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Arbeiten als Selbständige_r

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Vor langer Zeit habe ich darüber geschrieben, dass Arbeiten in großen Unternehmen nicht immer toll ist. Eher im Gegenteil. Damals kündigte ich an, dass ich auch die aktuellen Alternativen nicht berauschend finde. Daher möchte ich heute einige Gedanken zum Arbeiten als Selbständige_r schreiben. Hier habe ich neben der Zusammenarbeit auch ein Einblicke aus der Zeit, als ich selbst auf Werkvertragsbasis gearbeitet habe.

Selbständige arbeiten auf eigenes Risiko. Wenn man als Angestellter versagt wird man im schlimmsten Fall gefeuert und selbst das ist in Europa dank gesetzlichem Arbeiterschutz nicht immer der Fall. Man könnte auch verklagt werden, aber dafür muss man als Angestellter bewusst das Unternehmen schädigen. Als Selbständiger ist das einfacher. Man kann aus irgendwelchen Gründen den Vertrag nicht voll erfüllen und schon kann man sich vor Gericht wiederfinden. Selbständige werden für ihr tun voll verantwortlich gemacht, selbst wenn es nicht immer ihr Fehler ist, und die Folgen können auch Privatkonkurs bedeuten. Eine gewisse Zeit ohne Aufträgen oder unerwartete Ausgaben, etwa Gerichtskosten, und zack weg.

Das tolle am selbständig sein ist, dass man selbst bestimmt was man macht. In der Praxis ist man aber meist davon abhängig Aufträge zu erledigen und somit hat man nur einen geringen Spielraum. Ich kenne einzelne Personen, die es sich leisten können nur die angenehmsten und spannendsten Aufträge anzunehmen, doch die überwiegende Mehrheit ist froh, wenn sie jedes Monat etwas zu tun hat. Man bestimmt zwar selbst bestimmte Rahmenbedingungen und fast alle lehnen bestimmte Aufträge ab, weil sie nicht mit ihrem Gewissen vereinbar sind, aber man arbeitet auch als Selbständige_r für andere. Diese sagen, was gebraucht wird und wie sie es sich vorstellen. Wie anstrengend dies teilweise ist, kann man auf clients from hell oder im deutschen Pendant Kunden aus der Hölle nachlesen.

Das noch größere Problem ist, dass Kunden nicht von alleine kommen, nicht wissen, was sie brauchen, nicht so freiwillig zahlen, wie sie sollten und auch sonst einiges and Aufwand rundherum aufkommt. Neben der Arbeit, die man gut und gerne macht, ist ein großer Haufen, der vor allem nervig ist, aber auch gemacht werden muss. Am Anfang ist das Marketing, damit Menschen wissen, dass ich eine bestimmte Dienstleistung anbiete, warum sie sie brauchen könnten und warum sie mich und nicht ihren Neffen damit beauftragen sollten. Manchmal schaltet man eine Anzeige, manchmal sucht man Unternehmen raus und kontaktiert sie direkt, irgendwann hat man eine Liste and Interessenten, die man erneut kontaktieren kann und so weiter und so fort. Da gibt es dann oft kostenlose Beratung, um zu erklären, warum etwas nötig ist, wie es gemacht wird, wie das Resultat aussehen könnte. Irgendwann muss man einen Vertrag aufsetzen und den möglichen Kunden zum Unterschreiben bringen. Dann den Vertrag noch dreimal abändern, weil der mögliche Kunde etwas nicht direkt versteht oder es ein Kommunikationsproblem gab. Außerdem ist der Preis zu hoch und der Neffe würde das ja für 50€ machen. Da sind schon einige Stunden draufgegangen, die nicht bezahlt wurden. Jedenfalls nicht direkt. Und bloß nicht offen erklären, dass die Geschäftsanbahnung über das Werk mitgezahlt wird. Im Idealfall beginnt dann das eigentliche Arbeiten. Der Kunde reizt zwischendurch immer wieder die Nerven, siehe oben, aber irgendwann ist das Werk fertig und es kommt zur Abnahme. Spätestens beim zweiten Kunden steht im Vertrag drinnen, dass nur eine Überarbeitung im Budget enthalten ist und jede weitere über den Stundensatz XY bezahlt werden muss. Je nach Kunde muss man das dann noch einmal erklären, auf den Vertrag verweisen, sich entschuldigen, dass man auch überleben möchte und die zweite Überarbeitung dann mit halben Stundensatz verrechnen. Es ist vollbracht! Der Kunde ist zufrieden. Also Rechnung fertig machen. Möglicherweise eine Erklärung dazu, was welcher Posten bedeutet und auf die schriftliche Kommunikation vom ZXten verweisen, wo dies vom Kunden beauftrag wurde. Kurze Freude über die Antwort des Kunden, dass er sich bald darum kümmern wird bzw. dass er es an die Buchhaltung weitergeleitet hat. Kurz vor Ablauf der Zahlungsfrist, die man nach dem zweiten Auftrag immer im Voraus ganz klar ausmacht und schriftlich festhält, schickt man eine Erinnerung oder ruft an. Ist wohl untergegangen oder die Buchhaltung braucht da immer etwas, man solle sich gedulden. Bei kleinen Kunden kann es dann noch dazu kommen, dass der Betrag eigenständig abgeändert wurde, weil man für das Entfernen von etwas ja wohl nicht bezahlen würde. Auch sei der Stundensatz viel zu teuer und als Stammkunde hätte man sich 30% Rabatt gegeben. Schließlich gibt es noch viele lukrative Folgeaufträge und überhaupt. Große Kunden zahlen zwar den vollen Preis, aber immer erst am oder kurz nach Auslaufen der Zahlungsfrist. Es wird gar gemunkelt, das hätte System. Jedenfalls ist das Geld jetzt am Konto, man muss nur noch einen großen Teil für den Staat zur Seite legen, einen anderen für schlechte Zeiten und mit dem Rest kann man den Kredit, den man für die Unternehmensgründung aufgenommen hat, weiter abbezahlen. Buchhaltung und Steuererklärung nicht vergessen. Und sich um Kooperationen kümmern.

Wenn man es lange genug aushält, dann kann es sogar sein, dass man echte Stammkunden hat, durch die man grundsätzlich finanziert ist und nebenbei nimmt man nur noch Aufträge an, die man gerne hat. Und die unkompliziert sind.

Zum Glück gibt es einige Tools, die das Selbständig sein erleichtern. Und das bisschen Freiheit, das man durch die Selbstbestimmung erlangt, reicht vielen aus, es zu machen. Selbst wenn man weniger verdient und mehr gestresst ist.

Es gibt Menschen, die in großen Unternehmen glücklich sind. Es gibt Menschen, die als Selbständige glücklich sind. Und es gibt mich. Der sich in keinem der beiden wohl gefühlt hat. (Über kleine Unternehmen schreibe ich vielleicht auch noch.) Weshalb ich work.io so großartig finde und ich es kaum mehr erwarten kann, bis wir in die public beta gehen.

Aber unter meinen Lesern sind viele Selbständige, die die Problem noch viel besser kennen. Ihr wärt eine große Hilfe, wenn ihr Dinge, die ich noch nicht erwähnt habe in die Kommentare schreibt oder mir per Email and luca.hammer@workio.com schicken würdet. work.io wird keine Freelancer Plattform. Etwas eigenes. Gründe gegen die Selbständigkeit helfen uns jedoch etwas zu großartigeres zu bauen. Danke.

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Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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  1. Du hst ja vieles schon angeschnitten – oder auch mit schön-sarkastischem Tonfall erzählt :)

    Und ich habe keinerlei Ahnung, wie Dir helfen kann, was ich erzähle, aber das ist ja Dein Problem ;) – ich red mal drauflos:

    Generell ist es wohl zum einen die finanzielle Unsicherheit – also der Komplex um die Frage „Habe ich nächsten Monat zu tun?“
    Direkt daran hängt absurderweise die Frage „Habe ich nächsten Monat zu viel zu tun?“ – die ja auch gerne sofort bedeutet „Muss ich jemanden schieben, lässt er sich schieben oder springt er ab?“
    Zusammengefasst also die Unplanbarkeit der Arbeit.

    Der nächste Komplex ist der rund um die Bezahlung – auch von Dir schon perfekt beschrieben. Kunden ist oft nicht klar, was alles Dienstleistung ist und dass diese Dienstleitungen auch alle Geld kosten _müssen_. Clients from hell sammelt ja wirklich schöne Beispiele, die ich nach 15 Jahren bis jetzt quasi immer plausibel fand oder auch selber schon erlebt habe.
    Nah verwandt ist die „Was?? Warum kostet eine Stunde bei Ihnen so viel??“-Frage.
    Ebenfalls nah verwandt ist das Problem, dass man als Einzelkämpfer öfter gefragt wird, ob man ‚mal eben‘ für einen Bekannten etwas machen kann – weil man „ja eh am Rechner sitzt“. Dass eigentlich jede Minute bezahlte Arbeitszeit sein müsste und so eine Frage damit echt Gewissensbisse erzeugen kann ist wenigen klar.

    Ein Thema, was bei Dir noch nicht vorkam ist eines, das das Arbeiten im HomeOffice – bei Selbstständigen ja recht beliebt – betrifft: Die Abgrenzung.
    Und zwar sowohl die von dem ewigen „Ach, ich könnte ja jetzt noch fix xy tun“ – die dann zu 20-Stunden-Tagen und zum BurnOut führt.
    Und auch die von den Menschen, die einen von der Arbeit abhalten. Mütter, die anrufen, weil man ‚ja eh zu Hause ist‘, Partner, die von der Arbeit kommen und eine geputzte Küche erwarten, weil der andere ja eh Hause war.

    Beides kann arg an der Wertschätzung der eigenen Arbeit – und damit dann am Ende daran, sich selbst gut zu verkaufen – kratzen.

    Weitere Aspekte:
    In Angestellten-Verhältnissen kann man delegieren, es kann mal jemand einspringen. Hat man sich als Einzelkämpfer nicht beizeiten ein gutes Netzwerk aufgebaut, bleibt einem nichts, als vom stumpfen Copy-Paste-Job bis zu anspruchsvollen wasweisich alles selber zu machen. Positiv ausgedrückt ist das ein sehr abwechslungsreicher Job ;) – negativ ausgedrückt ist man der Hansel für alles.

    In (guten) Angestellten-Verhältnissen gibt es die Möglichkeit, sich fortzubilden, ohne, dass sich das sofort finaziell bemerkbar macht.

    Apropos ‚finanziell bemerkbar machen‘ – Urlaub kostet einen Selbstständigen natürlich auch doppelt.

    Aber ich liebe es :))

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