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Das Gehalt sollte nicht vom Wohnort abhängig sein

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Lino hat auf Twitter nach einem guten Mindestgehalt gefragt. Viele der Replies haben über die Lebenserhaltungskosten argumentiert. Dort ist der einflussreichste Faktor die Miete. Eine Person, die in einer teuren Gegend wohnt, sollte mehr bekommen als die Person, die in einer günstigeren Gegend wohnt. Ich finde das unfair und versuche hier meine Gedanken zu ordnen warum ich es so empfinde und was man dagegen oder stattdessen machen könnte.

Ich bin in einem kleinen Dorf (<2k Einwohner_innen) in Tirol (teure Mieten dank Berge und Tourismus) aufgewachsen. Dann habe ich einige Jahre in Wien gelebt. 2-3M EW. Hohe Lebensqualität und verglichen mit anderen Großstädten annehmbare Mieten. Jetzt lebe ich wieder in einem kleinen Dorf (<10k EW) mit sehr günstigen Mieten. Wenn man etwas findet. Hier wird nicht mehr in Wohnungsbau investiert. Die Menschen wandern ab. Häuser gibt es einige zu kaufen. Wohnungsmarkt quasi nicht existent. Ohne Auto ist die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Veranstaltungen beschränken sich auf die SMS-Vereine (Sport, Musik, Schützen). Derzeit bin ich selbständig. Die meisten meiner Kund_innen sitzen in Großstädten. Verglichen mit jemanden der in Hamburg oder München lebt, habe ich sehr niedrige Lebenserhaltungskosten. Aber auch weniger Möglichkeiten. Kino? Erstmal in die nächste Stadt fahren. Essen gehen? Hahahaha. Wir haben eine tolle Dönerbude. Und zwei Pizzerien. Also in die nächste Stadt fahren. Die nächste Stadt ist Paderborn. Nicht unbedingt das Zentrum der Welt („Mit Kirche, Fußball, Schützenfest sich Paderborn beschreiben lässt.“). Zwei bis drei Stunden weiter sind Hannover und Köln. Außer Reichweite an Arbeitstagen.

Warum ich nicht einfach wegziehe? Weil mir die niedrigen Lebenserhaltungskosten ermöglichen mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen oder wenn ich das nicht tue, Geld zur Seite zu legen. Auch sind Luft- und Wasserqualität recht gut. Ich bin in fünf Minuten im Wald. Das Internet leistet mir Gesellschaft. Es gibt Kindergartenplätze.

Ich nehme einen niedrigeren Lebensstandard in Kauf, um mehr Zeit/Geld zur Verfügung zu haben. Beeinflussen die Lebenserhaltungskosten das Gehalt, würde diese Entscheidung bestraft werden.

Bei Buffer passiert genau das. Es gibt bis zu 15% weniger Gehalt, wenn man an einem Ort mit niedrigen Lebenserhaltungskosten lebt.

Der Vorschlag den Lebensstandard mit-einzubeziehen würde dem entgegenwirken. Das halte ich jedoch für unrealistisch. Weil es zu viele Faktoren sind, für die es oft keine Datengrundlage gibt. Das Unternehmen würde darüber entscheiden, was den Lebensstandard beeinflusst. Bekomme ich mehr Geld, weil es kein Kino/Kindergarten/Theater/Fortbildungsmöglichkeit in meiner Umgebung gibt? Weil die Dinge teurer sind? Was wenn mich das alles nicht interessiert oder bewusst dagegen entschieden habe?

Faktoren aus anderen Vorschlägen, kann ich mehr abgewinnen.

Ich würde für 15% mehr Gehalt nicht in eine teure Gegend ziehen. Würde mich aber trotzdem ungerecht behandelt fühlen.

Ich frage mich, ob individuelle Wohnkostenzuschüsse einen Unterschied machen würden. Aber auf welcher Basis? Ich möchte mein NYC Loft nicht aufgeben?

Am Land bräuchte ich mehr Geld, um die gleichen Dinge zu machen, wie jemand in der Stadt. Stattdessen bekäme ich weniger.

Die ganze Diskussion ist natürlich total abgehoben. Ich schreibe über remote-fähige Jobs für Personen, die ziemlich frei zwischen Selbständigen- und Angestelltenverhältnis wählen können. Entsprechend gibt es auch beim Gehalt ein Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden.

Ich befürworte ein Mindestgehalt, das sich an den Lebenserhaltungskosten (2x?) orientiert und entsprechend jährlich angehoben wird. Aber nicht für den spezifischen Wohnort der Arbeitnehmer_innen angepasst, sondern für alle gleich. Mit zusätzliche Unterstützung für abhängige Personen und Home-Office/Pendel/etc..

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite freiberuflich als Social Media Analyst und veröffentliche jährlich einen Blogbeitrag. | | | Newsletter

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