Artikelformat

Spenden ohne zu spenden

12 Kommentare

Uns geht es gut. Sehr gut. Wir haben einen Computer und Internet. Wahrscheinlich sitzen wir in unserer beheizten Wohnung, werden am Abend auf einem Weihnachtsmarkt Punsch trinken oder mit Freunden einen Film genießen. Es geht nicht allen so gut. Um ihnen zu helfen, müssen wir aber kein Geld verschenken. Über eine neue alte Art zu spenden.

Spenden gestern

Kalter Winternachmittag. Hunderte Menschen wusseln durch Einkaufstraßen. An ihrer Hand Kinder, die vor jeder Auslage mit großen Augen stehen bleiben. Sie zeigen auf riesige Plüschbären, eine elektrische Eisenbahn oder den bunten Nussknacker. Ihre Eltern ziehen sie weiter. Hin und wieder stehen Menschen mit einer Blechdose da. Sie erzählen etwas von verwaisten Kindern, Heimatlosen und der Kälte. Manchmal wirft jemand ein paar Münzen in die Dose. Nur selten Scheine. Es funktioniert, weil die Leute ein schlechtes Gewissen bekommen. Anderen geht es schlecht, während sie Geschenke einkaufen. Oft Dinge, die nicht nützlich sind. Einmal davon abgesehen, dass Kinder ohne Spaß ein Problem haben. Aber dafür braucht es keine elektrische Eisenbahn, die nach einmal aufbauen und ein bisschen herumfahren wieder langweilig ist. Die Spenden sind punktuell und meist sehr klein.

Spenden heute

Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Ich sehe sie schon von weitem. Sie stehen mit ihren Mappen mitten auf dem Gehsteig, sprechen Leute an, von denen sie glauben, sie könnten sie überzeugen. Ich sehe sie meist freundlich an. Wie die meisten Leute. Dann kommen sie auf mich zu. Ich schüttle den Kopf, grinse etwas. Manchmal stellen sie sich mir einfach in den Weg, manchmal halten sie mich beim Arm weg. Dann werde ich meist etwas aggressiv. Was sie sich dabei denken. Viel öfter habe ich ein paar Minuten. Als erstes sage ich, dass es verschwendete Zeit ist. Doch sie denken anders, da ich bereits stehen geblieben bin. Mehr als viele andere machen. Sie beginnen zu erzählen. Meist von Menschenrechten oder Tierschutz. In ihren Mappen haben sie ekelige Bilder, um ihre Erzählung zu verstärken. Ich höre aufmerksam zu. Wenn sie schon beim Formular angekommen sind, manchmal früher, beginnt mein Part. Ich stelle Fragen. Beim Tierschutz geht es meist um Wissen, das sie nicht haben. Ich beginne mit Logik. Füge Dinge zusammen und erklären ihnen, warum es so nicht funktioniert, warum es sinnlos ist hier zu stehen, warum ich nicht unterschreiben werde. Nach ein paar Minuten kommt dann der Gruppenleiter. Entweder er wimmelt mich ab oder übernimmt selbst. Immer auf einen Abschluss drängend. Bis sie aufgeben und ich weitergehe. Teilweise bin ich oder meine Familie bereits Mitglied bei den Organisationen.

Sie bauen auf die Trägheit der Menschen, wollen einen Vertrag abschließen, damit sie monatlich oder jährlich abbuchen dürfen. Die einzelnen Beträge klein, doch es summiert sich und wenn man bei verschiedenen Organisationen ist, wird es schnell zu viel. Oft werde ich mehrmals pro Woche angesprochen. Manchmal sogar mehrmals täglich. Die Spenden sind regelmäßig, aber ich baue eine Abneigung gegen Organisationen auf, die mich immer öfter nerven.

Spenden morgen

Ich surfe durchs Web. Lese ein paar Blogs, da entdecke ich ein Weihnachstgeschenk. Ein Buch, das sich jemand schon lange gewünscht hat. Ich rufe Amazon auf, schnell ist es gefunden. In ein Einkaufskorb damit. Noch ein paar Dinge für mich. Ich klicke auf bestellen. Zwei Tage später kommen die Pakete an. Eines bei mir und eines bei meinem Freund. Das Geld wurde einfach von meinem Konto abgebucht. Spenden war noch nie so einfach.

Das Ganze funktioniert über eine Firefox-Extension von Sebastian Moser für den Verein Laafi. Amazon wird dabei gesagt, dass Laafi zum Kauf dieses Produktes bewegt hat und somit gibt es einen Prozentsatz (um die 5%) als Werbekostenrückerstattung für den Verein. Ich habe dadurch keine Mehrkosten und spende genau dann, wenn ich auch Geld ausgebe. Es ist einfach zu verwenden und ihr könnt beim Weihnachtseinkauf etwas Gutes tun ohne Geld dafür herzugeben. Amazon profitiert davon auch noch, weil ihr dort und nicht woanders einkauft. Weitere Infos.

Spenden mit Gegenwert

Eine bewährte Methode. Jemand erstellt etwas ehrenamtlich und verkauft dies. Eine weitere Methode des Spenden ohne zu Spenden, die allerdings schon lange existiert. Wir kennen das klassische Bild der Pfadfinder, die von Türe zu Türe gehen und Kekse verkaufen. In Europa weiter verbreitet sind Kuchen die bei Schulveranstaltungen verkauft werden. Hier kommt eine Sache ins Spiel, die immer wichtiger wird. Vertrauen. Was passiert mit dem Geld danach? Wer garantiert mir, dass das Geld auch wirklich zum angegebenen Zweck verwendet wird? Im Social Web kommt die persönliche Verbindung zum tragen. Ich möchte an dieser Stelle zwei weitere Aktionen vorstellen.

Der Laafi-Kalender
Ein Kalender mit großartigen Fotos aus Afrika. Gespendet wird damit für den Laafi-Verein. Wenn ich lese, dass ein Fußball-Kalender 20€ kostet, erscheinen mir 10€ als günstig. Etwa 8€ gehen dabei als Spende an den Verein. Hinter dem Kalender steht unter anderem Helge Fahrnberger, der auch einige der Fotos gemacht hat. Helge keine ich seit ich in Wien bin und er hat mein Vertrauen, dass das Geld seinem Bestimmungszweck zugeführt wird. Wer noch ein Weihnachstgeschenk für Eltern, Tanten, Freunde sucht, kann den Kalender hier bestellen.

Weihnachtsauktion
Hans-Peter Manzenreiter versteigert in seinem Blog ein Bild von Sandra Schierz. Das Bild könnt ihr links sehen. Die Auktion läuft 14 Tage. Der Gedanke dahinter ist, dass man über eine solche Auktions-Aktion mehr Geld auftreiben kann, als wenn man einfach spendet. Man spendet seine Fähigkeit in einem speziellen Bereich. Der Erlös wird an Licht ins Dunkel gespendet. Auch Hans-Peter kenne ich persönlich und vertraue ihm. Eine größere Version des Bildes findet ihr hier. Mein erstes Gebot habe ich bereits abgegeben. Das Bild würde sich gut über meinem Sofa machen. Dennoch fordere ich alle auf gegen mich zu bieten, damit das Bild zu einem guten Wert versteigert wird. Mitsteigern.

Zusammengefasst: Firefox-Extension installieren, Afrika-Kalender bestellen und Bild ersteigern. Alles für einen guten Zweck und ohne Geld zu verschenken.

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

| | | Newsletter

12 Kommentare An der Unterhaltung teilnehmen

  1. Großartiger Artikel. Das Add-on hab ich mir direkt installiert und werde es weiterverbreiten, den Kalender behalte ich im Kopf. Spendenauktionen müssten sich eigentlich auch bei Ebay wieder einfinden – war bisher glaub ich öfter so…

    Ehrlich gesagt kenne ich die von dir beschriebene Art der Spendensammler gar nicht, bei uns beschränkt sich das meist auf „Eeeeine Spende für kreeebskranke Kinder bitte!“. Die sind nicht sonderlich seriös, nerven dafür aber auch nicht. Find’s gut dass die darauf ansprichst, vielleicht bringt’s bei dem ein oder andern ja sogar was…

    Gerade in dieser Zeit, wo sich noch mehr Leute Gedanken machen wie man spenden könnte, kommt dieser Artikel sicher gut. Schöne Sache!

    Achso, fast vergessen, zumindest meine Augen finden dein Theme jetzt schonender, mit Ausnahme der Bereiche wo Links sind, wo helle und fast helle Schriftfarbe gemischt sind… ;)

    Antworten

  2. Au ja. Spenden ohne zu spenden. Ich vergeude kein Geld für zusätzliche Spenden und wasche mein Gewissen direkt beim Kauf des Fernsehers, der durch von ihren Eltern an irgendeine Firma verkaufte Kinder zusammengeschraubt wurde, rein. Da provitieren die Kinder und ich. Was für eine unglaubliche Win-Win-Situation.
    Au ja. Spenden ohne zu spenden. Die von mir durch den Kauf entsprechender Produkte geförderte Kinderarbeit und Ausbeutung von Dritte-Welt-Ländern wird von mir wieder ausgebügelt durch meine Spende. Da provitieren die Wirtschaft und die ausgebeuteten Niedriglöhner. Was für eine unglaubliche Win-Win-Situation.
    Au ja. Spenden ohne zu spenden. Dadurch, dass ich mit meiner Spende, die mich nichts kostet, schlechte Bedingungen bei den Menschen, die mein eigenhändig gekauftes Produkt zusammenbauen, ausbessere, können die Hersteller den Preis und die Löhne noch weiter senken. Was für ein Zynismus.

    Spenden ist ein Akt der Reue, des schlechten Gewissens. Ich kaufe Produkte, von denen ich weiß, dass sie mir nützen und dafür andere in den Abgrund der Lebensverhältnisse reißen. Wenn mir das mal, wie zu Weihnachten bewusst wird, „schmeiße“ ich mit einem Hundertstel oder Tausendstel meiner jährlichen Ausgaben um mich, um die entstandenen Löcher zu stopfen, in den Dritte-Welt-Ländern und in meinem Gewissen. Dann noch schnell ein guter Vorsatz für’s nächste Jahr – keine Dritte-Welt-Länder-Ausbeuter-Produkte mehr – und, halt, Moment. Fair Trade Produkte sind teurer!? Ich soll zurückstecken? Mit meinem Lebensstandard den anderer Leute ausgleichen? Bitte? Da spende ich lieber ab und an mal mein Gewissen sauber und rein.
    Die logische Konsequenz des Laafi-Addons für Firefox ist übrigens die Spendensteuer auf Dritte-Welt-Produkte. Wenn die allerdings angemessen hoch sein soll, dann wird das Produkt wohl nicht viel billiger als ein fair verlohntes.

    Antworten

  3. @jenstroll
    Ich gebe dir Recht. Spenden ist eigentlich total doof. Ich sollte allen davon abraten. Vor allem, wenn sie es nur machen, um ihr Gewissen zu erleichtern. Ein total verwerflicher Grund. Und Elektronikprodukte sollte man auch nicht kaufen. Da wird die Dritte Welt aufgebeutet. Und die Kinder. Alles meine Schuld, weil ich diesen blöden Laptop gekauft habe.

    Du verallgemeinerst, deine Argumentation ist lückenhaft. Und am wichtigsten, du kritisierst blind ohne eine Lösung zu bieten. Damit fühlst du dich besser als Menschen, die etwas unternehmen?

    Du kritisierst das Laafi-Addon, weil es den Leuten, die es verwenden keine zusätzlichen Kosten verursacht? Findest du es sinnvoller, wenn die 5% als Gewinn verbuchen kann und nichts gespendet wird? In deinem letzten Satz schreibst du etwas von Spendensteuer. Das bedeutet allerdings, dass das Produkt teurer wird. Dies ist bei dem Laafi-Addon nicht der Fall und daher nicht zu vergleichen. Was ist daran falsch, dass ein gewisser Prozentsatz gespendet wird? Glaubst du, dass das Geld nicht hilft? Vielleicht solltest du dir einmal die Projekte von Laafi anschauen. Dass 10% des Jahresbudget von Amazon kommen spielt dabei vielleicht eine Rolle.

    Beantworte mir bitte folgende Fragen:
    Was ist falsch an dieser Art zu spenden?
    Wie sieht deine Lösung aus?

    Antworten

  4. @Jens
    Warum verwendest du einen Computer? Meines Wissens gibt es noch keine Computer mit dem Transfair-Gütesiegel. Wie kannst du Nachts schlafen?

    Antworten

  5. Es ist nichts falsch an irgendeiner Art zu spenden. Und eine Lösung – die habe ich nicht.
    Ich fühle mich nicht als besserer Mensch und mir sind so gut wie alle, die ich nicht persönlich kenne und noch viel mehr deren Lebensstandard ehrlich gesagt herzlich egal. Ich freue mich, wenn ich auf deren Kosten günstig an irgendetwas komme und zwar soweit, wie ich beim Benutzen dieser Dinge nicht zwanghaft daran denken muss, wie sie entstanden sind. Ich benutze also so gut wie alles mit Freude und ohne Rücksicht auf die Herstellung. T-Shirts von Kindern, die 18 Stunden am Tag arbeiten, Elektrogeräte deren Existenz ich nur bis zum Kaufhaus zurückverfolgen kann. Solange ich verdrängen kann, wie es unter Umständen entstanden ist – scheißegal. Hauptsache, mir gefällt’s. Grundsätzlich.
    Ab und an tendiere ich aber halt auch zu diesem, benennen wir es neutral, Wunsch, andere Menschen nicht durch mein Verhalten auszubeuten. Dann kaufe ich fair gehandelte Produkte, punktuell, ab und an, vielleicht auch, wenn sie mir nebenbei noch einen Vorteil bringen. Und auch das Addon werde ich benutzen bzw. den 7,5%-Amazon-Link auf der Laafi-Homepage.
    Wenn ihr euch an meinem Kommentar stoßt, dann seht ihn bitte als Kritik meiner selbst und nur meiner selbst an, der Verwerflichkeit meines Verhaltens und der Tatsache, dass ich mir dessen auch noch bewusst bin und letztendlich nichts dagegen unternehme.
    Und ob ihr mir abnehmt, was ich hier schreibe oder nicht (allerdings klingt und ist es so egoistisch, das muss glaubwürdig sein), unterstellt mir bitte nichts. Kritisiert meintetwegen, was ich sage, aber unterstellt mir nicht, dass ich mich besser fühlen würde als Menschen, die (mehr) spenden. Was ich tu und sein lasse ging aus dem ersten Kommentar nämlich nicht hervor.

    Antworten

  6. Dein Kommentar klang in meinen Augen (?) so bissig, dass ich es nicht als Eigenkritik erkannte. Doch mit dem zweitem macht es Sinn irgendwie. Und auch ich laufe nicht mit weißem Gewand herum. Das einzige, das ich von mir behaupte kann ist die Wahl von Fairtrade Produkten im Lebensmittelbereich. Meine Rechnungen sind dadurch höher, aber ich fühle mich besser und schmecken tut es auch besser. Zumindest sagt mir mein Kopf das.

    Auch wenn man nicht immer sein ganzes Leben umkrempelt, obwohl man erkennt, dass einige Dinge falsch laufen, ist das nicht verwerflich. Man sieht es und man denkt darüber nach. Manchmal tut man etwas. Vielleicht tut man irgendwann mehr. Hoffentlich.

    Antworten

  7. Hm ja, mein erster Kommentar spiegelt meine Gedanken (und davon auch nur einen Teil), die mir bei diesem Thema durch den Kopf gehen, in Prosa wieder. Ich hoffe, dass das jetzt tatsächlich etwas klarer wurde.
    Mir scheint es immer so, als wären Massenbewegungen in Fairtrade-Richtung, sofern sie erkennbar sind, doch meist mehr Trend als Erkenntnis. Ohne zu philosophisch werden zu wollen – aber irgendwie liegt es wohl in der Urnatur des Menschen, Dinge, die er nicht sieht, zu vergessen.
    Greenpeace betreibt sowas ja manchmal im Umweltschutz: Was würde wohl passieren, wenn man an jedes T-Shirt ein Foto aus dem Produktionsbetrieb hängen würde? Würden die Leute davor zurückschrecken, Kleidung mit einem Foto zu kaufen, auf dem man einen dunklen Keller und 100 versklavte Kinder sieht? Wenn man also stets vor Augen hätte, was man mit dem Kauf eines Produktes fördert? Oder ob sich das bewusste Kaufen solcher Kleidung mangels realistischer Alternativen gar negativ auswirkt, noch normaler wird, als eh schon ist? Nur ein spontanes Gedankenexperiment, das mich gerade beschäftigt…

    Antworten

  8. Es ist ja alles gut und schön, Menschen sollten zusammen halten, aber irgendwann hört das dann auf. Ich spende regelmäßig für Kinder die an Krebs erkrankt sind und da ich nicht auf Rosen gebetet bin kann ich nur einer Institution eine Spende zu kommen lassen mehr geht einfach nicht.

    Antworten

  9. Schön wie du dir hier die Arbeit gemacht hast, und hier alles mal so schön zusammengefasst hast. Aber vom Spenden halte ich leider nicht viel. Liegt vielleicht auch daran, das ich selber froh bin, wenn ich den Monat über die Runden komme, obwohl ich eine feste Arbeitsstelle habe.
    Man weiss leider bei den meisten Spenden auch gar nicht ob das alles so ankommt, wie es dafür geworben wird. Ich traue solchen Spendensachen in den meisten Fällen nicht. Gerade denen die in der Einkaufsstrasse stehen und die Leute anquatschen.

    Antworten

  10. @Jens
    Genau darum geht es in dem Beitrag. Dass man nicht direkt Geld spendet, sondern über bestimmte Programme ein Teil des Preises von Waren, die man sowieso kauft, gespendet werden.

    @Colognegirl
    Und daran merkt man, dass du nur spammst und den Beitrag nicht wirklich gelesen hast. Gerade weil manche Organisationen nicht vertrauenswürdig sind, empfehle ich beispielsweise Laafi, weil ich dort die Verantwortlichen kenne und die mein Vertrauen genieße und daher können Personen, die mir vertrauen auch ihnen vertrauen, dass das nicht für alle gilt ist auch klar.

    Antworten

  11. Pingback: 2-Blog » Blog Archive » Motivationstief in ein Hoch verwandeln

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.