der großen Gruppe klappt dies nicht.

    Es gab bei einigen ein Motivationsproblem und bei anderen ein Zeitproblem. Das erstere hängt in meinen Augen damit zusammen, dass die Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Wien nicht wissen, was sie eigentlich sind. Zu Beginn des Studiums werden noch große Töne gespuckt, dass man eine wissenschaftliche Vorbildung sei, man danach keinen Beruf hätte, sondern wisse wie man wissenschaftlich arbeite. Leider wird dann immer gleich drangehängt, dass das auch ganz toll ist, wenn man Journalist werden will. Oder in die PR oder für Marktforschung. Spätestens wenn die Praxisfelder anfangen ist man in einer journalistischen Ausbildung. Leider einer eher schlechten. Multimediajournalismus. Alleine das Wort ist schon schrecklich. Print, PR, Hörfunk, TV und so weiter. Selbst in der Kommunikationsrechts-Vorlesung wurde mir beinahe bei jedem Termin erzählt, was wir als Journalisten einmal beachten müssen.

    Mein erstes Team, wo man mich als Intensivnutzer mit Normalnutzern und Wenignutzern zusammengesteckt hat, war, zumindest für mich, nervig. Eine der anderen Personen war interessiert daran, was ich über die Dienste und bisherige Forschung wusste, der Rest hat mich entweder ignoriert, mein Leben in Frage gestellt „Da hat man ja keine Zeit für Freunde mehr.“ oder sich über meine Arroganz beschwert. Das macht keine Freude und so sagt man immer weniger und twittert stattdessen über die in den eigenen Augen dummen Aussagen der anderen. Grundsätzlich begrüße ich den Wissenstransfer zwischen Studierenden, aber in der Gruppe war es nur schwer möglich.

    In der zweiten Gruppe war es schon anders. Einerseits kannten wir uns schon und andererseits brachte jeder viel Wissen und Interesse zum Themengebiet mit, sodass ich viel mehr gelernt habe und ich glaube die anderen auch.

    Im großen und ganzen bin ich zufrieden mit der Übung. Der Forschungsprozess war erst zaghaft, ist dann aber in die Schwünge gekommen und hat zu annehmbaren Ergebnissen geführt. Das Thema hat mich interessiert und ich habe etwas gelernt.

    Machs doch besser

    Und sollte ich noch interessierte Publizistik- und Kommunikationswissnschaftenstudierende unter meinen Lesern haben, freut es mich ankündigen zu können, dass ich nächstes Semester gemeinsam mit Helge Fahrnberger eine Übung Mutimediajournalismus halten. Da ich selbst noch Student an der Uni bin, kann ich selbst keine halten, aber sie akzeptieren mich als Assistenten. Oder sowas ähnlichen.

    Weitere Infos gibt es bei Helge: Kobuk
    Einen Logowettbewerb gibt es auch und ihr könnt auch als Nicht-Studierende mitmachen, wenn ihr euch für (österreichische) Medien interessiert.

    Vorhang auf!