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Wer rettet wen?

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Jemand saß neben ihr und starrte sie wortlos an.

Evelyns blaue Lippen zitterten dermaßen, dass sie kaum sprechen konnte.

„Y-you… you saved m-me?", stotterte sie in ihrem britischen Akzent.
"Was?”, fragte Mort.
"Oh… du sprichst Deutsch?”
"Was?”, wiederholte Mort.

Trieb dieser Kerl ein Spiel mit ihr? Evelyn betrachtete ihn durch misstrauisch zusammengekniffene Augen.

Jedenfalls musste er sie aus dem Wasser gezogen haben.

„Ich bin Evelyn.", sagte sie, „Du kannst Eve sagen."
„Eve.", sagte Mort.

Stille.

Eve blickte verlegen herum und räusperte sich.

„Und wie heißt du?", fragte sie schließlich.
„Ich bin Mort", erwiderte er mechanisch.
„Von Mortimer?"
„Nein, aus Österreich."

Okay, der war nicht ganz sauber. Evelyn fand ihn sympathisch.

„Wie kann ich dir jemals danken,", begann sie.

Mort sah sie an.

„Wofür?", fragte er.
„Du hast mich aus dem Wasser gerettet?", behauptete Eve unsicher.

Mort überlegte.

„Mitnichten.", meinte er schließlich. „Du hast mich gerettet! Ich bin dir zu Dank verpflichtet."

Eve beschloss, nicht weiter darauf herumzureiten.
Sie schaffte es etwa zwei Sekunden lang.

„Aber… nein! Ich hab dich nicht gerettet. Ich war bewusstlos.", erklärte sie.
„Ich auch.", erwiderte Mort. „So sehr ich es mir auch wünschte, ich hab uns nicht gerettet."
„Aber hier ist sonst niemand.", meinte Evelyn.

Sie schwiegen eine Weile lang, nur das monotone Rauschen des Wasserrads war zu hören.

„Wie bist du überhaupt in den Fluss gekommen?", fragte Mort etwas unsensibel.
„Du glaubst mir bestimmt nicht.", behauptete Eve.
„Probier es.", erwiderte Mort.

Evelyn zögerte.

„Irgend etwas hat mich in den Fluss geworfen.", erklärte sie.
„Aha.", machte Mort.
„Es war unsichtbar.", fuhr sie fort.

Mort sagte nichts.

„Es klingt dumm.", begann Evelyn wieder.
„Ich glaube dir.", sagte Mort.

Diese dreiste Lüge musste Evelyn belächeln.

„Du bist süß.", meinte sie.

Mort hatte kaum Zeit, diesen höchst romantischen Moment zu genießen, da er von näherkommendem Sirenengeheul unterbrochen wurde. Bestimmt hatte jemand seinen todesmutigen Sprung beobachtet und die Rettung gerufen. Den Behörden wollte Mort nun freilich nicht in die Hände fallen. Es galt so schnell wie möglich zu verschwinden.

Er stand halb auf, fiel erschöpft um, und versuchte es erneut.

Evelyn kam auch auf die Beine, und stellte sich zittrig neben ihn.

„Du solltest liegen bleiben.", erkannte sie.
„Aber nein, mir geht es gut. Du solltest liegen bleiben. Warte hier auf die Rettung, ich muss weg.", beharrte Mort.

Eve starrte in seine Augen und schien plötzlich zu verstehen.

„Ich auch.", sagte sie. „Mir nach."

Und sie wankten eine schmale Treppe hinauf zur Altstadt.

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