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Twitterwalls bei Konferenzen

2 Kommentare

Die Social Media Week Berlin hat erneut die Diskussion über Twitterwall bei Konferenzen entfacht. Mathias Richel findet sie unhöflich, weil die Menschen anscheinend jeglichen Anstand verlieren sobald sie nicht mehr den Mund öffnen müssen, sondern irgendwo im Hintergrund ihren Schwachsinn ins Handy oder den Laptop tippen können. Meist wird nicht inhaltlich beigetragen, sondern die Tweets laufen lediglich auf Selbstpromotion und Unterhaltung hinaus. Wir sind ja alle so witzig. Johnny Häusler nimmt den Beitrag in Betracht der kommenden re:publica 2010 in deren Blog auf, versucht das Thema differenzierter zu sehen und weist auf den hervorragenden Live-Rückkanal hin, der eine Twitter wall sein kann.

Ganz oder gar nicht?

Ich kann mich noch an die re:publica 2008 erinnern, ich war erst seit kurzem, 8. Jänner, bei Twitter und habe miterlebt, wie die Konferenz Twitter einen ordentlichen Schub in der deutschen Webszene gegeben hat. Seitdem habe ich viele Veranstaltungen mit und ohne Twitterwalls, auch Fake-Twitterwalls (nur per SMS), erlebt. Manchmal hat es gut funktioniert, manchmal gar nicht. Aber auch wenn keine vorhanden war, habe ich mir öfters eine gewünscht und daran gedacht, was den Menschen entgeht, die kein Smartphone haben und die Diskussion zum Vortrag auf Twitter nicht mitbekommen. Ich kann mich erinnern, wie sich die Leute auf Twitter immer wieder während Veranstaltungen darüber aufregen, dass es außer die Personen, die dort sind niemanden interessiert, was man dazu schreibt. Doch ich bin weder für noch gegen Twitterwalls. Vielmehr kommt es darauf an wann und wie eine Twitterwall eingesetzt wird. Ich male einmal ein paar Szenerien aus, wie alle profitieren können, ohne zu behaupten, dass das die endgültige Lösung für das Problem ist. Lediglich Ansätze.

Szenarien

Unter welchen Vorraussetzungen könnte eine Twitterwall funktionieren?

Im Foyer

Die Wall muss nicht immer im Raum des Panels, des Vortrags aufgebaut sein, sondern darf ruhig draußen stehen. So bekommen die Teilnehmer mit, dass eine aktive Beteiligung erwünscht ist, aber das Publikum bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die die Vortragenden, Diskutanten bekommen. Wer ein Smartphone hat kann die Online-Diskussion einfach darauf mitverfolgen und teilnehmen. Es gibt keine gemeinsamen Lacher, weil alle in anderen Frequenzen die Tweets abrufen und die Diskutanten werden nicht gestört. Klarer Nachteil ist, dass alle ohne Smartphone ausgeschlossen werden. Man sieht zwar draußen, was gerade los ist und kann zum Vortrag gehen, wenn es spannend scheint, aber das Publikum wird nicht in die Diskussion integriert.

An der Seitenwand

Bei der letzten re:publica war die Twitterwall riesig und bekam unter anderem darum mehr Aufmerksamkeit als die Diskutanten selbst. Wenn man sie jedoch kleiner macht und vielleicht nur irgendwo seitlich neben der Bühne aufstellt, hat sie nicht diesen Einfluss. Es bleibt aber die Ablenkung für Publikum und Diskutanten.

Ohne Wall

Der Moderator oder ein Co-Moderator liest die Tweets mit und bringt interessante Fragen oder Anmerkungen in die Diskussion ein. Damit bekommen alle die Honighappen mit, das Publikum kann sehr niederschwellig teilnehmen und niemand wird abgelenkt. Außer der Moderator versinkt zu sehr in die Tweets. Zugleich lässt man das Publikum nur begrenzt miteinander diskutieren und wird bald einmal mit Zensurvorwürfen beworfen werden. Doch damit sollte man kein Problem haben. Ich halte diese Methode besonders dann sinnvoll, wenn Diskutanten dabei sind, die die vollen Wucht des Social Web Zynismus nicht gewohnt sind. Es ist so etwas wie Publikumseinbindung light. Gute Erfahrungen für so etwas habe ich mit Livestream-Chats gemacht.

Moderierte Wall

Da ich Nachzensur in diesem Fall sinnlos finde (was einmal gelesen wurde, kann nicht ungelesen gemacht werden), muss wirklich jemand die ganze Zeit am Twitterstream hängen und die guten Beiträge auf die Twitterwall holen. Das kann bei einem großen Tweetaufkommen recht anstrengend sein, hält aber die ganzen Selbstpromoter und ichwillauchmalaufdiewall Poster ab. Wenn sich die Qualität der Beiträge soweit verbessert hat, dass fast jeder Tweet zugelassen wird, kann man auch auf Nachzensur umschalten. Allerdings muss man sich dafür erst ein System schaffen, mit dem es effizient umgesetzt werden kann.

Zeitfenster

Warum muss die Wall eigentlich immer laufen? Publikumseinbindung kann einfach nicht durchgehend stattfinden, wenn die Session nicht darauf ausgelegt ist. Etwa eine Frage-Antwort-Session. Je nach Dauer der Session kann man daher die Twitterwall mehrmals dazwischen oder nur am Ende anschalten, wenn Fragen gestellt werden können. Auch zwischen den Sessions, damit man sich darüber unterhalten kann, wo man als nächstes hinschaut. Grundsätzlich geht es aber darum, dass sich die Podiumsteilnehmer auf die Wall, das Publikum konzentrieren und auf die Dinge dort eingehen können. Die parallele Diskussion läuft so oder so ständig und muss nicht unbedingt auf die Wall produziert werden. Auch wenn dadurch einige Teilnehmer davon ausgeschlossen werden.

Soweit meine Ideen. Ich bin mir sicher, es gibt noch mehr Möglichkeiten und ich wäre da auf eure Meinungen gespannt. Gerne auch als eigene Beiträge. Und sonst sieht man sich auf der re:publica.

Veröffentlicht von

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Paderborn, arbeite an meinen Projekten #Blognetz und Lummity, beschäftige mich mit Datenvisualisierung, blogge bei AmbassadorBase und bin Tutor an der Uni.

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2 Kommentare An der Unterhaltung teilnehmen

  1. Ein wesentliches Szenario hast du nicht erwähnt:
    Twitterwall nur für Podium sichtbar.
    + Moderator & Podium können darauf eingehen (Twitterndes Publikum siehts ja so oder so was geschrieben wird)
    + kein Kollektivgelächter
    – Ausschluss der anderen Zuschauer

    Danke aber für die Zusammenfassung!

    Antworten

  2. Pingback: Die Höflichkeit der Informationen. | Mathias Richel

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