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Evelyn (Forts.)

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„Und was ist mit dir?", wollte Mort wissen.
„Nichts besonderes.", sagte Evelyn, „Ich wohne hier. Aber nicht mehr lange."

Wenn ihr Evelyn in Verlegenheit bringen wollt, fragt sie, wo Österreich liegt, denn sie weiß es nicht.

Aber fragt etwas, wovon ihr euch absolut sicher seid, dass es wirklich niemand weiß, weil es vollkommen unwichtig ist; etwa woher der Name des Mars-Riegels stammt, wozu die Scoville-Skala dient, oder wie man Celsius in Fahrenheit umrechnet, und sie wird euch antworten: „Frank Clarence Mars", „Zur Beurteilung von Schärfe" und „Das weiß niemand so genau". Folgt den Links und ihr werdet feststellen, dass die Antworten weitgehend der Wahrheit entsprechen.

Dieser grausame, wenn auch oftmals unterhaltsame neurologische Zufall bewirkte bei Evelyn konstante Langeweile. Die Langeweile setzte sich aus diversen Faktoren zusammen: miserable Schulnoten aufgrund der Legasthenie bei gleichzeitiger Unterforderung zum einen, reiche Eltern zum anderen.

Ihr Vater war, wie der Zufall so spielt, einer meiner ehrbaren Kollegen, währen Evelyns Mutter als Tierärztin tätig war. Die Familie wohnte in einer gewaltigen Villa hoch auf einem Hügel, der die Stadt überblickte. Tatsächlich hatte ich einige Male das Vergnügen, in dieses Haus eingeladen zu sein, um bei einer Tasse Keemun Imperial, second flush, und einer Montechristo No2 Bowling zu spielen, während ich durch die breite Fensterfront auf die Stadt blickte und mit Dr. Marat über gemeinsame Kollegen oder die Existenz von Außerirdischen diskutierte.

Doch ich schweife ab. Hier geht es um Dr. Marat’s Tochter Evelyn. Ich habe sie selbst nie getroffen, und beziehe alle Informationen aus den Aussagen meiner Kollegen oder Klienten, aus eigenen mühevollen Recherchen und vagen nächtlichen Visionen.
Jedenfalls ist mir bekannt, dass Evelyn mit all dem, was sie hatte, nicht zufrieden war. Sie wollte raus. Abenteuer erleben. Menschen helfen. Fremde Kontinente sehen. Wilde Tiere zähmen. Unbekannte Pilze essen. Eine weltberühmte Schauspielerin und/oder Sängerin werden. Die wahre Liebe finden.

Das wollen viele, doch Evelyn verließ eines Tages, und zwar genau drei Tage vor Beginn dieser Erzählung, die Villa durch den Geheimgang im Weinkeller, und betrat weder den Keller, noch irgendeinen anderen Teil des Hauses (mit Ausnahme des Daches) jemals wieder. Nicht, ohne sich vorher eine beträchtliche Menge and Bargeld sowie ihre Kreditkarte einzustecken.
Sie wusste nicht, wohin sie sich begeben wollte, oder wie lange sie dort bleiben würde.

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