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Stummschalten statt Entfreunden: Integrierte Entnetzung auf Social Media Plattformen

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Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars „Netzwerkkulturen“ bei Sebastian Gießmann an der Universität Siegen.

In der Apokalypse der Netzwerke gerät somit die für Netzwerke eigentlich nicht denkbare Existenzform entnetzter Einheiten in den Fokus, also das, was nach dem Durchschneiden des sozialen Bandes »überlebt«.

Urs Stäheli in Soziologie der Entnetzung (2021)

Beziehungen zwischen Menschen sind zu komplex, um sie als ein binäres verbunden oder nicht verbunden abzubilden. Dies haben Social Media Plattformen lange Zeit vernachlässigt, weshalb es zu Brüchen in der Vernetzung kam, wenn Personen Plattformen aus Überforderung komplett verlassen haben. Durch Entnetzungs-Funktionen halten die Plattformen das Netzwerk intakt, indem Nutzer:innen Verbindungen lockern können ohne sie lösen zu müssen.

Es gibt drei Unterschiede zwischen Beziehungen und ihrer digitalen Abbildung, die Entnetzung unumgänglich machen. Entnetzung als ein Auflösen von Verbindungen ohne dass der Knoten verloren geht. Der erste Grund ist die Vielschichtigkeit von Personen, der zweite, die zwischenmenschliche Dynamik und der dritte, das Verblassen von Beziehungen.

Menschen nehmen in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Rollen ein und diese Rollen können sich widersprechen und trotzdem wahrhaftig sein. Social Media reduziert alle Kontexte auf eine Ebene und zwingt die Personen entweder ihre Vielseitigkeit und Widersprüchlichkeit offen zu zeigen oder sich für eine Facette zu entscheiden, die sie als primäre Identität in der Öffentlichkeit aufführen. Das Gegenüber hat keine Wahlmöglichkeit mehr. Social Media wird zu einem durchgehenden Schulterblick bei allen Interessen, Meinungen und Aktivitäten der teilenden Person. Mit einer Person, die man nur auf der Arbeit kennt, versteht man sich möglicherweise auch wunderbar beim Laufen gehen. Aber man möchte möglicherweise keine Einblicke in ihr Liebesleben, den Konflikt mit den Nachbarn oder umfassende Ausführungen über ihre Hausbibliothek. Auf einer Social Media Plattform stehe ich dann vor der Entscheidung, ob ich mit der Person weiter verbunden sein möchte oder nicht. Gäbe es nur diesen Aspekt, könnte ich abwägen, ob der Nutzen der Inhalte, die mich interessieren, der empfundenen Belästigung durch die, die mich nicht interessieren, überwiegen. Beziehungen sind jedoch keine kalten Berechnungen.

Beziehungen haben zwischenmenschliche Dynamiken, die verhindern, dass Verbindungen jederzeit beendet oder begonnen werden können. Auf bi-direktionalen Plattformen wie Facebook, wo beide Seiten die Beziehung bestätigen müssen, fällt dies stärker auf, als auf mono-direktionalen Plattformen wie Twitter, wo Beziehungen auch einseitig bestehen können. Da die Aufkündigung der Beziehung auf beiden Plattformen sichtbar sind, kann es zu auch auf beiden zu unerwünschten Folgen kommen, die eine Person davon abhalten eine Beziehung aufzukündigen, obwohl die geteilten Inhalten eher zu Aufregung statt zu Freude führen. Die Beziehung zu einem Familienmitglied oder jemanden aus dem Freundeskreis auf einer Social Media Plattform aufzukündigen, kann zu einer Aufkündigung der gesamten Beziehung durch die andere Seite führen. Selbst wenn man erklärt, dass der Grund lediglich ein Teil der Inhalte sind, die die Person teilt und für die man sich nicht interessiert. Das Entfolgen von Personen auf Twitter führt immer wieder zu öffentlichen Unmutsbekundungen (twitter.com/search?q=warum%20hat%20entfolgt). Ein plausibler Grund das bewusste Entfolgen abzustreiten ist der @UnfollowBugBot, der behauptet, dass Twitter manchmal Accounts selbständig entfolgt. Nutzt man ihn aus Ausrede, muss man dem Account anschließend wieder folgen. Auch das Trennen von Verbindungen auf Xing kann dazu führen, dass man angerufen wird und sich erklären muss (twitter.com/monogonet/status/1437363410895785986). Solche unangenehmen Folgen führen dazu, dass Menschen Beziehungen auf Social Media Plattformen aufrecht erhalten, obwohl sie es nicht mehr möchten. Die Nutzung der Plattform wird damit immer anstrengender bis zu dem Punkt, wo man sich dazu entscheidet die Plattform gar nicht mehr zu nutzen. Dann muss man nicht das Entfernen einzelner Verbindungen erklären, sondern kann die Plattform als Ganzes als unpassend beschreiben. 

Der dritte Unterschied ist das Verblassen von Beziehungen. Beziehungen zwischen Menschen sind fragil. Wenn sie nicht immer wieder durch Austausch wie etwa Treffen, Geschenke oder Nachrichten erneuert werden, verblassen sie. “Sich aus den Augen verlieren”, ist der umgangssprachliche Ausdruck dafür. Social Media Plattformen kennen dieses Verblassen nicht. Eine Verbindung, die dort geschlossen wird, bleibt bestehen bis sie aktiv aufgekündigt wird. Das hat zur Folge, dass sich mit fortschreitender Zeit immer immer mehr Kontakte ansammeln. Kontakte, die man ohne der Plattform längst vergessen hätte. Das ist kein negativer Aspekt in sich. In manchen Fällen freuen sich Menschen, wenn sie so lange in Kontakt sein können ohne ständig Energie in die Beziehung zu investieren. Zugleich führt diese Anhäufung von Kontakten dazu, dass das Verhältnis von Inhalten, an denen man interessiert ist, zu denen, an denen man nicht interessiert ist, immer schlechter wird. Vor allem in der Kombination, dass Interessen von Menschen nicht gleich bleiben. Wenn der einzige Schnittpunkt ein gemeinsames Hobby ist und dieses wegfällt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Interesse an den Inhalten ebenfalls wegfällt. Vergleicht es mit einem Verein oder Gruppe, die gemeinsam das Hobby betreibt, bedeutet der Austritt einer Person, dass der Kontakt zu dieser Person, wenn es keine weiteren Überschneidungen gibt, dass die Beziehung zu ihr langsam verblasst. Ein Vorgang, den man zwar aufhalten kann, indem man die Beziehung pflegt, tut man es aber nicht, passiert es. Auf der Social Media Plattform ist es umgekehrt. Die Beziehung muss aktiv entfernt werden. Das erfordert negative Beziehungsarbeit; Sich gegen anstatt sich nicht für Menschen zu entscheiden. 

Es gibt noch keine gefestigten Praktiken, um mit diesen Problemen umzugehen. Anil Dash hat einen Ansatz gewählt, der die individuelle Entscheidung gegen Personen verhindert, indem er einmal pro Jahr allen Accounts entfolgt. Somit kann er sich immer wieder für Personen entscheiden. Zugleich verliert er alle spannenden Accounts, die er über Jahre sorgfältig ausgewählt hat. Was bleibt sind die Accounts, die ihm in Erinnerung geblieben sind. Der Rest ist verblasst. Mein eigener Ansatz ist der Versuch den Follows nicht zu viel Gewicht zu geben, ihnen folgen, wenn sie interessant wirken und entfolgen, wenn sie sich als nicht passend herausstellen. Als Grund für das Entfolgen kann schon ein Tweet ausreichen. Die Praxis ist, aufgrund der sozialen Dynamiken, meist schwieriger. Dennoch entfolge ich Accounts von Menschen, die ich schätze, aber deren Inhalte nicht zu mir passen.

Inzwischen bieten die Social Media Plattformen Funktionen an, um zu verhindern, dass Menschen die Plattform komplett verlassen oder regelmäßig alle ihre Kontakte zu löschen. Am wichtigsten sind das Stummschalten von Begriffen und Personen.

Bei Twitter gab es schon früh Drittanbieter-Apps, die den Nutzer:innen mehr Kontrolle über ihren Feed gegeben haben. Tweetdeck, welches von Twitter übernommen wurde, führte bereits 2010 die Möglichkeit ein, Begriffe und Accounts aus dem Feed zu filtern. Diese Funktionen waren jedoch auf die jeweilige App begrenzt und funktionierten wie ein lokaler Filter in einem Mail-Programm. Twitter als Plattform führte erst 2016 die Möglichkeit ein, Begriffe stummzuschalten. Einige Monate später wurde die Funktion erweitert, sodass auch die Benachrichtigungen gefiltert werden konnten. Facebook hat 2018 ebenfalls eine Snooze-Funktion eingeführt, mit der Begriffe für 30 Tage stummgeschalten werden können. Allerdings wurde die Funktion Anfang 2021 wieder entfernt. Seitdem ist es nur noch mit Browser-Plugins möglich Beiträge mit bestimmten Begriffen nicht mehr im Feed zu haben. Das begriffbasierte Stummschalten hat den Vorteil, dass man mit einer Einstellung unerwünschte Inhalte von allen Kontakten verstecken kann. Etwa eine Sportart oder Serie. Zugleich ist es äußerst ungenau. Während auf Twitter viele Nutzer:innen Hashtags nutzen, um ihre Beiträge zu kategorisieren und sich diese einfach stummschalten lassen, sind Hashtags bei Facebook weniger verbreitet. Damit sind umfangreiche Begriffslisten notwendig, um Themen vollständig zu entfernen. Weiters steigt mit dem Umfang der Liste das Risiko erwünschte Inhalte ebenfalls zu verstecken. So haben Nutzer:innen, die verhindern wollten Game of Thrones Spoiler zu lesen und deshalb ‘GoT’ stummgeschalten haben, alle englischen Tweets mit ‘got’ aus ihrem Feed entfernt haben. Auch kann es sein, dass man Inhalte einer bestimmten Partei nicht sehen möchte, aber Tweets über diese Partei.

Die zweite Funktion ist das Stummschalten von Accounts. Twitter hat es im Mai 2014 eingeführt und ermöglicht es Accounts weiterhin zu folgen ohne ihre Inhalte zu sehen. Die Accounts können nicht sehen, ob man ihnen folgt und alle Inhalte angezeigt bekommt oder folgt und keine Inhalte angezeigt bekommt. Diese Funktion verhindert negative Folgen aufgrund von sozialen Dynamiken.

Facebook führte eine ähnliche Funktion ein paar Monate später ein. Die Beziehung zwischen Accounts wurde aufgeteilt in Befreunden und Folgen. Statt mit einem Account befreundet zu sein oder nicht, konnte man befreundet sein und ihm folgen, befreundet sein und ihm nicht folgen und ihm nur folgen, falls der Account diese Option aktiviert hat. 

Einige Jahre später, 2017, hat Facebook das Entfolgen weiter verfeinert. Seitdem ist es möglich Accounts temporär zu entfolgen. Diese Funktion ist noch sanfter und entsprechend die Hürde geringer, sie zu nutzen. Zugleich stellt sie den Ursprungszustand von alleine wieder her, als würde sich das Netzwerk selbst reparieren. Wenn der Grund für das Entfolgen weiter besteht, führt es zu erneuter Irritation und erhöht die Gefahr, dass die Person die Plattform komplett verlässt.

Es handelt sich um Funktionen des Entnetzens, die verhindern sollen, dass Nutzer:innen die Plattform verlassen. Aber sie sind unvollständig und fehlerhaft. Das Stummschalten von Begriffen hilft gegen unerwünschte Inhalte, aber sie ist einerseits aufwändig und andererseits anfällig für das Verstecken erwünschter Inhalte. Das Stummschalten von Personen reduziert das Problem der sozialen Dynamik. Beiden ist gemein, dass sie den Nutzer:innen eine Aktion abverlangen.

Veröffentlicht von

Social Media Analyst und Autor eines Blogbeitrags pro Jahr. | | Newsletter

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